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Globale TrendsDie Macht der Märkte ist nur die Folge schwacher Politik

Großbritannien zahlt für seine Chaostage eine „Deppenprämie“ auf Anleihen. Wer sich von internationalen Gläubigern in der Wirtschaftspolitik nicht reinreden lassen will, muss weniger Schulden machen.Torsten Riecke 24.10.2022 - 12:02 Uhr Artikel anhören

Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com

Foto: Klawe Rzeczy

London. Als James Carville einmal gefragt wurde, was er in einem anderen Leben gerne sein möchte, sagte der Berater des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, ohne zu zögern: „Die Bondmärkte, weil ich dann jeden einschüchtern könnte.“

Die gerade zurückgetretene britische Premierministerin Liz Truss ist das jüngste Opfer in einer langen Reihe von demokratisch gewählten Politikern, die den Finanzmärkten erst die Stirn bieten wollten und von ihnen dann schnell zum Rückzug gezwungen wurden. Während Truss in ihren 44 Tagen in 10 Downing Street formal zwar im Amt, aber nie wirklich an der Macht war, ist es bei den Märkten genau umgekehrt: Sie haben nie einen Regierungsauftrag, scheinen aber ständig das letzte Wort über den wirtschaftspolitischen Kurs der Nationen zu haben.

Nun war die haarsträubende Idee von Truss, eine bereits hochverschuldete Volkswirtschaft mit kreditfinanzierten Steuersenkungen auf Wachstum zu trimmen, auch für Nichtökonomen erkennbar eine große Dummheit. Nicht zufällig bezeichneten die Finanzprofis den Risikoaufschlag auf britische Staatsanleihen in den vergangenen Wochen als „Moron-Prämie“, was so viel heißt, dass Schwachköpfe mehr Zinsen zahlen.

Man könnte meinen, mit dem Rücktritt von Truss sei die Sache erledigt, doch die Deppenprämie für die Schuldscheine Ihrer Majestät ist immer noch da. Das hat zum einen damit zu tun, dass die internationalen Investoren nach den Chaostagen in London immer noch nicht sicher sind, dass die Briten künftig jene Berechenbarkeit und Stabilität zeigen, die Gläubiger von ihren Schuldnern gerne sehen wollen.

Wer wollte ihnen ihr Misstrauen verdenken, wenn einflussreiche Teile der regierenden Konservativen in London jetzt auch noch auf die kuriose Idee kommen, den erst im Sommer nach vielen Skandalen und heftigen Turbulenzen geschassten Ex-Premier Boris Johnson zum Nachfolger seiner Nachfolgerin zu machen. Analysten erklären den jüngsten Ausverkauf von Pfund und britischen Staatsanleihen jedenfalls auch damit, dass die Märkte von einem Comeback Johnsons auch eine Rückkehr des Chaos befürchten.

Auch wenn Johnson am Ende das politische Comeback des Jahrhunderts verwehrt und Großbritannien damit ein neuerliches Chaos erspart bleiben sollte, stellen sich nicht nur die Briten die Frage: Warum haben in einer Demokratie insbesondere die Bondmärkte oft mehr Macht als die Wähler?

Die Antwort ist ebenso einfach wie zukunftsweisend: Die Macht der Märkte ist nur die Kehrseite von Volkswirtschaften, die dauerhaft über ihren Verhältnisse leben. Sie leihen sich Geld bei internationalen Gläubigern, weil sie mehr ausgeben, als sie mit Steuern einnehmen.

Dass vielen Wirtschaftsnationen diese Binsenweisheit in den vergangenen Jahren abhandengekommen ist, liegt daran, dass ihre Notenbanken jahrelang die Schuldscheine des Staates aufgekauft und so die Risikoprämien oder Zinsen auf historische Tiefen gedrückt haben. Die Märkte waren ohne den Zinshebel machtlos, alle Macht lag bei den Zentralbankern – die allerdings auch nicht vom Volk gewählt werden.

Risikoaufschlag für Johnson-Comeback

Mit der Rückkehr von Inflation und steigenden Zinsen ist nun auch die Macht der Bondmärkte zurückgekehrt. Ob das wie im Falle Großbritanniens ein Segen ist oder ob wir das noch bereuen werden, wenn die von den Märkten jetzt geforderte Austerität demnächst vielerorts zu tiefen Einschnitten bei den Sozialleistungen des Staates führen wird, darüber lässt sich lange streiten.

Wirtschaftspolitiker mit neuen, radikalen Ideen müssen deshalb aber nicht verzagen. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie bändigen die Märkte, indem sie die Investoren davon überzeugen, dass ihre Pläne mittelfristig aufgehen und die dafür nötigen Finanzen solide durchgerechnet sind.

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Oder sie verschulden sich weniger, sodass internationale Gläubiger ihnen nicht mehr reinreden können. Am Ende wird James Carville jedenfalls mit seiner anderen legendären Weisheit recht behalten: „It’s the economy, stupid!“

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