Kommentar: Das riskante Kräftemessen zwischen Putin und Erdogan
Beide Staatschefs verfolgen in Syrien unterschiedliche Interessen.
Foto: dpaWladimir Putin ist ein Meister der Provokation. Recep Tayyip Erdogan ebenso. Immer wieder haben die Staatschefs Russlands und der Türkei in den letzten Jahren Grenzen zu ihren Gunsten verschoben. Geschickt und oft rüde zugleich. Als Partner gegen den Westen sind sie sich einig. Doch nun sind sie bei der Erweiterung ihrer Einflusssphären im Sand der syrischen Badia-Wüste aneinandergeraten.
Ein Dutzend türkische Soldaten ist mittlerweile beim Vormarsch der Truppen Baschar al-Assads in der Region Idlib ums Leben gekommen. Als Antwort tötete das türkische Militär nach eigenen Angaben mehr als 100 syrische Soldaten. Verbal attackierte Erdogan zudem Moskau. Er beschuldigte die russische Militärführung, mitschuldig am Tod der Türken zu sein.
Und warnte den Kreml davor, sich einzumischen, wenn die Türkei ihre Vergeltungsschläge gegen Assad führe. Türkische Medien charakterisierten ein Telefonat Erdogans mit Putin später als „Kriegserklärung“.
Schon einmal hat es zwischen den beiden Regionalmächten in Syrien geknallt: 2015 holten die Türken einen russischen Kampfjet vom Himmel. Ein Jahr lang herrschte danach zwischen den Nachbarn politische Eiszeit. Dann einigten sie sich unter Einbeziehung des Iran auf eine Aufteilung der Einflusssphären in Syrien.
Doch die Partnerschaft ist kompliziert, die Interessen sind gegenläufig: Der Kreml will das ganze Land wieder unter die Herrschaft des eigenen Vasallen Assad bringen, der Russland einen Luft- und Flottenstützpunkt am Mittelmeer und damit Großmachtstatus garantiert. Die Türkei beharrt auf einer Schutzzone im Norden Syriens.
Bisher ist es beiden Seiten gelungen, eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Eifrig verhandeln Moskau und Ankara über eine Lösung, beide wollen keinen Krieg. Doch die Eskalation ist bereits jetzt gefährlich, neue Einheiten in der Region bergen weiteres Konfliktpotenzial.
Wenn Russland und die Türkei weiter versuchen, ihre Maximalinteressen durchzusetzen, wird es früher oder später zur direkten Konfrontation kommen. Denn Assads Armee kann ihren Vormarsch nur mithilfe der russischen Luftwaffe fortsetzen. Ironie des Schicksals: Die Russen haben den Türken gerade eines der modernsten Luftabwehrsysteme verkauft.
Ein solcher Clash wäre fatal. Nicht nur für Syrer, Türken und Russen. Sondern für die gesamte Region und auch für Europa. Denn in dem Fall wird der Blutzoll in Syrien gewaltig steigen, der Konflikt dann wohl auch auf Libyen übertragen. Eine neue Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten Richtung Europa droht. Trübe Aussichten. Das weiß man im Kreml genauso wie im Ak Saray. Doch noch wartet jeder, dass der andere zuerst zuckt. Das kann schiefgehen.