Kommentar: Auftragsrekord in der Industrie: Der Schein trügt
Die Aufträge der deutschen Industrie haben zuletzt zugelegt.
Foto: dpaDie naheliegende Bedeutung von Zahlen ist nicht immer die richtige. Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Montag vorgestellt hat, ließen einige Ökonomen und Politiker jubeln: Die deutschen Unternehmen haben so viel zu tun wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Auftragseingänge stiegen im Juli um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat.
Nach dem die Wirtschaft durch die Corona-Pandemie lahmgelegt worden war, liegt die Interpretation nahe, dass die Konjunktur jetzt nur noch eine Richtung kennt: nach oben.
Doch diese Behauptung erweist sich mit Blick auf den Ursprung der 3,4 Prozent als Fehler. Der Anstieg der Auftragseingänge ist vor allem auf den „sonstigen Fahrzeugbau“ zurückzuführen.
Dieser beinhaltet die Herstellung etwa von Flugzeugen oder Schiffen. Die Aufträge des Sektors stiegen bereinigt im Juli um 75 Prozent. Kein anderer kommt nur annähernd auf ein solches Wachstum. Rechnet man den traditionell besonders schwankungsanfälligen sonstigen Fahrzeugbau heraus, ist der Auftragseingang im Juli sogar geschrumpft.
Hinzu kommt: Ein prall gefülltes Auftragsbuch bedeutet längst nicht, dass die Firmen die Wünsche ihrer Kunden auch erfüllen können.
Die hohe Nachfrage seit den Lockerungen der Beschränkungen, die wegen der Corona-Pandemie eingeführt worden waren, sowie Probleme in den globalen Lieferketten sorgen für fehlende und teurere Rohstoffe sowie Vorleistungen bei den Unternehmen.
Lieferengpässe im Bundestagswahlkampf kein Thema
Für die konjunkturelle Entwicklung ist das kein Grund zur Panik, aber es sind schlechte Vorzeichen. Die ersten Forschungsinstitute haben bereits angekündigt, ihre Prognosen nach unten korrigieren zu müssen. Im politischen Berlin scheint diese unbequeme Wahrheit bei den meisten hingegen nicht angekommen zu sein.
Unbeirrt planen die einen mit Steuersenkungen, die anderen mit Investitionsprogrammen. Beides würde finanzielle Spielräume möglich machen, die ihnen der Aufschwung bringen soll. Für beides gibt es gute Gründe. Das hilft aber nicht bei der Frage nach der Herkunft des Geldes.
Neben dem Wahlkampf bleibt kaum Aufmerksamkeit für aktuelle Probleme wie die Lieferengpässe. Bis auf das Standardrepertoire wirtschaftspolitischer Manifeste im Wahlkampf wie der Forderung nach Widerstandsfähigkeit der Güterströme und Diversifizierung der Lieferanten scheinen die Verantwortlichen die Suche nach Lösungen erst gar nicht aufgenommen zu haben.
Warum auch? Die Lieferengpässe sind doch ein vorübergehendes Problem. Aber wann sie vorübergehen, ist noch immer nicht abzusehen. Und noch einschneidendere Belastungen für den Wachstumspfad der Wirtschaft stehen etwa mit dem demografischen Wandel und der möglichen Eskalation des internationalen Handelskriegs noch bevor.
Die Wahlkämpfer wissen das. Nur sprechen will darüber keiner. Dabei wäre es höchste Zeit. Es lässt sich eben leichter erklären, wie man das Geld ausgeben will, als zu erklären, wo es herkommt.