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Globale TrendsKluge Maschinen können wirtschaftliche Vernunft nicht garantieren – und schon gar nicht ersetzen

Aktivistische Finanzinvestoren wollen große Technologieunternehmen auf Rendite trimmen. Für die Zukunftsmacher kommt der Realitätscheck zur rechten Zeit.Torsten Riecke 08.02.2023 - 11:10 Uhr Artikel anhören

Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com

Foto: Klawe Rzeczy

London. Marc Benioff gefällt sich als Pionier des technologischen Fortschritts. Vor ein paar Jahren installierte der Co-Gründer und Chef des amerikanischen Softwareriesen Salesforce an seinem Vorstandstisch einen mit Künstlicher Intelligenz ausgestatteten virtuellen Manager, den er „Einstein“ taufte. Der Konzernchef erhoffte sich von dem künstlichen Kollegen mehr Effizienz bei der Führung des 27-Milliarden-Dollar-Konzerns.

Inzwischen sitzen an Benioffs Tisch vier sehr reale „Gordon Gekkos“, aktivistische Investoren von Elliott, Starboard, Value Act und Inclusive Capital, die wie einst der legendäre Finanzhai in dem Film „Wall Street“ weniger an Gadgets als an Rendite interessiert sind. Salesforce entließ Anfang Januar rund zehn Prozent seiner weltweit 80.000 Mitarbeiter, nachdem der Marktwert des Unternehmens in den zwölf Monaten zuvor um fast die Hälfte gesunken war.

Was Benioff derzeit erlebt, geht anderen in der Tech-Branche ähnlich. Nach einer Untersuchung der Investmentbank Lazard kam im vergangenen Jahr etwa ein Viertel aller Ziele von aktivistischen Finanzinvestoren aus dem Tech-Sektor. In den drei Jahren zuvor waren es nur 14 Prozent.

Sinkende Börsenkurse, schlechte Quartalsergebnisse und mangelnde Kostendisziplin machen Technologiefirmen zu einer beliebten Zielscheibe für Renditejäger. Selbst die Tatsache, dass Techies trotz der Geschäftsflaute immer noch mehr verdienen als alle anderen Branchen in der Wirtschaftsgeschichte, kann nicht verhindern, dass jetzt „Barbaren“ vor den Toren der Tech-Tempel im Silicon Valley stehen, die die Welt nicht besser machen wollen, sondern vor allem dem schnöden Mammon huldigen.

Der unwillkommene Besuch bleibt nicht ohne Folgen. Meta-Gründer Mark Zuckerberg hat 2023 gerade zum „Jahr der Effizienz“ ausgerufen. Alphabet-Chef Sundar Pichai will nur noch „verantwortlich und mit großer Disziplin“ investieren.

Selbst Apple-Boss Tim Cook versprach seinen Investoren, er wolle „durchdacht und überlegt“ vorgehen. Dass die Tech-Ikonen jetzt Tugenden betonen, die in anderen Branchen seit Jahren selbstverständlich sind, zeigt, wie weit sich einige Pioniere des Fortschritts von der wirtschaftlichen Realität entfernt hatten.

Massenentlassungen schaden nicht allen Unternehmen

Dass viele von ihnen nun mit Massenentlassungen reagieren, zeigt aber auch, dass ihre lange magisch erscheinenden Fähigkeiten an Grenzen stoßen. Einige Tech-Konzerne sind so groß geworden, dass sie wie andere Mammutorganisationen an Trägheit und Übergröße kranken. Hinzu kommt, dass viele Regierungen den Zukunftsmachern jetzt regulatorische Fesseln anlegen, die sie dazu zwingen, ihr Geschäftsmodell zu verändern.

Wie nicht anders zu erwarten, ist für einige der in ihre Produkte verliebten Tüftler auch jetzt die Technologie die Antwort auf alle Probleme: So setzt zum Beispiel Zuckerberg darauf, dass er mithilfe Künstlicher Intelligenz Verluste bei den Werbeeinnahmen begrenzen kann, die wegen des höheren Schutzes der Privatsphäre drohen. Auch andere wie Microsoft und Google sehen in KI den neuen Heilsbringer – technologisch wie wirtschaftlich.

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Das Beispiel von Marc Benioff und „Einstein“ zeigt jedoch, dass kluge Maschinen wirtschaftliche Vernunft nicht garantieren und schon gar nicht ersetzen können. Es täte den Überfliegern deshalb ganz gut, dass einige Finanzinvestoren mit spitzem Bleistift mit am Tisch sitzen, wenn die Zukunft entworfen wird.

Möglicherweise ist es kein Zufall, dass Apple bislang als einziger Tech-Konzern auf Massenentlassungen verzichtet hat. Das Unternehmen ist schon seit mehr als einem Jahr im Visier von Finanzinvestoren. Geschadet hat es ihm offenbar nicht.

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