Frauenquote: Nie war mehr weibliche Macht im Dax

Im Dax könnten im kommenden Jahr vier von 40 Aufsichtsratsvorsitzenden weiblich sein. Das entspräche einer Quote von zehn Prozent und wäre historisch. Noch nie gab es so viel Frauenpower an der Spitze der größten deutschen börsennotierten Unternehmen.
Die erste Matriarchin ist Clara-Christina Streit (55). Sie ist bereits seit vergangenem Jahr Aufsichtsratsvorsitzende des Wohnungskonzerns Vonovia. Zudem ist sie seit 2023 Vorsitzende der einflussreichen Deutschen Corporate-Governance-Kommission, die Empfehlungen für gute Unternehmensführung festlegt. Nun ist Streit auch für den Top-Kontrolleursposten bei der Deutschen Börse gesetzt. Dort könnte sie nach der Hauptversammlung im Mai die Nachfolge von Martin Jetter antreten.
Neu in der Riege der Top-Kontrolleure ist die nicht unumstrittene Katrin Suder (53). Die ehemalige Staatssekretärin im Bundesverteidigungsministerium und Ex-McKinsey-Beraterin soll im Mai neue Chefaufseherin des Postkonzerns DHL werden.
Nun mögen vor allem Männer einwenden, dass diese drei „nur Quotenfrauen“ sind, dass sie ihre Ämter also nur der seit 1. Januar 2016 geltenden gesetzlichen Frauenquote für Aufsichtsräte börsennotierter und mitbestimmter Unternehmen verdanken.
Dieser Unterstellung sollten die drei in der Sache sehr selbstbewusst entgegentreten:
- Erstens sind alle drei fachlich bestens qualifiziert. Streit ist Betriebswirtin, Suder Physikerin und promovierte Neuroinformatikerin, Bagel-Trah Biologin.
- Zweitens setzten sie sich zunächst gegen harte Konkurrenz durch. Streit und Suder begannen ihren Aufstieg bei der international führenden Strategieberatung McKinsey und gehörten dort in den Nullerjahren zu den ersten und bis heute wenigen Senior-Partnerinnen.
Bei McKinsey gab es schon früh(er) gleiche Chancen
Apropos McKinsey. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Streit und Suder ihre Karriere bei der amerikanischen Unternehmensberatung begannen. Dort hatten Frauen schon früh(er) gleiche Chancen.
Diese Erfahrung teilen auch einige Top-Managerinnen der deutschen Wirtschaft wie die neue Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp oder Telekom-Vorstand Claudia Nemat, beide Ex-Meckies.
Darüber hinaus betreiben die Beratungsunternehmen, insbesondere McKinsey, Boston Consulting und Bain, ein ausgefeiltes Recruiting-, Weiterbildungs- und Alumni-Management. Dies fördert interne und externe Karrieren, schafft Loyalität und bildet die Basis für zukünftige Geschäfte.
So sind einer aktuellen Analyse von Handelsblatt und Universität Göttingen zufolge auffallend viele Dax-Aufsichtsräte ehemalige Berater. 81 der 337 Aufsichtsratspositionen im Dax 40 sind von ehemaligen Beratern besetzt. Das entspricht einer Quote von knapp 25 Prozent.
Und Bagel-Trah? Hat sie ihr Amt nur ihrem Stammbaum zu verdanken? Ganz und gar nicht. Zuerst gründete sie ihr eigenes Unternehmen. Schließlich setzte sie sich im Henkel-Clan gegen diverse Cousins und andere Verwandte durch und folgte dem Urgestein Albrecht Woeste (89) in den entscheidenden Gesellschafterausschuss des Clans.
Die drei Prima inter Pares haben ihren Aufstieg also inhaltlich sicher nicht der Quote zu verdanken. Aber die Frauenquote hat ihre Karriere möglich und gesellschaftlich akzeptiert gemacht. Sie wurden gesehen, sie wurden gebraucht, sie wurden gefördert, sie wurden befördert. Das war passiv. Und dann kam der aktive Teil. Sie haben angepackt, sie haben sich sichtbar gemacht, sie haben sich bewährt, sie haben zugegriffen.
Wer will und kann, soll auch dürfen und können. Das galt in der deutschen Wirtschaft lange vor allem für Männer. Mit der Quote gilt das endlich auch für Frauen.
Auch die operative Macht muss gleichmäßiger verteilt werden
Der Aufstieg des Trios zeigt aber auch: Gut Ding will Weile haben. Das muss auch einmal klar gesagt werden. Seit fast neun Jahren gibt es die Quote für Aufsichtsräte. Auf die bloße Berufung in die Gremien folgten die Präsenz in den einflussreichen Prüfungs- und Personalausschüssen und nun – vielleicht erst – die Übernahme des Vorsitzes.
Was bleibt zu tun? Dass auch die operative Macht im Dax gleichmäßiger zwischen Frauen und Männern verteilt wird. Mit den vier Top-Aufsichtsrätinnen ist dafür ein wichtiger Schritt getan. Schließlich gehört es zu den vornehmsten Aufgaben eines Aufsichtsrats, den Vorstand zu bestellen.
Auch hier zeigt sich die Wirkung einer Quote. Ab 2021 gilt auch für deutsche börsennotierte und mitbestimmte Unternehmen eine Quote für Vorstände.
Derzeit sind drei Vorstandsvorsitze mit Frauen besetzt. Belen Garijo leitet bereits seit 2021 den Pharmakonzern Merck, Karin Radström seit Oktober dieses Jahres den Automobilkonzern Daimler Truck und Bettina Orlopp ebenfalls seit Oktober die Commerzbank.
Zum 1. Dezember hat der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen der Dax-40-Konzerne erstmals sogar die 25-Prozent-Marke überschritten. Seit Juni wurden sieben neue Vorstandsmitglieder berufen. So viel weibliche Macht gab es im deutschen Leitindex noch nie.
Dass immer noch mehr geht, zeigt gerade der im MDax gelistete Chemiekonzern Evonik. Dort gibt es künftig erstmals mehr Frauen als Männer an der Spitze. Drei der fünf Vorstände sind weiblich; das ist einsame Spitze unter den Dax- und MDax-Konzernen.
Was jetzt noch fehlt? Dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Frauen in Führungspositionen steigt, sodass Artikel wie dieser nicht mehr geschrieben werden müssen, um zu zeigen, was – der Quote sei Dank – inzwischen möglich geworden ist.