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Essay Polarisierung, Aggression und Hysterisierung – über ein Land, das seine Debattenkultur verlor

Nach 15 Monaten Pandemie ist die Debattenkultur schwer beschädigt. Das folgt aus einem rigiden Moralismus, der nur noch „gut“ oder „böse“ kennt. Zeit, die Ideale der Aufklärung wiederzuentdecken.
13.05.2021 - 15:45 Uhr 5 Kommentare
Insbesondere Themen wie die Coronakrise werden in Talkshows der Republik besprochen. Quelle: dpa
ZDF Talkshow „Lanz“

Insbesondere Themen wie die Coronakrise werden in Talkshows der Republik besprochen.

(Foto: dpa)

Wirtschaftlich gesehen, nach den Gesetzen des Marktes, ist der Schauspieler Jan Josef Liefers ein Garant für „Wertschöpfung“. Einer, der in der Rolle eines schrägen Pathologieprofessors im „Tatort“ aus Münster sonntagabends 14 Millionen TV-Zuschauer lockt.

Einer, der als Werbefigur für Unternehmungen wie die Lotterie SKL, Toyota, Ferrero und die Modemarke Gardeur den Verkauf von Produkten angekurbelt hat. Neu aber ist, dass Liefers in einer sich drastisch verändernden Republik auch als Zentralfigur moralphilosophischer Wertedebatten wirkt – und zwar zur großen Frage, wohin unsere Gesellschaft gekommen ist und wohin sie wohl noch treibt.

Zu diesem Rollenwechsel kam es, nachdem Liefers zusammen mit 52 anderen Schauspielern, die man großteils aus dem „Tatort“ kennt, in der Kampagne #allesdichtmachen die deutsche Corona-Politik so stark ironisierte, dass prompt vom rechten Flügel des politischen Theaters Applaus aufbrandete, woraufhin 20 der Aktivisten wirklich dichtmachten und ihre jeweiligen Kurzvideos zurückzogen. Damit war die Kultur-Riege auf einmal aus den schmalen Spalten der Fernsehkritik in die breiten Aufmacher der Feuilletons gerutscht.

Die Akteure waren nunmehr nicht einfach nur Künstler, die das Recht auf subjektiven Ausdruck ihrer Gefühlslage und auf Provokation haben. Nein, sie erschienen den Rechten als Helden und vielen anderen als Unsolidarische im Kampf gegen die Pandemie, als Defätisten und sozusagen „Wehrkraft-Zersetzer“ im großen Krieg gegen das Virus.

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    Die Freiheit der Kunst, eng verbunden mit der Meinungsfreiheit, wurde in diesem Streit abgeräumt wie ein altes Möbel, das man nicht mehr braucht. Ein WDR-Rundfunkrat und früherer Landesminister forderte in einer ersten Reaktion sogar allen Ernstes, die Leute von #allesdichtmachen nicht mehr im „Tatort“ zu beschäftigen.

    Debattenkultur befindet sich im Ausnahmezustand

    Die Kontroverse zeigt im grellsten Scheinwerferlicht, wie es inzwischen mit der deutschen Debattenkultur bestellt ist. Auch sie ist im Ausnahmezustand. Man ist entweder für oder gegen etwas, man ist „schwarz“ oder „weiß“, Gestriger oder Genderstern-Freund, Klimaschützer oder Klimaignorant, Multi-Kulti oder „Rassist“, Laschet-Liberaler oder Söder-Zentralist und natürlich Corona-Bezwinger oder Corona-Leugner (also Merkel-Adept oder „Alu-Hut“). Dazwischen: das soziologische Nichts, eine Gefahrenzone.

    Die tägliche rhetorische Bewährungsprobe, das Lebenselixier der Demokratie, verkommt unter solchen Bedingungen zur plumpen Zwei-Pol-Veranstaltung. Alle haben die Wahl: Gehört man zur „Anode“ oder zur „Kathode“ des sozialen Systems? Plus oder minus?

    Niemand kann dem Einzelnen dabei die Angst nehmen vor dem Schlimmsten, was passieren kann: nicht auf der richtigen Seite zu stehen. Den „Beifall von der falschen Seite“ zu bekommen, was Hans Magnus Enzensberger schon 1962 beschrieben hat. Die Gesellschaft spaltet sich.

    Mit ironisch gemeinten Videos haben 50 deutschsprachige Schauspieler und zwei Regisseure Ende April 2021 die Corona-Politik der Regierungen und die Medienberichterstattung dazu thematisiert. Quelle: dpa
    Internetaktion #allesdichtmachen

    Mit ironisch gemeinten Videos haben 50 deutschsprachige Schauspieler und zwei Regisseure Ende April 2021 die Corona-Politik der Regierungen und die Medienberichterstattung dazu thematisiert.

    (Foto: dpa)

    Nicht, wer man ist, sondern für wen man gehalten werden könnte – das ist der kategorische Imperativ dieser modernen Sortier-Gesellschaft. Dafür sorgen schon die mannigfaltigen Kanäle von „Social Media“, die noch jeder Erregungsamplitude in Echtzeit zum Recht des Rechthabens verholfen haben.

    Alles gerät im Handumdrehen zum großen „Kulturkampf“, vor allem wenn es um die Corona-Bedrohung geht, und wird dann in den Emotions-Talkshows der Republik oder auf den Webseiten weiterverarbeitet.

    Wer da anderer Meinung ist, wird über die Stellflächen des Internets persönlich attackiert und verächtlich gemacht. Man kann alles sagen, muss aber bereit sein, „Sozialscham“ zu ertragen. In letzter Konsequenz ist es von diesem Punkt aus gar nicht mal so weit bis zum datengestützten „Social Score“ des staatskapitalistischen Einparteienstaats China, der Bürger nach ihrer Sozialverträglichkeit scheinbar objektiv bewertet.

    Gefährliche Moralisierung

    In einer solchen Welt, in der alle moralischen Fragen vorab geklärt werden, sind keine Meinungsschutzräume mehr nötig, die man üblicherweise in liberalen Demokratien braucht, um Standpunkte zu klären. Wir leben stattdessen mit Meinungsschnellgerichten.

    Alles wird sofort bewertet, kritisiert, verworfen, glorifiziert – mit der unweigerlichen Folge von Verletzungen und Ausgrenzungen, wenn man sich nicht im jeweiligen „Mainstream“ befindet. Der Ökonom John Stuart Mill hat es in seinem Klassiker „On Liberty“ vor mehr als 160 Jahren so beschrieben: Wer die herrschende Meinung bestimmt, tendiere dazu, Personen mit anderer Meinung als unmoralisch zu betrachten.

    15 Monate Pandemie haben eine gefährliche Moralisierung in einem zuvor kaum zu ahnenden Ausmaß wachsen lassen. Das Virus hat bekanntlich für viele Schäden gesorgt: Todesfälle, Erkrankungen, Bildungseinbußen von Kindern, Gewalt in unglücklichen Ehen, Niedergang mancher Kleinunternehmen, Kulturentzug.

    Die Deformation der Debattenkultur aber ist der vielleicht bedrohlichste Kollateralschaden dieser Krise. Sie sorgt dafür, dass wesentliche Pfeiler unseres Systems brüchig werden. Corona war auch hier der so oft zitierte „Brandbeschleuniger“.

    Polarisierung, Aggression und Hysterisierung sind die Merkmale dieser Fehlentwicklung. Wer hätte schon gedacht, dass Kriterien der Vernunft auf einmal ebenso eine nachgelagerte Rolle spielen wie Motive der individuellen Freiheit, etwa der Meinungs- und Kunstfreiheit? Oder dass das „Brüderlichkeit“-Gebot der Französischen Revolution wie ein nostalgisches Relikt aus besseren Tagen des Bürgertums erscheint?

    Die „Parzellierung der Gesellschaft“, von der Frank-Walter Steinmeier spricht, kennt eben nur Freund oder Feind, Zugehörigkeit oder Fremdsein. Zu Recht beklagt der Bundespräsident den Zerfall der Debattenkultur in unversöhnliche Gruppen sowie die „epidemische Verbreitung von Desinformation im Internet“.

    Spaltung der Gesellschaft ist vorangetrieben

    So stark Googles Youtube, Twitter oder der Facebook-Konzern mit seinen angeschlossenen Kanälen einerseits zur Vervielfältigung von Informationen und zur Kontaktbildung beitrugen, so haben sie andererseits doch auch digitale Hasskulturen kultiviert, die Extremismus im Streit begünstigen.

    Die Algorithmen der Techkonzerne multiplizieren nun mal das jeweils Populäre, also das, was die jeweilige Stammesgemeinschaft für stimmig hält. Und das ist oft umso besser, je beleidigender es ist. Erschüttert erleben wir jene „Mob-Reflexe“, vor denen Jaron Lanier 2006 im Essay „Digital Maoism“ gewarnt hat.

    Die Spaltung der Gesellschaft ist weit vorangetrieben, die Bildung zweier Lager, von denen jedes genau zu wissen glaubt, was jeweils richtig und was falsch ist. Dieses Besserwissen fügte sich ein ins neue Leitbild der oft beschworenen „Identität“ jeweiliger Gruppen: „Liebe deine Community! Erfülle die ethischen Vorgaben! Sei gut!“ (Oder es geht dir schlecht.)

    Man erkennt sich in Begegnungen und Gesprächen nunmehr sofort daran, wer welche Begriffe verwendet und wer welche nicht. Man registriert, welche Symbole auftauchen und wie hoch der Grad der „Political Correctness“, der politischen Korrektheit ist. Sprechen Sie den Genderstern schon mit? Sagen Sie „Afroamerikaner“ und „People of Color“? Wer das N-Wort sagt, egal in welchem Zusammenhang, disqualifiziert sich selbst und muss aussetzen.

    Wobei der grüne Politiker Boris Palmer bei seinem Versuch, „Sprachjakobinertum“ zu entlarven, mit der angeblich satirischen Verwendung eines vulgären N-Worts auf ein höchst ungeeignetes Mittel setzt und damit letztendlich nur eines dokumentiert: Niveauverlust.

    Sensible Sprache


    Früher hatten wir die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky), heute haben wir die normierte Mittelstandsgesellschaft. Niemand will in dieser Welt stigmatisiert werden. Der VW-Konzern nicht, deshalb lässt er für seine Ingolstädter Tochter die wahrhaft trendkompatible Bezeichnung „Audianer_innen“ verwenden; Knorr aus dem Unilever-Konzern ebenfalls nicht, weshalb sein Klassiker „Zigeunersauce“ nun als „Paprikasauce Ungarischer Art“ firmiert.

    Der „Gender Pay Gap“ bleibt in der Autoindustrie gleichwohl bestehen, und die Arbeitsbedingungen in der Nahrungsmittel-industrie haben sich auch nicht verbessert, egal, ob man Migrationshintergrund hat oder nicht. Die pauschale Klage der Buchautorin Sahra Wagenknecht über „Lifestyle-Linke“ ist ja auch ein Protest dagegen, dass nicht mehr die Verhältnisse interessieren, sondern nur die trickreich gestaltete Wahrnehmung derselben.

    Ohne Zweifel ist es wichtig, Sprache in der Kommunikation sensibel einzusetzen und Vorurteile abzubauen. Aber jede Tugend kann durch Überbeanspruchung und Radikalität zum neuen Laster werden.

    Fast täglich unterhalten wir uns jetzt über Grenzfälle. Ob ein Sportreporter, der mal Fußballnationalspieler war, sagen darf: „Trainieren bis zum Vergasen.“ (Wohl eher ja, wenn auch die Formulierung hässlich ist.) Oder ob ein früherer Sportplatz-Kollege, der zuletzt Aufsichtsrat eines Fußballklubs war, vom „Quoten-Schwarzen“ reden durfte. (Nein, rassistisch.) Beide haben ihren Job nicht mehr.

    Sprache von heute kann die Fehler von gestern nicht ungeschehen machen

    Ein neuer Puritanismus macht sich in der westlichen Welt breit, diesmal geht er von einer moralisierenden Linken aus. Das bildet die Basis einer zunehmend verzerrten Debattenkultur. Was darf man sagen, denken, schreiben? Welche Kunstfiguren darf ein Romanautor nicht einführen?

    Wurde in früheren Zeiten aus den politischen Reihen der Linken ein Maximum an Freiheit, Selbstverwirklichung und Experiment gefordert, selbstverständlich garniert mit massiver Staatskritik, so kommen jetzt von dort Vorschläge zur Eingrenzung der Liberalität.

    Zugleich erhebt sich eine ganz neue Staatsgläubigkeit. Wir sehen eine verkehrte Welt: Nun sind es Konservative, die über „Meinungsdiktatur“ und „Cancel Culture“ klagen. Wer erinnert sich schon noch, wie Mitte der 1960er-Jahre Bundestagsabgeordnete von CDU und CSU rund um den Politiker Adolf Süsterhenn die deutsche Jugend mit ihrer Aktion „Saubere Leinwand“ vor Sex und Schund im Kino schützen wollten?

    Ingmar Bergmans Meisterwerk „Das Schweigen“ galt den Moralisten von rechts als anstößig. Heute wirkt es mitunter, als verfolgten Moralisten von links so etwas wie eine Aktion „Sauberer Screen“. Die Sprache von heute kann die Fehler von gestern aber nicht ungeschehen machen.

    Moderner Mensch klickt, denkt aber nicht immer selbst

    Das Land hat sich, wenn man ehrlich ist, ziemlich weit weg von den Idealen der Aufklärung bewegt. Drei Jahre vor den Immanuel-Kant-Festspielen zum 300. Geburtstag – der Philosoph wurde 1724 geboren – interessiert uns aktuell die Frage, ob er wohl „Rassist“ war, mehr als seine Gedanken über den Ausweg der Menschen aus seiner „Unmündigkeit“. Kant riet: „Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist Aufklärung.“ Der moderne Mensch von heute klickt, aber denkt nicht jederzeit selbst. Kants Rat: „Wage es, weise zu sein“, müsste man angesichts des überall drohenden „Shitstorms“ umformulieren: „Wage es, leise zu sein.“

    Das System der Aufklärung, die manchem so altmodisch erscheint in diesen Tagen, verlangt eine maximal breite, lebhafte Debatte. Eine Konfrontation der Argumente, ein Streit der Theorien, der am Schluss zu den besten Lösungen führen soll – nicht von oben vorgegeben, sondern von unten entwickelt. Und verbunden mit einer offenen Einstellung, die einräumt, dass auch in anderen Meinungen Bedenkenswertes stecken könnte. Dass auch Gegensätzliches zu tolerieren ist. Selbst eine AfD oder einen Hans-Georg Maaßen muss man aushalten können, jedenfalls solange sie sich auf dem Boden der Verfassung befinden.
    Es bewege viele, dass es heute nichts Wichtigeres gäbe, „als dass wir die Freiheit des Denkens und des Geistes behalten“, erklärt der Bamberger Philosoph Christian Illies. Er unterzeichnete einen Aufruf für „freie Debattenräume“, initiiert vom Schweizer Publizisten Milosz Matuschek und dem deutschen Autor Gunnar Kaiser. Mit dabei ist etwa der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp, der seit Längerem über „Gesinnungskorridore“ klagt. Er steht bei den Linken im Verdacht, zu sehr mit den Rechten zu kungeln.

    Was darf Satire?

    Das Meinungsklima leidet inzwischen unter all den Versuchen, Andersdenkende und Unliebsames überall zu identifizieren und auszugrenzen. Wann dieser Trend zur sozial verpflichtenden Moralisierung auf großer Ebene begann? Zum Beispiel mit dem Streit über die Berliner „Mohrenstraße“, deren Name nach 300 Jahren von Aktivisten als „rassistisch“ wahrgenommen wurde; künftig heißt sie Anton-Wilhelm-Amo-Straße, benannt nach einem einstigen Sklaven am Hofe von Braunschweig-Wolfenbüttel, der später der erste schwarze Philosoph in Deutschland war.

    Im Oktober 2019 wurde dann zum Thema, dass der AfD-Gründer und Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke nach der Rückkehr aus der Politik seine beiden ersten Vorlesungen an der Hamburger Universität wegen vehementer Proteste nicht halten konnte. Und im selben Monat verhinderten linke Demonstranten eine Lesung des Christdemokraten Thomas de Maizière beim Göttinger Literaturherbst.

    Die Räume sind auch in der Kunst eng geworden. Die grundgesetzlich gewährte Kunstfreiheit droht zum Erinnerungswert zu werden. Der Kabarettist Helmut Schleich beispielsweise erfand einen in Afrika lebenden Sohn des CSU-Gottvaters Franz Josef Strauß und witzelte mit schwarz geschminktem Gesicht über die bayerische Politik. „Blackfacing“ aber ist nach den neuen Moralgesetzen nie Satire, aber immer Rassismus.

    Und so wird die Kunstfigur „Maxwell Strauß“, die den Import neokolonialer Strukturen nach Afrika aufzeigen wollte, nie mehr im Bayerischen Fernsehen zu sehen sein. Anfangs hielt der Sender noch zum Schleichfernsehen, nun will er nach der Abschaltung eine generelle Wertediskussion führen. Was darf Satire? Alles, aber nur auf dem Boden der neuen moralischen Grundordnung.

    Ganz und gar unmöglich auch, dass eine Berliner Grünen-Politikerin öffentlich bekannte, sie habe als Kind „Indianerhäuptling“ werden wollen – Bettina Jarasch musste sich daraufhin nolens volens für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ entschuldigen. Verstöße gegen aktuelle Sprachregelungen sind offenbar nur mit nachhaltig eindrucksvollen Bußritualen ex post zu heilen. Auch im Sozialismus haben einst erwiesene Underperformer sich so selbst bezichtigen und reinigen müssen.

    Sprache gehört zur eigenen Community

    Es gehe darum, dass jetzt Menschen anderen vorschreiben, „wie sie zu reden haben, weil ihnen sonst ein Makel entsteht“, moniert der Kabarettist Gerhard Polt. Er wolle sich aber nicht zu einer bestimmten Redeweise zwingen lassen: „Sprache gehört niemandem.“ Damit gehört Polt, der freie Radikale des Humors, erkennbar zur Gruppe der unbelehrbaren Altvorderen: Denn Sprache gehört in der modernen Bekenntnisgesellschaft der jeweils eigenen Community. Und das verschärft die Probleme.

    „Konflikte werden nicht mehr als lebendiger Streit ausgetragen, sondern verhärten sich schnell zum Stellungskrieg“, hat der Dramaturg und Autor Bernd Stegemann beobachtet. Er ist zwischen die Fronten einer heftigen Debatte über Rassismus an deutschen Theatern geraten, nachdem in Düsseldorf der Schauspieler Ron Iyamu bei einer Probe schikaniert wurde.

    Die Sache ist mittlerweile so sehr eskaliert, dass ein eigenes Theater für „People of Color“ gefordert wird. In den Niederlanden wurde sogar problematisiert, ob wohl eine weiße Schriftstellerin die Gedichte der afroamerikanischen Poetin Amanda Gorman übersetzen dürfe, die ein Gedicht bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden vorgetragen hatte. Wenn es so weitergeht, können selbstverständlich Morgan Freeman oder Will Smith nur noch von „People of Color“ für deutsche Filme synchronisiert werden.

    Martin Luther King mit seinem „I have a dream“ aus dem Jahr 1963 klingt da wie eine Botschaft aus sehr ferner Zeit: Der schwarze Bürgerrechtsaktivist wollte, dass seine Kinder nicht nach der Hautfarbe, sondern nach dem Charakter beurteilt werden. Dass Schwarze die gleichen Chancen wie Weiße haben und zusammen an einer besseren Gesellschaft arbeiten. Für die Anhänger von „Woke“, einer linken Identitätspolitik, dürfte ein solcher Ansatz schrecklich naiv sein.

    Widerspruch scheint Luxus geworden zu sein

    In der Corona-Frage wiederum sieht Stegemann eine „asymmetrische Kommunikation“. Auf kritische Fragen werde mit moralischer Empörung reagiert, klagt der Autor: „80.000 Tote sind genug! Geh mal auf eine Intensivstation!“ Besonders in der Betrachtung der Pandemie fällt auf, wie schnell kritische Stimmen aus der Öffentlichkeit verschwunden sind oder marginalisiert wurden. Widerspruch scheint Luxus geworden zu sein.

    So wurde der Münchener Ethikprofessor Christoph Lütge rasch durch die Landesregierung aus dem Bayerischen Ethikrat entfernt, nachdem er die Corona-Politik kritisiert hatte, unter anderem wegen einer „unverantwortlichen Angstrhetorik“. Nicht auszuhalten.

    Als es um die Maßnahmen gegen Corona ging, war eine Fraktion der Wissenschaft quasi regierungsamtlich im Verbund mit dem Robert Koch-Institut an vorderster Stelle vertreten, mit Galionsfiguren wie Christian Drosten, Karl Lauterbach oder Viola Priesemann.

    Der SPD-Gesundheitsexperte äußert sich regelmäßig zu der Corona-Pandemie sowie zu deren Eindämmungsmaßnahmen. Quelle: dpa
    Karl Lauterbach

    Der SPD-Gesundheitsexperte äußert sich regelmäßig zu der Corona-Pandemie sowie zu deren Eindämmungsmaßnahmen.

    (Foto: dpa)

    Die anderen kamen zwar auch coram publico vor – Hendrik Streeck, Klaus Stöhr, Jonas Schmidt-Chanasit –, wurden aber vom Regierungsmedizin-Lager schon mal als „sogenannte Experten“ geschmäht. Oder von einzelnen Medien wie dem „Spiegel“ als gefährlich abgestempelt. Abweichende Meinungen, die es auch in der Wissenschaftsakademie Leopoldina, im Helmholtz-Institut oder im Ethikrat gab, wurden vom Mehrheitslager um Angela Merkel schnell neutralisiert.

    Und von der Bundesregierung wurde dann am Ende behauptet, all ihre Maßnahmen seien auf die Wissenschaft zurückzuführen – womit nur jene Experten gemeint waren, die den gewünschten Rat pro Lockdown gaben. Das hat die Polarisierung und den Ton der Gespräche angeheizt, aber kaum zur Rationalität der Entscheidungsfindung beigetragen.

    Den Ton in dieser verhinderten Streitkultur setzte Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus im Bundestag: Wer dem Infektionsschutz nicht zustimme, nehme in Kauf, dass Menschen krank werden oder sterben. Alarmismus ersetzte Analyse. Das Parlament fiel als Zentralort einer intensiven Streitkultur und offenen Gesellschaft weitgehend aus.

    Medien als verschärfender Faktor

    Medien werden dabei zwangsläufig zum Krise verschärfenden Faktor, wenn sie nicht mehr das gesamte Meinungs- und Bewertungsspektrum aufzeigen, sondern lieber selbst einordnen, was dem Streben nach einer besseren, klimafreundlichen, gerechten Welt, frei von Rassismus dient. Manche nennen „Haltung“, was in Wirklichkeit schnell Manipulation ist. Journalismus hat zu allem Distanz zu halten oder er hört auf, gut zu sein. Neutralität ist das „Reinheitsgebot“ dieser Branche.

    In den nächsten Wochen, wenn sich die Gefahr der „dritten Welle“ gelegt hat, tun alle gut daran, in Ruhe Bilanz zu ziehen. Was hat sich in der Virenbekämpfung bewährt, was lief schief? Warum haben wir die Gesundheitsämter nicht besser digitalisiert? Warum nur auf den sehr groben Inzidenzwert geschaut?

    Warum wurden erst spät spezielle Konzepte für Altenheime und soziale Problemviertel entwickelt? Warum lief die Beschaffung und Verteilung der Impfstoffe so schleppend, woran mangelte es bei der Teststrategie? Was machen wir beim nächsten Mal besser? Und: Warum haben wir darüber nicht ausführlicher geredet? Wie haben wir überhaupt kommuniziert? Wie also konnten wir die Debattenkultur so sehr verkommen lassen?

    Man kann allen nur empfehlen, die Munition zu entschärfen und die Extreme, die Pole des Meinungsspektrums zu verlassen. Rüstet ab! Organisiert Debatten, einen zivilen Streit in der Sache. Womöglich hilft es im ersten Schritt, den Twitter- oder Facebook-Account einfach mal zwei, drei Stunden ruhen zu lassen.

    Nach einer solchen selbstkritischen Bestandsaufnahme könnte sich auch jene „robuste Zivilität“ wiedereinstellen, die der britische Historiker Timothy Garton Ash als essenziell für Gesellschaften hält. Das würde das Ende jenes „Bubble-Kampfes zwischen Angehörigen verschiedener Meinungsblasen“ einläuten, den der renitente Schauspieler Jan Josef Liefers kritisiert. Was immer man über #allesdichtmachen denkt, und da gibt es viel Kritikwürdiges, eine Gewissheit bleibt ihm: „Irgendeinen neuralgischen Punkt haben wir berührt.“

    Wohin es aber führt, wenn sich die offene in eine geschlossene Gesellschaft verwandelt, sieht man ebenfalls beim Thema Infektionsschutz. Seit fünf, sechs Monaten war in den Corona-Krisenstäben der Republik bekannt, dass viele an Covid-19 Erkrankte einen Migrationshintergrund haben – ein Tabu, über das man nicht sprach. Erst im März wagte es Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts, die Sprache darauf zu bringen.

    Er redete von Parallelgesellschaften. Wenn man dort etwas ausrichten wolle, klappe das nur mit beinharter Sozialarbeit in den Moscheen. Prompt handelte sich Wieler Vorwürfe der Diskriminierung von Minderheiten ein.

    Erst in den letzten Wochen hat sich langsam die Auffassung durchgesetzt, lieber in prekär-sozialen Milieus gezielt Pandemie-Aufklärung zu betreiben und prioritär zu impfen. Mit früheren Maßnahmen dieser Art wäre viel Leid zu vermeiden gewesen. Dazu muss man aber erst die Fakten kennen und benennen, also schrankenlose Debatten führen. So jedoch hat der neue Moralismus denen geschadet, die eigentlich geschützt werden sollen.

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    5 Kommentare zu "Essay: Polarisierung, Aggression und Hysterisierung – über ein Land, das seine Debattenkultur verlor"

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    • Großartig, Herr Jakobs.

      "Toleranz" sollte sich von der zeitgeistigen Erscheinung einer seelenlos dahingefaselte Floskel hin weg in seine wahrhaftige Essenz aufschwingen: Den anderen hören - und stehen lassen können. Ohne aufgestempelte Aburteilung einer pharisäerhaften Denke "Es gibt Grenzen des Sagbaren".

      Denn: Wenn man die Dinge nicht sagen darf, aber eben trotzdem denken tut - dann sammelt es sich als unausgedrückte Schattenenergie im Dunkeln des Bewusstseins an, bis es zu einer übermächtigen Entladung kommt. Die kann dann nach 'innen' gehen in Form von Burn-Out und Resignation mit Totalausfall als Persönlichkeit - oder nach 'außen' gehen und mit bspw. einem Amoklauf mächtigen Kollateralschaden generieren.

      Beides ist ungesund - für alle. Den eine Gesellschaft hat die Aufgabe, ALLE mitzunehmen - und zwar so, wie sie sind, nicht so, wie sie zeitgeistig bewertet 'richtig' wären und sein sollten...


    • Dankeschön für diesen großartigen Kommentar. Es fehlt für mich nur das Stichwort "Schweden", wenn es um das "besser machen" geht. Ich darf allen zum ergänzenden Studium die Kommentare von "Theodor" im Faktencheck des Wissenschaftsmagazins Quarks über den Sonderweg Schwedens empfehlen. Seine ausführliche, kluge und unaufgeregte Analyse im Kommentarblog über "die Zusammen-Bastelung von Selektiv- Fakten" im Faktencheck von Quarks ist in diesem Zusammenhang sehr lesenswert und auf vergleichbares warte ich im Qualitätsjournalismus vergebens.
      https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/wie-sinnvoll-ist-der-schwedische-corona-sonderweg/

    • @ Herr O. L.
      Sie haben Recht denn auch ich habe schon "Bildtzeitungsniveau" festgestellt und die Redaktion darauf hingewiesen.
      Besonders wenn es um "fake news" aus der "grünen Zone" geht, ist man taub.

    • Das ist ein Kommentar, der mir aus der Seele spricht. Die Debattenkultur ist nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Teilen der westlichen Welt verkommen. Eine Lösungorientierte und sachliche Auseinandersetzung ist kaum noch möglich. Stattdessen geht es immer nur darum, den Widersacher in eine Ecke zu stellen und das zu tun, was in der kollektiven Engstirnigkeit gerade noch akzeptabel ist. Diese Kultur hilft nicht dabei, den Rassismus oder die Benachteiligung nach Geschlecht zu bekämpfen. Stattdessen schafft sie neue Kriterien der Ausgrenzung und instrumentalisiert dabei die Menschen, die sie angeblich schützen will.

    • ein kluger und anregender Essay - nur fehlt mir etwas:: Das Handelsblatt steht bei dieser Entwicklung nicht als unbeteiligter Beobachter am Wegesrand, sondern ist selbst Akteur. Ihre Rubrik "Corona-News" ist seit 15 Monaten eine Litanei des Alarmismus. Wann hat das HB die teilweise absurd falschen, methodisch dürftigen Prognosen des RKI hinterfragt? Wo hat das HB der Expertengruppe um Prof. Schrappe gegen den wissenschaftlichen Hofstaat der Regierung eine Stimme gegeben, als diese erstmals im April 2020 (!) und seitdem regelmäßig genau die richtigen Forderungen zur Corona-Bekämpfung stellten? Hat das HB der haltlosen Diffamierung von Prof. Streeck durch den "Spiegel" etwas entgegengesetzt? Waren die präzisen statistischen Analysen der "Covid Data Analysis Group" der LMU München dem HB eine Schlagzeile wert, wonach es unzweifelhaft in Deutschland 2020 keine Übersterblichkeit gegeben hat? Hat die Redaktion die Vielzahl kritischer Kommentare ihrer Leser, die laut Sebstbeweihräucherung Ihres Blattes doch zu den Meinungsführern in diesem Land zählen, je ernst genommen und sich damit auseinandergesetzt? Auch die HB-Redaktion sollte sich einmal die Zeit nehmen, und ihre Rolle und Debattenkultur in dieser ernüchternden Zeit selbstkritisch hinterfragen!

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