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Kommentar Covid-19 wird die Globalisierung nicht stoppen

Trotz der jüngsten Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel an den brüchigen Lieferketten: auch die Pandemie kann das Ende des internationalen Warenaustauschs nicht einläuten.
02.02.2021 - 08:16 Uhr Kommentieren
Die Kritik an zu langen Lieferketten wächst. Quelle: dpa
Schutzmaskenproduktion in China

Die Kritik an zu langen Lieferketten wächst.

(Foto: dpa)

Am vergangenen Dienstag war es die Bundeskanzlerin persönlich, die Globalisierungsgegnern vom Davoser Weltwirtschaftsforum Argumente lieferte. Als Lehre aus der Pandemie verkündete Angela Merkel, dass Lieferketten weltweit nicht mehr verlässlich seien. „Sind es Schwachstellen, wenn wir zu abhängig von globalen Lieferketten sind?“, fragte sie rhetorisch.

Schon seitdem im vergangenen Frühjahr Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel zur Mangelware wurden, weil Produzenten in China ausfielen, wähnen selbst ernannte Wirtschaftsexperten Deutschland in allzu großer Abhängigkeit vom fernen Ausland. Es spreche vieles dafür, dass das Jahr 2020 als eine „epochale Zäsur“ in die Geschichte eingehen werde, glaubt etwa Andreas Wirsching, Direktor des renommierten Instituts für Zeitgeschichte – „insbesondere was die Globalisierung betrifft“.

Doch auf die epochale Zäsur wird der Münchener Historiker lange und am Ende vielleicht vergeblich warten, ebenso wie Angela Merkel. Denn das Gegenteil ist das wahrscheinlichere Szenario: Ist die Corona-Pandemie erst einmal beendet, entfällt für die Importwirtschaft das Hindernis, ihr weltweites Sourcing im selben Tempo wieder aufzunehmen wie vor der Krise.

Genau das zeigte die Tsunami-Katastrophe vor zehn Jahren. Schon damals läuteten Politiker das Totenglöckchen für die Globalisierung , weil nach der Atomreaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima die Versorgung mit Elektronik und Automobil-Zulieferteilen fast weltweit zum Erliegen kam. Ähnliche Rufe gab es nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der 2010 den internationalen Flugverkehr lahmlegte. Geblieben ist davon bis heute höchstens blasse Erinnerung.

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    Denn die Globalisierung ist im System der Marktwirtschaft nicht zu stoppen, gekauft wird dort, wo es am günstigsten ist. Allein massive staatliche Eingriffe könnten eine Trendumkehr bewirken, allerdings zu einem Preis, den am Ende alle bezahlen müssten. Denn ein solcher Prozess ginge mit großen Wohlstandsverlusten einher. „Globalisierung ist nicht das Problem“, meint deshalb Post-Vorstandschef Frank Appel, „sondern die Lösung.“

    Handy könnte sich niemand leisten

    Und er hat recht. Wie groß die Zusatzkosten ausfielen, müssten die Deutschen auf eine internationale Arbeitsteilung verzichten, zeigte beispielhaft die Preisentwicklung in der Elektronik. Für ein Farb-TV etwa, das im Jahr 1967 von einem deutschen Hersteller wie Grundig, Telefunken, Saba oder Nordmende produziert wurde, hatte ein Käufer hierzulande durchschnittlich zwei Monatsgehälter zu zahlen. Weil die Geräte seither weitaus günstiger in Fernost montiert werden, reichen einem deutschen Durchschnittsverdiener für den Erwerb heute gerade einmal 19,7 Arbeitsstunden.

    Auch ein Handy könnte sich ohne die Globalisierung wohl kaum jemand leisten. Das deutsche Siemens P3, ein kiloschweres „Porty“ fürs C-Netz, kostete 1990 die stolze Summe von 11.000 D-Mark. Selbst die ungleich leistungsfähigeren Smartphones von Apple – made in China – sind inzwischen für einen Bruchteil davon zu haben.

    In Wahrheit ist die Lehre aus der Pandemie eine ganz andere: Selbst massive staatliche Eingriffe zugunsten einer Regionalisierung, so die bittere Erkenntnis der vergangenen Tage, stärken gefährdete Lieferketten keineswegs.

    Einen veritablen Flop nämlich landete diese Strategie ausgerechnet bei der Impfstoffversorgung. So stammen gleich zwei Vakzine aus Deutschland, die der Staat mit Steuergeldern förderte. An der Tübinger Firma Curevac erwarb er sogar Geschäftsanteile.

    Der Lieferkette geholfen hat dies erstaunlich wenig. Das Serum der Mainzer Firma Biontech kommt bei deutschen Impfstellen kaum an, während es in Israel, Großbritannien und den USA in großen Mengen an die Bevölkerung geht.

    Ähnliches droht nun auch im Fall von Astra-Zeneca. Für dessen Corona-Vakzin gab die Europäische Union eine dreistellige Millionensumme aus, zwei der vier Produktionsstätten befinden sich in Belgien, nur 160 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Doch geliefert werden soll in die EU nun zunächst nur die Hälfte der vereinbarten Impfmenge – zum Vorteil des Nachbarn Großbritannien.

    Ein mahnendes Beispiel auch für andere Branchen. Müsste VW bei der von vielen ersehnten europäischen Chipfabrik weniger bezahlen als GM oder Toyota? Und würden die Wolfsburger dann vorrangig beliefert? Brauchen wir, um Lieferketten stabil zu halten, eine hochsubventionierte Batteriefertigung in Deutschland?

    Wie teuer und sinnlos eine solch Autarkie-verliebte Wirtschaftspolitik werden kann, durften wir Deutschen jahrzehntelang im Ruhrgebiet besichtigen. Obwohl die Steinkohleförderung seit den 1960er-Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig war, hielt der Staat dort verzweifelt an ihr fest – aus „strategischen“ Gründen, für die Bund und Länder bis 2018 nutzlos Jahr für Jahr 2,5 Milliarden Euro Subventionen spendierten.

    Auch der Vorwurf, die aktuellen Lieferketten seien zu lang, läuft ins Leere. So erwiesen sich im März 2020 Güterimporte aus Vietnam stabiler als die aus Norditalien.

    Entgangen ist der Bundeskanzlerin offenbar eines. Nicht die Frage von national oder international entscheidet über die Verlässlichkeit der Beschaffung in einer Volkswirtschaft, wie Biontech und Astra-Zeneca belegen, sondern die Frage von tölpelhaft oder clever.

    Mehr: BDI-Präsident Russwurm im Interview: „Eine Abgrenzung von China wäre schädlich“

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