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GesundheitAb wann gelten Menschen als sportlich?

Sportlich sein ist das Ziel vieler Menschen. Aber was ist das eigentlich, sportlich sein? Unser Kolumnist fühlt sich häufig gar nicht so. Und versucht sich an einer Antwort.Thorsten Firlus 28.08.2025 - 17:25 Uhr Artikel anhören
Ein Blick in den Spiegel genügt nicht, um zu klären, ob man sich als sportlichen Menschen betrachtet. Foto: Firlus

Ganz von ungefähr schreibe ich hier nicht alle 14 Tage über Ausdauersport. Von außen betrachtet, mache ich viel. Training und Wettbewerbe sind Teil meines Alltags. Wenn ich dann so irgendwo sitze und mein Blick an der feinen Wölbung in Bauchhöhe hängenbleibt, mit der Hand zur Chipsschale greife, das Glas Wein schwenke, dann bin ich sicher: Sportlich sind andere, aber nicht ich.

Es wird nicht besser, wenn ich mich in sportlichen Gefilden bewege, ganz im Gegenteil. Im Schwimmbad ausgeprägte Rückenmuskulaturen, beim Laufen gazellenartig sich bewegende Gestalten, auf dem Rad entschlossen dreinblickende Menschen mit Waden, deren Konturen hervortreten, wo meine mir eher gemütlich gepolstert zu sein scheinen.

Sportlich sein, das ist in unserer Gesellschaft schnell über das Äußere definiert. Ich habe aber aus sehr guten Gründen vor vielen Jahren aufgehört, zu glauben, ich könne erkennen, ob jemand sportlich ist oder nicht.

Reicht einmal die Woche eine Runde Tennis?

Dazu reichten die Teilnahmen an Wettbewerben, wo ich von Menschen überholt wurde, die auf den ersten Blick keine der Kriterien der werbenden Sportartikelhersteller erfüllen. Nehmen Sie es genau so hin, wie es hier steht: Sportlichkeit sehen Sie niemandem an.

Natürlich, sichtbar durchtrainierte Körper werden das kaum durch Faulenzen sein, aber zumindest im Ausdauersport lässt sich nur wenig erkennen. Die Athletisierung des Fußballs sollte das unterstreichen: Die Weltmeister von 1974 dürften mit ihrer damaligen Physis vermutlich heute nur noch bei den Altherren auflaufen.

» Lesen Sie auch: Und wovor laufen Sie davon?

Wann also sind Menschen sportlich? Was ist mit jemandem, der einmal die Woche eine Stunde Tennis spielen geht, ansonsten aber vornehmlich mit dem Auto zur Arbeit im Büro fährt, im Vergleich zu jemanden, der gar keinen Sport betreibt, aber täglich mit dem Hund eine Stunde rausgeht, ausschließlich Treppen benutzt und die fünf Kilometer zur Arbeit mit dem Rad fährt?

Was die Wissenschaft sagt

Die Wissenschaft zögert. Der Begriff sportlich ist zu diffus. Messbar sind Leistungswerte. Immerhin die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt in Empfehlungen aus dem Jahr 2020 an, dass Erwachsene als „ausreichend körperlich aktiv“ gelten, wenn sie mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche moderate Aktivität absolvieren (alternativ auch 75 bis 150 Minuten und an zwei Tagen Muskeltraining).

Die Soziologen sind da was menschlicher unterwegs und richten sich nach dem, was in Befragungen so herauskommt. Regelmäßige Ausübung reicht in den Augen vieler schon, damit man als sportlich durchgeht.

Die Sportwissenschaft wiederum bedient sich harter Leistungsdaten, die entweder per Laktatmessung, FTP-Test oder Coopertest ermittelt werden. Und wer diese meiden möchte, findet vielleicht beim Deutschen Sportabzeichen eine Antwort für sich, ob sie oder er überhaupt sportlich ist und wenn, ob in Bronze, Silber oder Gold.

Warum sitze ich also abends immer herum, schaue auf mich und denke: Sportlich? Haha. Nachfolgend die originalen zehn Fragen der Athletic Identity Measurements Scale, die es Anfang der 1990er versuchten zu versachlichen:

  1. I consider myself an athlete.
  2. I have many goals related to sport.
  3. Most of my friends are athletes.
  4. Sport is the most important part of my life.
  5. I spend more time thinking about sport than anything else.
  6. I need to participate in sport to feel good about myself.
  7. Other people see me mainly as an athlete.
  8. I feel bad about myself when I do poorly in sport.
  9. Sport is the only important thing in my life.
  10. I would be very depressed if I were injured and could not compete in sport.

Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung – das kennt die Psychologie als Konzept. Natürlich würde ich schon Frage #1 mit einem klaren Ja beantworten. Fühlt sich nur nicht so an. Schon gar nicht, wenn ich unter Athleten bin, in deren Gegenwart die Wohlstandsrolle auf Hüfthöhe sich wie von Geisterhand aufzublähen scheint.

Und es wäre fatal, Sportlichkeit ausschließlich auf Basis von Körperfett (in meinem Fall fast so viel wie Quark hat) beurteilen zu wollen. Doch schon im Büro nehme ich lieber den Fahrstuhl in die fünfte Etage, statt den appellativen Aushängen zu folgen, die mich fragen, ob ich was für meine Gesundheit tun und die Treppe nutzen möchte.

Und Sport ist nun sicher nicht das Wichtigste in meinem Leben. (Frage #4). Schon gar nicht, seit die eigenen Leistungen nicht nur nicht für einen Podiumsplatz reichen, sondern auch nicht mal mehr, um mich selber noch zu schlagen. Bestzeiten sind gemacht, die Stagnation weicht der ständigen Verschlechterung der absoluten Zeiten.

Und ich sollte mein Sportprogramm, so will es derzeit die Berichterstattung, sowieso ändern: Weg von der Ausdauer hin zum Muskelaufbau. Nicht, das wäre ja noch was, um die Getränkekisten locker wuppen zu können, sondern lediglich UM. IM. ALTER. BEWEGLICH. ZU. BLEIBEN. Ironman bekommt da gleich einen ganz anderen Beigeschmack: Altes Eisen.

Wir lernen: Sportlich sein und sich sportlich fühlen sind zwei Dinge. Im besten Falle ist es deckungsgleich. Ob das bei Ihnen der Fall ist, das können nur Sie selbst beantworten. Mein Tipp: Fühlen Sie sich lieber etwas sportlicher, als Sie vielleicht tatsächlich sind, das macht bessere Laune.

Thorsten Firlus ist Handelsblatt-Redakteur und ambitionierter Sportler. Im Handelsblatt-Wochenende lässt er Sie alle 14 Tage an seinen Erkenntnissen aus letzterem teilhaben.

Erstpublikation: 21.08.2025, 14:59 Uhr.

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