Märkte Insight: Der Dax als Seismograf der Weltwirtschaft
Die aktuelle Börsenphase sei dadurch geprägt, dass Anleger nicht nur auf Sicherheit und konjunkturresistente Aktien setzen, sondern von Aktien profitieren, denen die Zukunft gehören könnte, findet Kolumnist Ulf Sommer.
Foto: Getty ImagesSeit Oktober hat der Dax 35 Prozent zugelegt. Deutschlands 40 größte börsennotierte Konzerne sind seitdem um mehr als eine halbe Billion Euro wertvoller geworden. Die Rally startete vor knapp neun Monaten, als die ersten Investoren darauf setzten, dass die Ängste vor einem kalten Winter übertrieben sind. Dass wir nicht in unseren Wohnungen frieren müssen und energieintensive Konzerne wie BASF auch nicht von Gasabschaltungen betroffen sein werden.
Das sah in den Wochen vor Oktober noch anders aus, deshalb war der Dax zuvor stark gefallen, ehe er kräftig zulegte. Ein Blick auf die besten Aktien in dieser starken Börsenphase seit Oktober gibt Aufschluss über das Wesen der Rally.
Top-Performer ist Siemens Energy mit einem Kursplus von 101 Prozent. Und das, obwohl die von Siemens an die Börse gebrachte Tochter zu den wenigen deutschen Konzernen gehört, die in den vergangenen zwei Jahren Geld verbrannten. Nach 454 Millionen Euro Nettoverlust im Geschäftsjahr 2021 verringerte sich das Minus 2022 nur unmerklich auf 404 Millionen Euro. Auch 2023 wird es nicht besser werden.
Doch Investoren setzen darauf, dass der Konzern Fortschritte machen wird, wofür es angesichts eines rekordhohen Auftragsvolumens von gut 100 Milliarden Euro berechtigte Hoffnung gibt. Trotz tiefroter Zahlen der nach wie vor angeschlagenen spanischen Windkrafttochter Gamesa. Dass eine Aktie wie Siemens Energy derart gut läuft, zeugt von Risikobereitschaft der Investoren.
Solch eine Börsenphase ist dadurch geprägt, dass Anleger nicht nur auf Sicherheit und konjunkturresistente Aktien setzen, wozu beispielsweise Nahrungsmittelhersteller, Versorger oder die Telekom gehören, weil ihre Dienstleistungen und Produkte immer gebraucht werden. Stattdessen profitieren Aktien, denen die Zukunft gehören könnte. Es geht mehr um Risiko als um Sicherheit.
>> Lesen Sie hier: Das sind die vier Dividenden-Könige unter den Aktien im Dax
Mit Heidelberg Materials, Infineon, Rheinmetall und Siemens folgen auf den weiteren Plätzen Aktien mit Kurszuwächsen von jeweils mehr als 60 Prozent. Diese vier Unternehmen erleben derzeit eine robuste Nachfrage und belegen dies mit starken Quartalszahlen samt optimistischen Ausblicken auf das laufende Geschäftsjahr.
In der Summe bedeutet dies, dass Investoren darauf setzen, dass der Konjunkturabschwung ausfällt oder milder ausfällt als gedacht – und dass sich die Rezession, in der sich der deutsche Heimatmarkt dieser Konzerne derzeit angesichts eines zwei Quartale in Folge gesunkenen Bruttoinlandsprodukts befindet, nicht nennenswert negativ auswirkt.
Ein Spiegelbild der Weltwirtschaft
Beides erscheint schlüssig. Konjunkturelle Frühindikatoren deuten zwar auf weniger Wachstum hin, aber keinesfalls auf eine ausgeprägte weltwirtschaftliche Talfahrt, wie sie angesichts der stark steigenden Zinsen vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Dass die Konzerne der Top-Kursgewinner im Dax zwei Drittel und mehr ihrer Umsätze im Ausland erwirtschaften, beweist einmal mehr, dass der Dax ein Spiegelbild der weltweiten Wirtschaft ist.
Mit Blick auf die Zukunft und die Frage, ob es weitere Kursgewinne geben wird, sind Anleger gut beraten, als Erstes auf weltwirtschaftliche Frühindikatoren zu achten. Zeigen sich hier unerwartet Schwächen, droht dem Dax, als Umkehr zur jetzigen Rally, Ungemach.
Dabei ist noch etwas zu beachten: Die Ausschläge nach oben wie nach unten fallen oftmals sehr ausgeprägt aus. Grund dafür ist, dass viele Investoren den Dax gerne als Hebel nutzen: Sie setzen auf die vielen auslandsstarken Dax-Konzerne, wenn die Weltwirtschaft besser als erwartet läuft. Doch sie verkaufen den Dax – beispielsweise in Form von ETFs, Fonds und Optionsscheinen, die den gesamten Index abbilden –, wenn es stärker bergab geht als ursprünglich erwartet.