Märkte Insight: Die nächste Börsen-Rally scheint weit entfernt zu sein

Angesichts der unsicheren Konjunkturlage könnten die Gewinnprognosen schon bald unter Druck geraten, meint Kolumnist Michael Maisch.
Foto: HandelsblattDer August gilt als eher schwieriger Börsenmonat, und bislang wird er diesem Ruf auch gerecht. Seit seinem Rekordhoch am letzten Julitag hat der deutsche Leitindex Dax gut drei Prozent verloren. Viele Strategen rechnen seit geraumer Zeit mit einer deutlicheren Korrektur an den Aktienmärkten. Blickt man zurück auf die Börsenhistorie, dann könnten das nach dem Aufschwung in diesem Jahr Einstiegskurse sein.
Dafür sprächen im Prinzip auch die aktuellen Bewertungen am deutschen Aktienmarkt. Setzt man die Kurse der Dax-Unternehmen in Relation zu den erwarteten Gewinnen für das kommende Jahr, dann ergibt sich ein Verhältnis von Kurs zu Gewinn von um die zehn.
Ein Wert, der deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 14 liegt. Das Problem dabei: Diese Bewertungen sind lediglich eine Momentaufnahme. Angesichts der unsicheren Konjunkturlage könnten die Gewinnprognosen schon bald unter Druck geraten.
Aber kommt die viel beschworene Korrektur wirklich? 2023 ist ein reichlich merkwürdiges Börsenjahr. Von Anfang an warnten viele Experten angesichts der grassierenden Inflation und rasant steigender Leitzinsen vor empfindlichen Rückschlägen.
Furcht vor konjunktureller Abwärtsspirale in China
Jetzt sieht es so aus, dass sich der Kampf gegen die Inflation und damit auch der Zinserhöhungszyklus allmählich seinem Ende nähert. Dafür sprechen auch die jüngsten Preisdaten aus den USA. Die Julizahlen zeigen, dass der unterliegende Inflationsdruck nachlässt.
Davon profitierte auch der Dax, der am Donnerstag kurz vor Handelsschluss ein knappes Prozent im Plus bei 15.996 Zählern lag. Die US-Börsen eröffneten ebenfalls freundlich. Die Zinshoffnung ist die derzeit wohl wichtigste Stütze für die Aktienkurse, aber sie reicht nicht aus, um die Angst vor einer Korrektur zu überwinden. Für viele Finanzprofis ist das Glas eher halb leer als halb voll.
Jim Read, Marktstratege der Deutschen Bank, schreibt in seinem aktuellen Newsletter sogar, dass gerade kaum ein Tag ohne einen „negativen Schock“ für die Kapitalmärkte vergehe. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber tatsächlich überwogen zuletzt die schlechten Nachrichten.
Eine davon kam aus China: Die jüngsten Preisdaten heizen die Furcht vor einer konjunkturellen Abwärtsspirale an. Dazu kommen die geopolitischen Spannungen zwischen dem Westen und China. Das Land steht für 16 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.
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Eine tiefe Krise in China wäre eine schwere Hypothek für die Weltwirtschaft und die Börsen. Eine weitere schlechte Nachricht kam von den Energiemärkten. Am Mittwoch schoss der Preis für Erdgas in Europa um 27 Prozent in die Höhe, zeitweise betrug der Anstieg sogar 40 Prozent. Es war der heftigste Ausschlag seit dem März im vergangenen Jahr.
Zwar sind die Gaspreise noch weit von ihren Spitzenwerten vom vergangenen Spätsommer entfernt, aber die Volatilität an den Energiemärkten ist trotzdem ein Risiko für die Aktienmärkte, zumal auch der Ölpreis in dieser Woche auf das höchste Niveau seit vergangenem November gestiegen ist.
Der Deutsche-Bank-Stratege Reid freut sich jetzt erst einmal auf seinen wohlverdienten Urlaub, den er nach eigener Aussage erst einmal mit einem erholsamen Nickerchen beginnen will. Die Gefahr, dass er die nächste Börsenrally verpasst, scheint relativ gering.