Kommentar: Ausgerechnet Japan – Die trauen sich was!

Die Züge sind auf die Minute pünktlich, die Arbeitnehmer diszipliniert wie nirgendwo sonst und die Autos langweilig, aber zuverlässig: Japan wird im Ausland geachtet, aber selten bewundert.
In den 1980er-Jahren galt Japan noch als Anwärter, die USA als größte Volkswirtschaft abzulösen. Danach reihte sich Enttäuschung an Enttäuschung, was die Innovations- und Leistungskraft der japanischen Volkswirtschaft angeht.
Es gibt eine Ausnahme: Denn in der Chipindustrie ändert sich das gerade. Ausgerechnet dieses scheinbar so wenig dynamische Land geht bei den Halbleitern mutiger voran als alle anderen Nationen.
In drei Jahren will Japan die fortschrittlichsten Chips der Welt produzieren. Eine derartige Aufholjagd trauen sich nicht einmal die USA zu, geschweige denn Europa. Trotzdem ist das Vorhaben alles andere als vermessen. Im Gegenteil: Es könnte zur Blaupause für andere Länder werden, auch für Deutschland.
Die USA und Deutschland haben sich entschlossen, führende Chiphersteller mit Milliarden an Subventionen anzulocken. Damit sollen riesige Fabriken entstehen, um die heimische Industrie verlässlich mit Halbleitern zu versorgen.
Das macht Japan auch. Aber das Land geht noch einen Schritt weiter. Die Regierung hat die wichtigsten Konzerne des Landes und deren klügste Köpfe im Start-up Rapidus zusammengebracht. Rapidus soll die Chips der nächsten Generation mit einer Strukturgröße von zwei Nanometer hervorbringen. Bislang ist das lediglich dem Taiwaner Auftragsfertiger TSMC zuzutrauen, eventuell noch Samsung aus Südkorea.
Japan holt sich Know-how auf der ganzen Welt
Dabei verlässt sich Japan nicht nur auf das eigene Know-how. Im Gegenteil: Die Asiaten kaufen sich Expertenwissen auf der ganzen Welt ein: beim Tech-Konzern IBM ebenso wie bei der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft.
Natürlich ist noch völlig offen, ob Rapidus reüssiert. Denn das Projekt ist extrem ambitioniert. Noch nie ist einem Land in so kurzer Zeit ein so gewaltiger Technologiesprung gelungen. TSMC hat zwei Jahrzehnte gebraucht, um an die Spitze der Chipindustrie zu gelangen. Aber allein schon die Tatsache, dass Japan es versucht, dürfte für einen enormen Schub in der Chipindustrie des Landes sorgen.
Europa bleibt angesichts des eigenen Zauderns bei der Chipentwicklung derweil nur eins übrig: Rapidus die Daumen zu drücken. Bislang ist die europäische Industrie in weiten Teilen auf Chips aus Taiwan angewiesen. Weil die Volksrepublik China die Insel für sich beansprucht, ist das risikoreich. Halbleiter aus Japan könnten bald zu einer interessanten Alternative werden.