Newsletter Shift: Dieses deutsche Migrationswunder wird gern übersehen
Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat das Thema Migration mehrmals auf die Tagesordnung des Bundestags gebracht. Wie geht es damit Menschen mit Migrationshintergrund? Wie es ist, mitzubekommen, wie in Deutschland über dieses Thema geredet wird, haben einige schön in Worte gefasst.
Dabei gibt es in Deutschland ein Migrationswunder, das wir zu wenig beachten: Die Zahl der indischen Studentinnen und Studenten, die an deutschen Hochschulen lernen, hat sich innerhalb von zehn Jahren verfünffacht.
Die Zahl der Inderinnen und Inder, die akademischen MINT-Berufen nachgehen – also in Mathematik, Ingenieurswesen, Naturwissenschaften und Technik –, hat sich in Deutschland verachtfacht. Von diesem Trend profitieren Deutsche und Ausländer gleichermaßen.
Das ist eine bemerkenswerte Geschichte. Zum einen, weil Deutschland im Vergleich zu Ländern wie USA und Großbritannien den nicht unerheblichen Nachteil hat, dass nicht Englisch die erste Verkehrssprache ist. Zum anderen hat Deutschland auch schon vor Jahrzehnten indische Einwanderer nicht gerade willkommen geheißen.
Man erinnere sich zum Beispiel an die Parole „Kinder statt Inder“ des früheren NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU). Er positionierte sich damit dagegen, Computerexpertinnen und -experten aus „Ländern der Dritten Welt“ anzuwerben.
Trotzdem sind heute Zuwanderer aus Indien ein Innovationstreiber in Deutschland. Auch dank ihnen steigt die Zahl der Beschäftigten in MINT-Berufen – und zwar bei Ausländern und bei Deutschen. Verdrängung und Konkurrenz mit negativen Folgen sind nicht zu erkennen.
Wie konnte diese Integration in den Hochschulsektor und den Arbeitsmarkt so gut gelingen? Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln könnte uns helfen, das besser zu verstehen. Er forscht dazu, wie Migration ein Treiber für Bildung und Innovation sein kann.
Plünnecke verweist zuallererst auf die hohe Qualität der deutschen Hochschullandschaft. Die TU München, die Universität Heidelberg oder die Humboldt-Universität Berlin seien zwar nicht das berühmte Massachusetts Institute of Technology oder die Elite-Universität Harvard. Sie hätten dennoch weltweit einen guten Ruf.
Zudem seien die deutschen Universitäten mit anderen Forschungseinrichtungen wie den Max-Planck-Instituten sehr gut vernetzt. Dieser Umstand überzeuge viele Inderinnen und Inder, in Deutschland zu studieren. Und er erleichtere es mittelständischen Unternehmen, indische Fachkräfte schon während des Studiums anzuwerben.
Ein weiterer Pluspunkt sei es, wie viel Deutschland neben der Arbeit zu bieten habe. Plünnecke nennt zum Beispiel „kostenlose Schulen, ein nach wie vor gutes Gesundheitssystem – das spricht für Deutschland, wenn Menschen hierherkommen wollen und planen, länger zu bleiben“. Außerdem erkennt er durchaus gute Arbeit des Gesetzgebers – es sei einfacher geworden, dass qualifizierte Fachkräfte zuwandern können.
Netzwerke sind entscheidend, damit sich Leute hier wohlfühlen
Doch nicht nur Deutschland hat aus Plünneckes Sicht vieles richtig gemacht. Mindestens genauso wichtig sei, wie die indische Community im Heimatland und in Deutschland gewirkt habe. Netzwerke von indischen Auswanderern haben ein positives Bild von Deutschland in Indien etabliert.
Zugleich helfen Inderinnen und Inder hinzulande neu ankommenden Landsleuten dabei, sich zurechtzufinden und sich schnell zu integrieren. Konkret hat beispielsweise die indische Botschaft für indische Studierende ein eigenes Netzwerk geschaffen, dem in jeder deutschen Großstadt ein eigener Koordinator oder eine eigene Koordinatorin angehört.
Darum, wie Deutschland von diesen Erfahrungen lernen kann und ob deutsche Unternehmen vom rigiden Migrationskurs der USA sogar profitieren könnten, geht es unter anderem in diesem Artikel. Unabhängig von dieser Frage hat Plünnecke Recht, wenn er dazu anregt, breiter über das Thema Zuwanderung zu diskutieren.
Was denken Sie über die aktuelle Migrationsdebatte und die Chancen von qualifizierter Zuwanderung? Haben Sie Erfahrungen mit Kolleginnen und Kollegen aus Indien oder anderen Ländern? Schreiben Sie uns an newsletter@handelsblatt.com!
Dieser Text ist zuerst am 3. Februar 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Diesen und weitere Newsletter können Sie hier abonnieren.