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WohnungsnotWeshalb jeder einfach mal in die Hocke gehen sollte

Eine zufällige Begegnung kann die Perspektive nachhaltig verändern. Im Newsletter Handelsblatt Shift geht es um solche Inspirationen. In dieser Ausgabe liefert ein ehemaliger Obdachloser Denkanstöße.Nina C. Zimmermann 27.03.2025 - 12:42 Uhr Artikel anhören
Eine Frage der Würde: Oft ist die Entscheidung, wofür sie das gesammelte Geld ausgeben, die einzige Freiheit, die Obdachlosen bleibt. Foto: Ina Fassbender/dpa

Sie kennen das bestimmt: Sie gehen durch die Stadt, sehen aus dem Augenwinkel, wie eine zusammengekauerte Gestalt in einem Eingang hockt, vor sich einen Pappbecher für Kleingeld. Was machen Sie? Hasten Sie weiter?

Oder machen Sie es wie mein Kollege Christian Wermke und gehen einfach mal in die Hocke, um ein Wort an den zusammengekauerten Menschen zu richten? Werfen Sie Geld in den Becher?

In dieser Ausgabe des Newsletters Handelsblatt Shift geht es um Obdachlosigkeit und soziales Elend. Vor allem aber geht es um ein ermutigendes Beispiel und die Frage: Was kann ich tun, um die soziale Temperatur in unserer Gesellschaft weniger frostig zu gestalten?

Mein Kollege Christian hat kürzlich für eine Handelsblatt-Geschichte den Bestsellerautor Dominik Bloh porträtiert. Bloh lebte elf Jahre lang auf der Straße, nachdem ihn seine Mutter mit 16 vor die Tür gesetzt hatte. Heute schreibt er Bücher, sitzt in TV-Talkshows, hat das Bundesverdienstkreuz erhalten, ein Unternehmen mitgegründet und engagiert sich im Kampf gegen die Wohnungsnot.

Obdachlose wollen nicht übersehen werden

Christian erzählte mir, dass er seit der Begegnung mit Bloh anders auf Leute schaue, die ihn anbetteln. Denn Bloh habe ihm gesagt: Du fühlst Dich wie ein Nichts, wie Luft, wenn alle vorbeigehen.

Wenn aber ein einziger sich hinhockt und Dich wahrnimmt, kann das den Tag verändern. „Und die einzige Würde, die bettelnden, obdachlosen Menschen bleibt, ist, selbst zu entscheiden, was sie mit dem Geld machen, das sie erbitten“, sagt Christian.

Noch etwas habe er aus der Begegnung mitgenommen: Wie wichtig es ist, an den eigenen Vorurteilen zu arbeiten. Bei seiner Recherche zu Bloh habe er zum Beispiel gemerkt:

Es ist ein Klischee, Obdachlosigkeit mit Alkoholsucht zu verbinden.

Bloh habe in seiner Zeit auf der Straße nie Alkohol oder andere Drogen angefasst.

Als ich Christians Text las, war ich beeindruckt von der Person, die er da beschreibt. Und Christian scheint es ähnlich gegangen zu sein: „Mich fasziniert, dass er sich niemals aufgegeben und immer positiv nach vorn geblickt hat, auch wenn es zehn Jahre dauerte.“

Dominik Bloh Foto: PR

Dass Christian im Herbst vorigen Jahres auf Bloh stieß, war Zufall: „Nach der Verleihung des Handelsblatt-Wirtschaftsbuchpreises wollte ich mit ein paar Kollegen noch im Frankfurter Hof was essen.“ Weil es so voll war, setzten sie sich zu einem Mann an den Tisch. „Wir kamen ins Gespräch, er erzählte ein bisschen von sich und lief zwischendurch in sein Zimmer, um mir eines seiner Bücher zu bringen.“

Das Buch fand mein Kollege so interessant, dass er Bloh irgendwann kontaktierte und ihn bat, ihn durch die Stadt seiner Jugend zu führen. Warum das nicht ganz wie erhofft geklappt hat und was er alles dabei erfuhr, können Sie hier nachlesen.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Womöglich sind auch Sie beeindruckt, was Bloh alles auf die Beine stellt, um dem Thema Wohnungslosigkeit beizukommen – und nehmen sich vor, mit offeneren Augen und einer anderen Haltung durch die Stadt zu gehen.

In der kommenden Woche begrüßt Sie an dieser Stelle erstmals Justus Heinisch als neuer Shift-Autor.

Dieser Text ist am 24. März 2025 zuerst im kostenlosen Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Hier können Sie sich anmelden, um ab sofort keine Ausgabe mehr zu verpassen. Jeden Montag eine neue Inspiration.

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