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„Kreative Zerstörung“Was wird aus der Welt, in der Träume wahr werden?

Die Filmbranche ist besorgt: Das KI-Tool „Sora“ kann bereits kurze Filme produzieren. Was aber passiert mit den kreativen Köpfen, wenn KI den Job übernimmt? Dieser Frage sollten wir uns stellen, meint Miriam Meckel. 27.02.2024 - 20:12 Uhr
In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Foto: Klawe Rzeczy

Es mag ein Zufall gewesen sein, dass ich in der vergangenen Woche gleich mehrmals mit Schauspielern und Filmemacherinnen zusammengesessen habe, um über Künstliche Intelligenz zu sprechen. Sie machen sich große Sorgen. Ihre menschliche Intelligenz sagt diesen Menschen, dass sie auch im Zeitalter von künstlich kreativer Intelligenz nicht überflüssig werden, dass man gute Darstellerinnen und kreative Köpfe in der Filmbranche weiterhin brauchen wird.

Aber das Bauchgefühl sagt etwas anderes: Das ist ein Einschnitt, den sie gerade erleben. Sie werden Zeuginnen ihrer eigenen Abschaffung – ersetzt durch künstliche Frauen, die durch eine Straße in Tokio laufen, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Diese Szene zeigt jedenfalls ein Video von Sora, dem neuen KI-Tool von OpenAI, das einminütige Filmchen in Hollywood-Qualität produzieren kann. Sora heißt im Japanischen „Himmel“. Und der war ganz schön düster dieser Tage, was vermutlich auch daran lag, dass die Berlinale stattfand. Wenn zu viele Fachkräfte zu viel Zeit miteinander verbringen, kochen sie irgendwann in der eigenen Suppe – und die Köchin war dieses Mal eine Kannibalin namens KI.

Nun ist es aber richtig, dass Sora Filmsequenzen erschafft, die einen zum Staunen bringen. Die Einsatzmöglichkeiten dieser KI-Tools sind breit gefächert. Vermutlich werden wir bald unsere Familienfilmchen mit KI-generierten Zwischenszenen anreichern. Werbespots lassen sich gänzlich rund um das jeweilige Produkt durch KI erschaffen, ohne dass ganze Crews zum Shoot an den herrlichen Strand Kapstadts geflogen werden müssen.

Und Hollywood? Auch dort wird KI Einzug halten – hat sie ja schon längst. Bei dem vielfach mit Oscars bepreisten Film „Everything Everywhere All At Once“ ist die KI-Videosoftware „Runway“ zum Einsatz gekommen.

Ein guter Film ist nicht mehr allein eine Frage der Aufnahme, sondern der Berechnung.
Miriam Meckel
Kommunikationswissenschaftlerin

Visuelle Effekte, für die ganze Teams sonst halbe Tage benötigen, entstanden in Minuten. Steine begannen, sich zu bewegen und mit den Augen zu rollen. Ein guter Film ist nicht mehr allein eine Frage der Aufnahme, sondern der Berechnung.

Es tut dabei nichts zur Sache, dass die Filme bislang noch Fehler enthalten: kopflose Menschen, verformte Gliedmaßen oder die Umkehrung der Gesetze der Schwerkraft. Die Qualität der Videos wird sich vermutlich noch ändern, ebenso wie unsere Wahrnehmung.

Hollywood, das war immer eine Traumfabrik, und Träume gehören in die Welt der Fantasie. Wenn die so schick aussieht wie bei Sora, dann ist „Realismus“ das neue Spießertum des Denkens derer, die KI nicht verstehen.

Hollywood gegen KI

Diese Tatsache hat der US-Filmindustrie schon im vergangenen Jahr den größten Arbeitskampf seit mehr als sechzig Jahren beschert. Es ging um die zentrale Frage, die alle Kreativen im Film- und Seriengeschäft umtreibt: Was wird aus uns, den Drehbuchautorinnen, Schauspielern, Regisseurinnen und Produzenten, wenn KI-Tools bald ganze Drehbücher entwickeln und daraus automatisiert einen Film oder eine Serie machen können?

Die Kreativen forderten die Studios auf, keine KI einzusetzen, um Drehbücher neu oder umzuschreiben. Sie wollen auch nicht, dass ihre Arbeit als Ausgangsmaterial für KI-Software oder zum Trainieren von Schreibrobotern verwendet wird. Oder gar, dass sie selbst gar nicht mehr vor die Kamera müssen, weil das KI-Avatare erledigen – die dann ja auch nicht mehr vor einer Kamera stehen, sondern schlicht ausgerechnet werden.

Die Filmstudios sehen hier natürlich ganz andere Chancen am Horizont: KI kann schneller und billiger produzieren. Sie hat auch nie schlechte Laune oder kreuzt betrunken am Set auf. „Die Technologie wird nicht nur bei Drehbüchern zum Einsatz kommen“, glaubt Rob Wade, Leiter des Unterhaltungsgeschäfts bei Fox. „Sie wird sich auch auf den Schnitt und alles andere erstrecken“, sagt er. „KI wird in der Lage sein, absolut alles zu tun.“

Die Film- und Fernsehbranche zeigt: Wir bewegen uns aus einer Zeit der Repräsentation in eine Zeit der Imagination.
Miriam Meckel
Kommunikationswissenschaftlerin

Dem hat das Ergebnis des Streiks erst einmal einen Riegel vorgeschoben. Nach dem neuen Abkommen müssen die Schauspieler zustimmen und dafür entschädigt werden, wenn ein Studio ein KI-Abbild von ihnen nutzen will. Das ist gut. Aber es ist auch eine Lösung auf Zeit.

Wenn Werkzeuge wie Sora weiterentwickelt werden und richtig zum Einsatz kommen, stellt sich für jeden sichtbar die Frage: Brauchen wir noch echte, menschliche Schauspieler, wenn es KI-Protagonisten gibt, die eine ähnliche Eignung auf Glanz und Ruhm haben? Brauchen wir überhaupt noch eine Film- und Kreativindustrie, wenn KI Welten erschaffen kann, die andere Menschen reizvoll finden – so reizvoll, dass sie dafür Geld bezahlen?

Die Film- und Fernsehbranche ist nun vielleicht die erste, die zeigt: Wir bewegen uns aus einer Zeit der Repräsentation in eine Zeit der Imagination. Das wälzt ganze Industrien um.

Und es wird viel Einsatz von uns verlangen, diese Umwälzungen so zu gestalten, dass wir nicht unbedacht in ein zweites Zeitalter der Maschinenstürmer geraten. Wie bei den aufständischen Textilarbeitern geht das nicht gegen die Technologie, sondern gegen die schlechteren Arbeits- und Lebensbedingungen, die mit ihr kommen können.

Auch Wim Wenders, einer der großen deutschen Regisseure, kennt den Himmel über Berlin. Im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1987 lässt Wenders zwei Engel in der Stadt landen, die heimlich und unsichtbar die Menschen beobachten.

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Einer der Engel, gespielt von Bruno Ganz, wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich irdische Erfahrungen machen zu können: „Ich möchte da nicht mehr so ewig drüberschweben, ich möchte ein Gewicht an mir spüren. Das die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht.“

Mit der Erdfestigkeit ist es erst mal vorbei. Jetzt beginnt die Zeit der virtuellen Engel des künstlichen Lichts. Nicht alle von ihnen werden noch ein irdisches Vorbild ihr Eigen nennen können.

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