Globale Trends: Deutschland zieht so viele ausländische Studenten an wie nie
Die so oft totgesagte Globalisierung erreicht die Wissensgesellschaften. Die klassischen Ausbildungsländer USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Deutschland sind nicht mehr die einzigen, die Talente aus dem Ausland anlocken. Länder, die noch vor wenigen Jahren kaum eine Rolle spielten, haben ihr Angebot an Studienplätzen massiv ausgeweitet. Dazu zählen etwa Kirgistan, Polen, Marokko und Südkorea, aber auch Chinas Sonderverwaltungszone Macau.
Wie so oft bei der Internationalisierung von Wirtschaft und Wissen ist das Ganze kein Nullsummenspiel. Die klassischen globalen Studienzentren verlieren nicht an Bedeutung, im Gegenteil. Die Zahl der Wissenshungrigen, die aus dem Ausland zumindest zeitweilig in die USA oder nach Großbritannien zuwandern, wächst weiter.
In Deutschland gab es mit 370.000 internationalen Studierenden im Wintersemester 2022/23 einen Rekord. Für das Wintersemester 2023/24 schätzt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ihre Zahl auf ein neues Allzeithoch von 380.000 bis 390.000. Weltweit liegt die Bundesrepublik damit auf Rang drei, noch vor Australien: ein Lichtblick in der herrschenden Tristesse.
Nicht nur die Zahl der Länder, die um Studierende aus dem Ausland werben, nimmt zu. Auch bei den Herkunftsländern tut sich viel. In Deutschland hat Indien zum ersten Mal China überholt, das viele Jahre lang die höchste Zahl ausländischer Studenten stellte.
Und unter den Top 15 der Ursprungsländer sind nur noch vier EU-Staaten. Die anderen sind die neuen Supermächte und Schwellenländer. Mehr junge Marokkaner als Franzosen lernen mittlerweile an deutschen Universitäten – gut für unsere Beziehung zu dem wachstumsstarken Land, schlecht für die deutsch-französische Freundschaft.
Deutschland muss für seinen Studienstandort werben
Für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft ist die hohe Attraktivität im Urteil ausländischer Studierender extrem wichtig. Mehr als die Hälfte von denen, die in die Bundesrepublik kommen, erlernt MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die für eine Volkswirtschaft mit hohem Anteil an Technologie-Exporten lebenswichtig sind.
„Sie bleiben nach dem Abschluss zu über einem Drittel längerfristig hier, um in Deutschland zu arbeiten“, sagt Michael Flacke vom DAAD. Nur ein Land, nämlich Kanada, kommt auf einen noch höheren Wert. Für die Gewinnung von hochqualifizierten Fachkräften für Arbeit und Gründungen in Deutschland ist das ein gewaltiges Plus. Wer sich wie Rechtsextreme gegen die Anwesenheit von Ausländern wendet, sabotiert deshalb Deutschlands Wohlstand.
Allein in Indien gibt es eine Mittelschicht von 200 bis 300 Millionen Menschen, die ihre Kinder zum Studium ins Ausland schicken können. „Wir haben da viel Boden gutgemacht, auch wenn die USA und Großbritannien allein wegen der Sprache eine größere Rolle spielen“, stellt Flacke fest.
Das Aufkommen neuer attraktiver Studienländer zeigt: Der Markt ist sehr in Bewegung, es bleibt notwendig, im Ausland für den Studienstandort Deutschland zu werben.
Dafür ist einerseits die Präsenz deutscher Wissenschaftsorganisationen im Ausland relevant. DAAD-Experte Flacke nennt weitere Faktoren: „Die Menschen aus dem Ausland müssen hier gut ankommen können, sie achten auf die mittelfristige wirtschaftliche Lage des Landes, auch bezahlbarer Wohnraum ist von Bedeutung.“ Der Übergang in den Arbeitsmarkt ist einfacher geworden, kann aber noch optimiert werden: ein Beispiel für Wachstumsförderung, die kein Geld kostet.