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RESET – die Kolumne zum Wochenende Warum das Homeoffice nicht nur die Weltwirtschaft bedroht – ein Hilferuf

Zu Hause arbeiten soll uns vor dem Virus retten. Thomas Tuma hat nach ersten Erfahrungen ernste Zweifel am Konzept, ahnt aber, wohin das alles führt.
12.02.2021 - 06:17 Uhr 5 Kommentare
Homeoffice suggeriert uns, dass wir in Jogginghose die Welt erobern können. Quelle: imago images/Westend61
Büroturm ohne Menschen

Homeoffice suggeriert uns, dass wir in Jogginghose die Welt erobern können.

(Foto: imago images/Westend61)

Ich verwahrlose. Das mag kein sonderlich eleganter Einstieg für eine Wirtschaftskolumne sein. Aber erstens werden Sie gleich sehen, dass meine allmähliche Verlotterung eben doch sehr viel mit Globalisierung und Weltökonomie zu tun hat. Und zweitens soll es hier ja immer wahrhaftig zugehen.

Authentizität ist der Anspruch der Stunde. Dazu gehört eben auch das Geständnis, dass mir das Dasein im Homeoffice (hier nur noch „HO“ genannt) in vielerlei Hinsicht nicht guttut.

Dabei gehöre ich noch nicht mal zu den HO-Risikogruppen wie Alleinerziehende und junge Eltern, die mein ganzes Mitleid haben für all die Probleme, die man in den vergangenen Monaten bei ihnen abgeladen hat.

Ich will mir gar nicht vorstellen, was die Lockdown-bedingt geschlossenen Schulen und Kindergärten für das familiäre Miteinander bedeutet haben. Überall „Papa, kannst du mit mir spielen?“, „Mama, geht die Farbe wieder ab vom Sofa?“, „Papa, der Hund bewegt sich nicht mehr“. Dazwischen klingelt noch der DHL-Paketbote, die Wäsche muss aus der Maschine, die demente Oma ruft an, und wer ist nochmal mit Essenkochen dran?

HO-Menschen haben entweder einen schlechten Schlaf oder ein schlechtes Gewissen. Wahlweise gegenüber der Familie, sich selbst oder dem Arbeitgeber. Als ich noch ins Büro ging, wirkten dort jene Kolleginnen und Kollegen am glücklichsten, die dem Chaos in den eigenen vier Wänden kurzzeitig entrinnen durften. Sie atmeten auf, genossen die Kantine und vor allem die strukturierte Ruhe, die durchaus Konzentration und Kreativität fördern kann.

Man erkennt die HO-Renegaten daran, dass sie in der Firma dann bisweilen zärtlich über ihren stufenlos höhenverstellbaren Office-Schreibtisch streicheln oder auf dem Vitra-Chefsessel „ID Mesh“ von Antonio Citterio genießerisch nach vorn und hinten wippen.

Jahrzehntelang war es eine der vornehmsten Aufgaben deutscher Betriebsräte, für eine design- und gesundheitstechnisch über jeden Zweifel erhabene Büroeinrichtung zu sorgen. Nur sieht das mit der Ergonomie dann in der Heimarbeit schon ganz anders aus. Kümmern tut sich im rechtsfreien Raum der eigenen Wohnung nämlich niemand mehr um einen.

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Ich zum Beispiel wurde von meiner Frau unterm Dach geparkt auf Holzschemel vor altbackenem Sekretär. In hiesigen Putenmastbetrieben dürfte der gestalterische Freiraum für die Tiere größer sein als meiner. Über verspannte Nackenmuskulatur, Augenprobleme oder Rückenbeschwerden ist mir von dort nichts bekannt. Die volkswirtschaftlichen Folgen der ungesunden Arbeitsbedingungen: Arztbesuche, OPs, Krankenkassen-Kosten, Rehas, Depressionen, Alkohol, Drogen, mühsame Resozialisierung etc. Das volle Programm.

Als ich mit meiner Frau wenigstens über ungünstigen Lichteinfall und einen größeren Bildschirm diskutieren wollte, lachte sie nur laut. Überhaupt muss hier neben dem bereits erwähnten Familienstress auch über HO-Beziehungsprobleme gesprochen werden. Bei den anderen. Nicht bei Ihnen und mir natürlich.

Aber auch wenn ich hier um Gottes Willen nicht das Hohelied tradierter Rollenverteilung in klassisch-patriarchalischen Sozialstrukturen anstimmen möchte: Es scheint doch nicht wenige Kolleginnen und Kollegen zu geben, die im HO ihre Kinder oder gar Ehefrau bzw. -mann überhaupt erst wirklich kennengelernt haben. Und offenbar galt das nicht in allen Fällen als Bereicherung, wurde mir glaubhaft versichert. Insofern war das klassische Büro-Arbeitsmodell eben auch eine Hilfe, die verschiedenen Sphären auseinanderzuhalten.

Kurz: Das HO wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die Scheidungsraten in Deutschland nach oben treiben, die Produktivität der Mitarbeiter eher nicht. Die Folge: Prozesse, Unterhaltsklagen, nicht kassengedeckte Psychotherapien, Alkohol, Drogen etc. Das volle Programm.

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Das HO macht Menschen wahlweise dick, faul, krank, aggressiv, verrückt oder alles zusammen. Es suggeriert uns, dass wir in Jogginghose die Welt erobern können. Und damit sind wir bei den bereits erwähnten Transformationsprozessen.

Das mit der Freiheit und der Selbstverantwortung klingt ja erst mal gut. Aber machen wir uns da nicht vielleicht etwas vor? Wer früher im Büro zur Apathie neigte, lässt sich jetzt noch mehr ablenken von Haustier, Spülmaschine oder Netflix. Und wer sich früher schon zerriss für die Firma, der arbeitet jetzt auch noch die Nacht durch aus Angst, man könne doch irgendwie nicht genug getan haben.

Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen ebenso wie Entscheidungsprozesse zur adäquaten Garderobe. Wer nur noch in Videokonferenzen sitzt, braucht allenfalls ein frisch gebügeltes Hemd. Wozu soll ich mir also noch Anzüge kaufen, Krawatten, Aftershave? Wozu noch Flugtickets buchen, Hotelzimmer reservieren in fremden Städten, Taxis ordern?

Warum mir Haarschnitt oder Armbanduhr gönnen, wenn die niemand mehr sieht bei mir unterm Dach? Da gehen also gerade komplette Branchen den Bach runter … bis hin zum Näherinnen-Job in Bangladesch. Und letztlich bin ausgerechnet ich dafür mitverantwortlich.

Die Sehnsucht nach Neuanfängen, die im Homeoffice nicht möglich sind

Ich will nicht sagen, dass Vertreter des klassischen Management-Establishments westlicher Industrienationen eben auch in der Dritten Welt viele Jobs schaffen. Aber ohne uns läuft’s dort auch nicht richtig rund. Die Folge: Jobabbau, Steuerausfälle, Rezessionen, Staatspleiten etc. Das volle Programm. Und das ist noch nicht alles.

Ich kenne Führungskräfte, die nun schon seit fast einem Jahr im HO sitzen. Manchmal sieht man sie mittags mit dem Hund ihrer Kinder und leerem Blick durchs Viertel schlurfen und anderen Ex-Schreibtischhengsten begegnen.

Sie waren mal Weltreisende in Sachen Wachstum. Jetzt helfen sie zwar durch schiere Passivität, den Pendler- und Berufsverkehr zu lindern, die Immobilienkosten in den Innenstädten zu senken und das Klima zu retten. Aber zugleich sehnen sie sich nach Neuanfängen, die im HO eben unmöglich sind.

„Ich will endlich was Echtes machen“, habe ich neulich vom Vorstand eines mittelständischen IT-Unternehmens gehört. Ich fürchte allerdings, dass Deutschland am Ende leider nicht so viele Landschaftsgärtner, Oldtimer-Sanierer, Bootsbauer und Antiquitätenhändler brauchen wird, wie da gerade an den Start gehen.

Die volkswirtschaftlichen Folgen: Pleiten und Prozesse wegen Insolvenzverschleppung, Depressionen, Psychotherapien, Alkohol, bewusstseinserweiternde Neuroleptika etc. Das volle Programm.

Sie sehen, es endet immer in der gleichen Sackgasse. Das kann nicht im Sinne eines aufrechten Sozialdemokraten wie Arbeitsminister Hubertus Heil gewesen sein, als er begann, das HO zur Zukunft der Menschheit zu deklarieren. Aber Heil hat gut reden: Er hat Anspruch auf eine Pension, keine Geldsorgen und darf weiterhin raus unter Leute. Vielleicht weiß er selbst nicht, wie gut er’s hat.

Sie sehen das anders – oder haben Anmerkungen, Fragen, vielleicht ein Thema, um das sich diese Kolumne auch mal kümmern sollte? Diskutieren Sie unten mit unserem Autor oder wenden Sie sich vertrauensvoll direkt an ihn: [email protected]

Mehr: „Wir können die Zentrale nicht einfach abschließen“: Wirtschaft reagiert gespalten auf neue Corona-Regeln

  • ttu
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5 Kommentare zu "RESET – die Kolumne zum Wochenende: Warum das Homeoffice nicht nur die Weltwirtschaft bedroht – ein Hilferuf"

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  • HO der Angestellten hat etwa so viel Zukunft wie die Heimarbeit in den 60er und 70er Jahren.
    Sie wird durch fortschreitende Technologie der KI ersetzt werden.
    Mangels vielfältiger realer Sozialkontakte in Büros, bei Teams oder Kunden „degeneriert“ die Persönlichkeit langfristig. Daher die Folgen …. das volle Programm. Klar gibt’s auch disziplinierte Typen, zu denen gehöre ich leider nicht.

  • Wie wäre es denn mit etwas Eigenverantwortung? Zu den Jogginghosen hat Karl Lagerfeld das Nötige gesagt, ganz ohne Homeoffice. Für wen intrinsische Motivation auch der Sache nach ein Fremdwort ist, der hat mit der neuen Freiheit natürlich Probleme. Die Schluffis brauchen vielleicht die Knute der Beaufsichtigung, bei anderen ist die heimische IT-Ausstattung derjenigen im Büro um Längen voraus. Der Vergleich mit der industriellen Massentierhaltung ist einfach nur dumm und zynisch - unfassbar, wie man für einen kleinen Effekt in zwei Sätzen einen derartigen Gedankenmüll absondern kann.

  • "Das HO macht Menschen wahlweise dick, faul, krank, aggressiv, verrückt oder alles zusammen."

    Der Autor hat ein Problem mit der Selbstdiziplin, wenn ihm die soziale Kontrolle durch die Kollegen fehlt. Darum geht die Weltwirtschaft zu Grunde?
    Meines Erachtens überschätzt der Autor seinen Einfluß auf die Weltwirtschaft.

    In meinem Umfeld klappt die Zusammenarbeit im Homeoffice hervorragend. Zusätzlich sparen wir jeden Tag im Schnitt zwei Stunden Lebenszeit am fehlenden, sinnlosen Pendeln.

    Sicher, bei manchen klappt es besser - bei anderen weniger. Aber ein Strukturwandel ist immer schmerzhaft. Keiner hat sich das Coronavirus ausgesucht und keiner hat sich ausgesucht, das sich die Welt ändert. Aber die Welt ändert sich und wir müssen uns anpassen.

  • Wow, ehrliche Worte.

    Nachvollziehbar, treffend.

    Die Zusammenhänge schreien förmlich nach Plausibilität.

    Der Zerfall von Wirtschaft und Rechtsordnung wird hier anschaulich erweitert um Zerfall der Psyche und Physe des Menschseins.

    Ein Desolationsprogramm vom Feinsten. Alles Zufalll? Oder ein hoch intelligent austarierter Generalangriff mit dem Ergebnis von Zermübung der Gesellschaft? Eine Zermürbung, die mit ihrem resignativen Charakter ALLES mit sich anstellen erlauben würde...

  • Sehr amüsant. Und die bittere Wahrheit ist, dass all diese irren Maßnahmen dem Schutz einer kleinen alten und hochaltrigen Risikogruppe dienen.
    Ich wette, wenn Covid-19 vor allem Kinder und junge Erwachsene bedrohen würde, wären die Einschränkungen und Corona-Maßnahmen halb so streng. Kinder sind ja keine Wähler.

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