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Kolumne „Out of the box“Macht Self-Care uns krank?

Auf sich selbst achten – klingt nach was Gutem. Das ist es auch, solange nicht aus Achtsamkeit Abgrenzung wird. Frank Dopheide zeigt, warum Self-Care unser Miteinander gefährdet. 13.05.2025 - 12:12 Uhr Artikel anhören
Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung human unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von GREY Worldwide. Foto: Klawe Rzezcy, Getty Images

„Uns droht die menschliche Energie auszugehen“, warnt der Soziologe Hartmut Rosa. Wenn die eigenen Batterien leer sind, wird es schwer, andere zu energetisieren und überhaupt irgendetwas zu bewegen. So ist Self-Care auch in der Wirtschaft das neue große Ding, gerade für Führungskräfte. Das ist richtig. Und es ist wichtig. Sie leben per Jobdefinition im roten Bereich. Geben Sie auf sich acht!

Wir kennen das aus dem Flugzeug: „Sollte der Druck in der Kabine sinken, fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke. In diesem Fall ziehen Sie eine der Masken ganz zu sich heran und drücken die Öffnung fest auf Mund und Nase. Danach helfen Sie bitte mitreisenden Kindern.“ Nur wer sich selbst hilft, kann anderen helfen. Das gilt auch und besonders im Unternehmenskontext. So weit, so nachvollziehbar.

Doch Vorsicht: Unter dem Deckmäntelchen Self-Care drängt sich der gemeine Egoismus in das Leben und die Unternehmen und richtet ernsthaften Schaden an.

Self-Care ist nicht als Erholungs-, sondern als Erfolgsprogramm konzipiert. Die neuste Methode, nachhaltig das Beste aus dem Ich herauszuholen. Selbstoptimierung ist der innere Antrieb, „me first“ das notwendige Mindset. Statt des gutwilligen „Ja!“ ist das entschiedene „Nein!“ die propagierte Handlungsempfehlung der Care-Experten. Energiesparen durch Kopfschütteln.

Das wird allerdings schwierig für eine Spezies, die als soziales Wesen konstruiert ist und deren Handeln seit Menschengedenken auf das Zusammenspiel mit anderen geeicht ist. Im unternehmerischen Alltag droht Self-Care zur Killerapplikation zu werden. Je stärker sich die Welt um das Ich dreht, desto mehr gerät alles andere aus dem Blick: Kundenwünsche, Deadlines, Kernarbeitszeiten inklusive.

Wenn Mitarbeitende sich darauf besinnen, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen, geraten Unternehmen in Lebensgefahr.
Frank Dopheide
Unternehmensberater

Schon die Terminabstimmung gerät zum Albtraum – immer ist irgendetwas, das persönlich wichtiger ist. Sand im Getriebe ist auch eine Form der Entschleunigung. Dabei trägt „kollegial“ die Hilfsbereitschaft qua Definition bereits in sich. Im kollegialen Miteinander wird das Nein schnell zum Showstopper. Wenn Mitarbeitende sich darauf besinnen, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen, geraten Unternehmen in Lebensgefahr.

Der Auftrag Selbstoptimierung schiebt das Ich in den Fokus und das Wir in den Hintergrund, das Miteinander gerät aus dem Blick, und unsere Gesellschaft zerfällt in 83 Millionen Einzelteile. Das Ich als Maß aller Dinge führt dazu, dass der soziale Kit vertrocknet und brüchig wird.

Soziales Engagement, das berühmte Ehrenamt, ist das, was unser Land am Laufen und die Gesellschaft zusammenhält. Mehr als sechzehn Millionen Menschen engagieren sich hierzulande dafür – Woche für Woche. Es frisst Energie und Zeit und bringt kaum Geld und Anerkennung. Glanz und Gloria versprechen mehr Follower als Seniorenbetreuung.

Aus Effizienzgründen ist soziales Engagement konsequent abzulehnen. Doch wo wäre unser Land ohne diese Energiequelle? Der Mensch als Egoshooter. Mit dieser Einstellung würde Kinderkriegen zum Super-GAU werden: Nichts kostet mehr Zeit, Geld und Nerven. Und doch sind Kinder die Nummer eins für Glück und Erfüllung. Die Apps verkennen, dass ab und an Erschöpfung und Erfüllung Hand in Hand gehen.

Kolumne „Out of the box“

Was bleibt vom American Dream?

Selbstoptimierung ist – anders als propagiert – der Anfang vom Ende. Trennungen von Unternehmen und Lebenspartnern aus Gründen persönlicher Selbstfindung nehmen zu. Doch ein Leben ist keine Exceltabelle aus KPIs (Key Performance Indikatoren), anhand derer der Fortschritt hinsichtlich bestimmter Zielsetzungen gemessen wird. Wie optimiert man Vertrauen, Liebe, Lachen, Gänsehaut und Glück? Und was wissen Google und die Apple-Watch schon davon?

Self-Care auf die engstirnige Art treibt Menschen in eine Selbstoptimierungsspirale, die digital „getrackt“ und künstlich intelligent motiviert in die innere Leere führt. Man hat zehntausend Schritte täglich gemacht und sich dabei Schritt für Schritt von sich selbst entfernt.

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Nicht die Alleinherrschaft, sondern die Gemeinschaft ist der Raum für Erfüllung und Erfolg. Der Unterschied zwischen Gelingen und Scheitern ist ein Mensch, der sich kümmert. Nicht das „self“, sondern das „care“ rückt nach vorn. Der Einzelne muss auf sich achten, aber das nicht zum Maßstab aller Dinge machen. Wie uns der Historiker Rudger Bregman lehrt, ist dies das Erfolgsrezept seit Beginn der Menschheit: Nicht die Stärksten haben überlebt, sondern die Freundlichsten. Take care.

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