Editorial: Läuft die Industrie in die Deutsche-Bahn-Falle?
Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.
Foto: Max Brunnert für HandelsblattDie Warnungen hätten in den vergangenen Monaten alarmierender kaum sein können: „Es brennt lichterloh“, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm mit Blick auf die Energiekrise. Der industrielle Kern Deutschlands sei in Gefahr, assistierte Wolfgang Grosse Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Und der Präsident der IHK Schwerin, Matthias Belke, hielt sogar einen „tödlichen Infarkt“ der Wirtschaft für möglich.
Ende dieser Woche dürfen wir festhalten: Die deutsche Industrie hat all die „Brände“ und „Infarkte“ vorerst überstanden. Im Vergleich zum Vorjahr legte die Industrieproduktion um 0,8 Prozent zu, die Pharmabranche produzierte neun Prozent mehr. Der Fahrzeugbau verzeichnete sogar ein Plus von 13,9 Prozent.
Und auch im Rest der EU haben Industriebetriebe ihre Produktion in den vergangenen Monaten überraschend deutlich hochgefahren: Noch nie zuvor haben sie so viel produziert. Dabei könnten wir es belassen und beruhigt ins Wochenende gehen.
Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, wie ein Blick auf einige weitere Zahlen aus den vergangenen Wochen zeigt. Demnach baut sich neben den akuten Krisen rund um Gas und Lieferketten im Hintergrund eine Vielzahl struktureller Krisen auf – und die könnten die Wirtschaft in der langen Frist weit stärker verändern als jedes Gas-Sparprogramm. Im schlimmsten Fall lösen sie sogar eine regelrechte Abwärtsspirale aus.
Da ist auf der einen Seite China, das ökonomisch nur noch ein Schatten seiner selbst ist – nicht nur wegen der geradezu fahrlässigen und wissenschaftsfernen Coronapolitik. Die chinesischen Exporte sind im November im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent zurückgegangen – mehr als doppelt so stark wie befürchtet.
China als Stütze der Weltkonjunktur entfällt
Das Land steht am Rande einer Rezession. Damit wird China als Stütze der Weltkonjunktur erst einmal ausfallen. Ein schwerer Schlag gerade für die China-abhängige deutsche Industrie.
Hinzu kommt der von vielen Branchen in Deutschland verschlafene Strukturwandel. Die Autoindustrie etwa, die nun hastig Milliarden in Software investiert, kommt selbst mit neuesten Modellen im wichtigen Markt China nicht wirklich an. Die aktuellen E-Autos aus Deutschland genügen schlicht den digitalen Ansprüchen der asiatischen Konsumenten nicht mehr. Chinesische Hersteller sind da viel weiter.
Qualitativ sind die chinesischen Elektroautos mittlerweile auf der Höhe.
Foto: ReutersGleichzeitig leiden viele Industriebetriebe unter hohen Kosten. Oft übersehen wird in der aktuellen Diskussion, dass Firmen in Deutschland auch schon vor Beginn des Ukrainekriegs in einer Energiekrise steckten, Strom war auch schon vorher nirgends so teuer. Die Gaskrise verschärft das Problem nur. Und das trifft all diejenigen Unternehmen besonders, die im internationalen Wettbewerb stehen und ihre Kosten nicht weitergeben können.
Kein Wunder, dass sich viele Firmen nun Richtung Westen orientieren, viele engagieren sich verstärkt in den USA, wo Energiepreise und Steuern niedrig sind. 40 Prozent der deutschen Chemie- und Pharmafirmen wollen dort in den nächsten Monaten mehr investieren, zeigt eine aktuelle DIHK-Umfrage.
Deutsche Unternehmen investieren weniger in ihre Zukunft
In Europa halten sie sich derweil zurück. Die neoprotektionistische Politik der Amerikaner dürfte diesen Trend noch verstärken. Mittlerweile gehen schon Vertreter von US-Behörden direkt auf deutsche Energie-Start-ups zu und versuchen, sie zu überzeugen, ihr Geschäft in die USA zu verlegen.
Die hohen Energiekosten haben weitere Folgen: Deutsche Unternehmen investieren weniger in ihre Zukunft. So stiegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der EU im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit um vier Prozent. In Deutschland lagen die Ausgaben um 0,8 Prozent unter dem Wert von 2019. Dabei sind Forschung und Entwicklung die Basis der viel beschworenen Effizienzrevolution, des Booms von Green Tech und sparsamen Maschinen.
Was ist die Lehre aus diesen Erkenntnissen? Ein bisschen weniger Alarmismus in der kurzfristigen Perspektive, dafür mehr Energie darauf verwenden, was an langfristigen, substanziellen Reformen notwendig ist, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Die Risiken sind zweifellos groß, und sie werden auch bleiben, wenn der Krieg zu Ende ist.
Ein bisschen ist es wie mit der Deutschen Bahn: Die Manager trimmten das Unternehmen jahrelang auf Effizienz und gute Quartalsergebnisse. Am Ende stellte sich heraus, dass sie nur Substanz aufzehrten – zulasten der eigenen Zukunft.