Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Der Ausgang der US-Wahl zeigt, wie wenig die Europäer die USA verstehen

Noch kann es lange dauern, bis das Ergebnis der US-Wahl feststeht. Aber eines ist klar: Trump ist kein Betriebsunfall der Geschichte. Die Welt wird sich darauf einstellen müssen.
04.11.2020 Update: 04.11.2020 - 17:29 Uhr 5 Kommentare
Quelle: Burkhard Mohr
Karikatur
(Foto: Burkhard Mohr)

Amerika hat gewählt – aber noch keine Wahl getroffen. Es wird möglicherweise noch Tage, vielleicht sogar Wochen dauern, bis feststeht, wer der nächste Präsident der USA wird. Doch eines ist bereits mehr als deutlich geworden: Wieder einmal haben sich die Demoskopen geirrt, die einen recht klaren Sieg Joe Bidens prognostizierten. Wieder einmal wurden Donald Trump und seine Fähigkeit unterschätzt, seine Basis zu mobilisieren. Wieder einmal wähnten die Europäer leichtfertig und auch ein wenig selbstgerecht eine Wiederwahl im Bereich des Unmöglichen.

Und das vielleicht Überraschendste dieser epochalen Wahl: Das fatale Corona-Krisenmanagement des Präsidenten hat für den amerikanischen Wähler offensichtlich keine große Rolle gespielt. Ausschlaggebend war offensichtlich die Tatsache, dass es den US-Bürgern vor Ausbruch der Pandemie wirtschaftlich gutging. Den ökonomischen Einbruch, der folgte, rechneten die Amerikaner einem aus China stammenden Virus zu – und nicht dem zeitweise irrlichternden Kurs ihres Präsidenten.

All jene, die mit einem deutlichen Sieg Bidens gerechnet haben, müssen sich nun fragen, ob sie das Land wirklich kennen – allen voran jene hier in Europa, wo auch vor vier Jahren die Abneigung gegenüber Trump den klaren rationalen Blick auf die realen Verhältnisse vernebelte. Amerika ist eben nicht New York, Boston oder Los Angeles.

Amerika ist auch Ohio, Indiana, Kentucky, Wyoming oder Missouri, wo Trump mit erstaunlichem Vorsprung siegte. Dort lebt die Trump-Basis. Und nicht einmal die Tatsache, dass der Präsident sich vor Auszählung der Stimmen zum Wahlsieger erklärt und die weitere Auszählung der Briefwahlstimmen stoppen lassen will , empört sie. Im Gegenteil: Es euphorisiert sie.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Trotz der knappen Führung Bidens ist das Szenario vier weitere Jahre Donald Trump ein realistisches. Und auch Europa, einer der größten Verlierer einer zweiten Amtszeit des Präsidenten, wird sich mit diesem Gedanken vertraut machen müssen. Man mag sich nicht so recht vorstellen, was es bedeuten würde, sähe Trump seinen aggressiven außenpolitischen Kurs durch ein Votum des amerikanischen Volks bestätigt.

    Das gilt für seine Handelspolitik, das gilt für seine Sicherheitspolitik, und das gilt insgesamt für die von ihm mit besorgniserregender Effizienz betriebene Marginalisierung der multilateralen Institutionen wie WTO oder Uno, die vor allem aus europäischer Sicht so wichtig sind. Zwei mal vier ergibt in diesem Fall eben nicht acht. Europa sah sich in den ersten vier Jahren bereits extrem herausgefordert. In möglichen weiteren vier Jahren kann es nur heißen: Europa muss endlich gehen lernen.

    Profiteure einer Wiederwahl Trumps stehen schon fest

    Auch die Profiteure einer Wiederwahl Trumps stehen schon jetzt fest: Es sind die Erdogans, Orbáns, Bolsonaros dieser Welt – all jene aufsteigenden Kräfte also, die für eine antiliberale, unilaterale und vor allem nationalistische Politik stehen.
    Selbst China, das die vergangenen vier Jahre angesichts der handelspolitischen Attacken der US-Regierung durchaus als traumatisches Erlebnis empfunden haben dürfte, wird einer Wiederwahl Trumps durchaus Positives abgewinnen.

    Erstens macht ein Sieg des America-first-Apologeten eine westliche Allianz gegen Peking nahezu unmöglich. Zweitens würde eine möglicherweise wochenlange Zitterpartie um den Wahlausgang, der am Ende möglicherweise von Gerichten entschieden wird, für China einmal mehr als Bestätigung seines staatskapitalistischen Systems gelten: „Seht her, die westliche Führungsmacht ist nicht einmal in der Lage, ordnungsgemäße Wahlen zu organisieren!“ Das ist die Attitüde des Politbüros – und der Spott ist in diesem Fall durchaus berechtigt.

    Europa muss sich an Staatslenker wie den aktuellen US-Präsidenten gewöhnen. Quelle: AP
    Trump-Rede

    Europa muss sich an Staatslenker wie den aktuellen US-Präsidenten gewöhnen.

    (Foto: AP)

    Was bleibt, ist die Frage, wie das Phänomen Trump in einer so reifen Demokratie wie der amerikanischen überhaupt möglich ist. Und noch wichtiger ist die Frage, wie der Rest der Welt außerhalb des Weißen Hauses mit diesem Phänomen strategisch umgehen soll. Auch wenn der Ausgang der Wahl noch nicht feststeht, spätestens jetzt dürfte auch dem letzten Kritiker klar geworden sein:

    Trump ist kein Betriebsunfall der Geschichte, wie seine Gegner behaupten. Er steht für einen robusten Trend. Seine Kraft speist dieser Trend aus der Ablehnung und der Angst vor der modernen, globalisierten Welt. Hinter dieser Ablehnung steckt eine Ideologie, die die normativen Grundlagen weltoffener Demokratien diskreditiert.

    Jeder Diktator, jeder Autokrat dieser Welt – mag er nun Kim, Duterte oder Xi heißen – darf sich bei einer zweiten Amtszeit Trumps wieder ein Stückchen sicherer fühlen, wenn er sein Volk systematisch unterdrückt. Manchmal reichen ein paar gute Deals mit Amerika, damit der Herr im Weißen Haus seine Absolution erteilt.

    Ohne Zweifel ist Trump ein Demagoge. Aber er ist ein talentierter Demagoge. Sein überraschend starkes Abschneiden bei dieser Wahl zeigt einmal mehr: Unsere Demokratien sind anfällig dafür. Trumps gefährlichste Erfindung, sein wirkmächtigstes Instrument ist die „Fake News“-Metapher. Die Verwischung der Grenzen zwischen Lüge und Wahrheit entzieht dem politischen Diskurs und damit der Demokratie den Boden. Wo alles nur noch Meinung ist, wo alles verschwimmt, da reüssiert dieser Präsident.

    Mehr: Alle Entwicklungen der US-Wahl und die aktuellen Ergebnisse finden Sie in unserem Newsblog

    Startseite
    Mehr zu: Kommentar - Der Ausgang der US-Wahl zeigt, wie wenig die Europäer die USA verstehen
    5 Kommentare zu "Kommentar: Der Ausgang der US-Wahl zeigt, wie wenig die Europäer die USA verstehen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • war klar dass Trump gewinnt!

    • "Die Frage, wie das Phänomen Trump in einer so reifen Demokratie wie der amerikanischen überhaupt möglich war, bleibt auch nach vier Jahren unbeantwortet."

      Nein, eigentlich ist es ganz einfach. Die amerikanische Landbevölkerung ist offenbar in der Lage sich ein Thema rauszupicken, das alle anderen weit in den Schatten stellt und es somit zum einzig relevanten macht. Daran wird dann der Kandidat gemessen. Die Evangelikalen wollen auf keinen Fall einen Präsidenten, der Abtreibungen erlaubt. Alle anderen Themen sind egal, selbst solche, die dem Glauben eklatant entgegenstehen - also wählen sie Trump. Dann wollen die Waffennarren ihre Waffen behalten, der Rest ist egal. Also Trump. Für andere zählen nur niedrige Steuern. Wiederum anderen ist das ÖL-und Gasgeschäft das Wichtigste. Einer weiteren Gruppe gehts ums Gefühl der Überlegenheit und Patriotismus, also Trump.

      Wenn Trump also eine ganze Reihe von emotional besetzen Themen wie oben erwähnt auf seine Agenda setzt und die Emotionen noch mit Ängsten von Änderungen und dem jeweiligen Gegenteil besetzt (Sozialismus; säkularer Staat, wo Gläubige nix zu sagen haben; Kinder, die kurz vor der Geburt abgetrieben werden usw), dann gewinnt er die Wahlen. Völlig egal, ob die "Gefahren" die er vermittelt der Wahrheit entsprechen oder eine Lüge sind. Der Durchschnittsami ist jetzt auch nicht der Aufgeklärteste und Gebildetste. An den Küsten wird differenzierter gedacht.

    • eine notwendige westliche Allianz gegen die Autokraten macht nicht nur "America first" zunichte, sondern auch gerade das Wegschauen und die egoistischen Partikularinteressen Europas insbesondere auch der BRD mit ihrer Angst z.B. wegen ihres Chinahandels. Die Welt ist eben komplexer als im Kommentar dargestellt. Einseitiges America Bashing ist nicht angebracht so lange die Merkelregierung selber keine eindeutigen Maßnahmen gegen die Autokraten trifft und sich immer abhängiger von China macht.

    • Na ja, die Profiteure sind wohl doch eher die Merkels, Gutierrez' und von der Leyens dieser Welt, denen ihr so wunderbar scharf konturiertes Feindbild zur Negativabgrenzung erhalten bleibt. Joe Biden wäre dafür ungeeignet und Kamala Harris sowieso. Also von daher: Top-Ergebnis.

    • Es ist so unwahrhaftig die Annahme, dass die USA vor Trump Demokratie und Menschenrechte in anderen Ländern als erstrebenswerten Status betrachtet hätte. Allein die enge Beziehung zwischen den USA und dem saudischen Königshaus führt diese Annahme ad absurdum.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%