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Kommentar – Der Chefökonom Alterungsschub gefährdet unsere Renten: Die nächste Regierung muss handeln

Die kommende Regierung muss die Finanzierbarkeit der Renten sichern, Altersarmut verhindern und allen Bürgern den Zugang zu einem günstigen kapitalgedeckten Zusatzsystem eröffnen, analysiert Bert Rürup.
02.07.2021 - 04:00 Uhr 4 Kommentare
In den kommenden Jahrzehnten stehen immer weniger Beschäftigte immer mehr Rentnern gegenüber. Das umlagefinanzierte Rentensystem gerät dadurch in Gefahr. Quelle: dpa
Arbeiter auf einer Baustelle

In den kommenden Jahrzehnten stehen immer weniger Beschäftigte immer mehr Rentnern gegenüber. Das umlagefinanzierte Rentensystem gerät dadurch in Gefahr.

(Foto: dpa)

Man mag die jüngsten „Vorschläge für eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung“ des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium ablehnen. Das ändert aber nichts daran, dass die Analyse völlig korrekt ist: Ohne Reformen wird der in Kürze einsetzende und nahezu 20 Jahre anhaltende massive Alterungsschub der Gesellschaft die Finanzierbarkeit unseres umlagefinanzierten Rentensystems in Frage stellen.

Dieses demografische Problem ist seit Langem bekannt. Und es war Norbert Blüm (CDU), der als erster Sozialminister Ende der 1980er-Jahre eine Reform auf den Weg brachte, mit der der absehbar rasante Anstieg des Beitragssatzes gebremst werden sollte. Der damals für das Jahr 2030 hochgerechnete Anstieg dieses Beitrags auf 41 Prozent sollte auf allenfalls 28 Prozent begrenzt werden.

Autor Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats und Berater mehrerer Bundesregierungen sowie ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.
Der Chefökonom

Autor Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats und Berater mehrerer Bundesregierungen sowie ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

Um die unvermeidbaren Leistungseinschnitte zu kaschieren, wurde im Vorfeld die für den Standardrentner unterstellte Erwerbsbiografie von 40 auf 45 Beitragsjahre verlängert, was eine Erhöhung der ausgewiesenen Standardrente um elf Prozent bedeutete. Ab 1992 sollten die Rentenausgaben dann langsamer steigen als die Löhne. Die in düsteren Farben gemalten Aussichten, gepaart mit dem statistischen Taschenspielertrick, hielten den politischen Widerstand gegen diese Reform in Grenzen.

Die deutsche Vereinigung, der Zusammenbruch des Ostblocks sowie der kräftige Globalisierungsschub durch die Integration Chinas und anderer asiatischer Niedriglohnländer in den internationalen Güterverkehr erhöhten den Druck auf die Arbeitskosten in den alten Industrieländern; nicht zuletzt die exportstarke deutsche Industrie bangte um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Somit wurden weitere Rentenreformen als notwendig erachtet, um mit dem Anstieg des Rentenbeitrags auch den Lohnkostenanstieg zu begrenzen.

Diese nachhaltigkeitsorientierten Reformen bestanden aus moderaten Leistungsrücknahmen, die mit in unregelmäßigen Abständen angehobenen Bundeszuschüssen an die Rentenversicherung einhergingen. Die letzte dieser Reformen war die 2007 überraschend von Franz Müntefering (SPD) durchgesetzte Heraufsetzung der Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre im Zeitraum 2012 bis 2030.

Von vielen Ökonomen wurde dieser Schritt als überfällig begrüßt. Gleichwohl dürfte diese Erhöhung des Rentenalters maßgeblich für den seit 2009 zu beobachtenden Verfall der SPD in der Wählergunst verantwortlich sein. Deshalb sei die Prognose gewagt, dass es auf absehbare Zeit zu keiner weiteren Anhebung der Regelaltersgrenze kommen wird.

Mehrheiten schwer zu finden

Rentenpolitik ist nun einmal mehr als Mathematik. Denn in einer Demokratie muss – so die Erkenntnis des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) – „jedem gestaltenden Schritt ein Mehrheiten schaffender Prozess vorausgehen“. Und diese Mehrheit ist angesichts eines bereits bei 53 Jahren liegenden Alters des Medianwählers nicht in Sicht. Dies dürfte der Grund sein, warum sich – mit Ausnahme einer verklausulierten Andeutung bei der FDP – in keinem der aktuellen Wahlprogramme eine weitere Erhöhung des Rentenalters als politische Option findet.
Die schwarz-gelbe Koalition der Jahre 2009 bis 2013 war durch rentenpolitischen Stillstand gekennzeichnet. Die politischen Anstrengungen konzentrierten sich nach der Finanzkrise 2008 auf den Zusammenhalt des Euro-Raums. Der ungemein beschäftigungsintensive Aufschwung der Jahre 2010 bis 2018 ließ die Steuer- und Beitragsquellen üppig sprudeln und ermöglichte den beiden Großen Koalitionen der Jahre 2013 bis 2021 bemerkenswerte rentenpolitische Großzügigkeiten, um ihre jeweilige Klientel zu bedienen: Mütterrente, Rente ab 63 sowie die „doppelte Haltelinie“ für den Beitragssatz und das Mindestrentenniveau. Die Folgen der Bevölkerungsalterung für die finanzielle Stabilität des Rentensystems in den bevorstehenden zwei Jahrzehnten gerieten dabei aus dem Blick der Politik.

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Doch schon in wenigen Jahren gehen die Angehörigen der Babyboomer-Jahrgänge in Rente und werden durch deutlich schwächer besetzte Kohorten ersetzt. Der damit verbundene markante Rückgang des Trendwachstums wird den gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum verringern und zu einer verschärften Konkurrenz um Anteile des Steueraufkommens zwischen den (unterschätzten) Kosten der Dekarbonisierung und der Bewältigung des Alterungsschubs führen.

Bezogen auf die Rentenpolitik der näheren Zukunft kann eine Antwort daher nur in einer Kombination von moderat höheren Beitragssätzen, auf freiwilliger Basis verlängerten Lebensarbeitszeiten und einem um einige Prozentpunkte abgesenkten Rentenniveau, also flacheren Rentenanpassungen, bestehen. Für eine Ausweitung des Versichertenkreises gibt es zwar gute Gründe. Doch die Entlastung oder nachhaltige Stabilisierung des Systems gehören definitiv nicht dazu.

Risiko der Altersarmut steigt

Mittelfristig kommt das wachsende Risiko einer steigenden Altersarmut hinzu. Dies gilt vor allem für Versicherte in Ostdeutschland infolge durchbrochener Erwerbsbiografien. Ihnen hilft die neue Grundrente nicht, da Betroffene nur selten auf die geforderten 33 Versicherungsjahre kommen.

Zielgerichteter wäre es, wenn – nach österreichischem Vorbild – ein kluger Einkommensumverteilungsmechanismus innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung etabliert würde. Konkret bedeutete dies, das Niveau der Zugangsrenten spürbar anzuheben, die jährlichen Anpassungen jedoch nicht mehr an die Lohnsteigerung zu binden, sondern an die durchweg flachere Verbraucherpreisentwicklung.

Die Kaufkraft der Renten bliebe konstant, aber die Rentner/innen würden nicht mehr am Produktivitätsfortschritt partizipieren, der sich in den steigenden Reallöhnen der Beschäftigten widerspiegelt. Das System ließe sich so kalibrieren, dass sich die jährlichen Ausgaben im Vergleich zum Status quo deutlich flacher entwickelten. Die Bezieher/innen unterdurchschnittlicher Renten – trotz vieler Beitragsjahre – würden begünstigt. Denn die Lebenserwartung von Geringverdienern ist im Durchschnitt um etwa zehn Jahre geringer als die derjenigen, die im Erwerbsleben ein überdurchschnittliches Arbeitseinkommen bezogen haben und bislang entsprechend begünstigt werden.

Von einer lebensstandardsichernden Altersversorgung wird man dann reden können, wenn sie mindestens 70 Prozent des Arbeitseinkommens in den letzten Jahren der Erwerbsphase entspricht. In diesem Sinne war die gesetzliche Rente zu keinem Zeitpunkt lebensstandardsichernd. Und das von der Partei „Die Linke“ geforderte Rentenniveau von 53 Prozent ist es – entgegen den Behauptungen – auch nicht.

Um solch ein Versorgungsniveau zu erreichen, wäre eine merkliche Erhöhung des derzeit laut OECD bei knapp 15 Prozent liegenden Anteils der Kapitaleinkommen an den Alterseinkommen erforderlich. Dies zu erreichen, erfordert ein neues Angebot standardisierter Vorsorgeprodukte, die einen einfachen und kostengünstigen Zugang zum internationalen Kapitalmarkt ermöglichen. Langfristig wäre so eine Rendite zu erwarten, die merklich über den Zinsen für sichere Staatsanleihen liegt.

Bleibt die Frage, wie solch kapitalgedecktes System finanziert werden sollte: Welcher Anteil sollte von den Einzelnen selbst aufgebracht werden und welchen Anteil sollte der Staat aus den laufenden Steuereinnahmen oder über neue Schulden tragen?

Ergänzende Kapitaldeckung

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die möglichst einfache und transparente staatliche Förderung dieses Sparvorgangs aussehen sollte. Revolutionär, aber schlicht nicht finanzierbar wäre die Umsetzung der im Wahlprogramm der Union angekündigten „Generationenrente“, bei der der Staat für jeden neuen Bundesbürger ab Geburt einen monatlichen Betrag in einen zugriffssicheren „Pensionsfonds“ einzahlt.

Das vollmundige Versprechen des ehemaligen Arbeitsministers ist in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen. Quelle: dpa
Norbert Blüm

Das vollmundige Versprechen des ehemaligen Arbeitsministers ist in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen.

(Foto: dpa)

Falsch dagegen wäre die von der FDP propagierte „Aktienrente“, bei der das Aufkommen von zwei Beitragspunkten zur gesetzlichen Rentenversicherung nicht der Finanzierung der laufenden Renten dienen, sondern zum Aufbau eines renditestarken Ergänzungssystem abgezweigt werden soll. Schließlich kann die Rentenversicherung in den kommenden prekären zwei Jahrzehnten nicht auf die Einnahmen aus zwei Beitragssatzprozentpunkten verzichten – es sei denn, der Bundeszuschuss würde drastisch steigen, die Rente sinken oder die Lebensarbeitszeit verlängert.

Die umlagefinanzierte gesetzliche Rente ist zweifellos in den nächsten 20 Jahren mit gravierenden Problemen konfrontiert – ein Auslaufmodell ist dieses Konzept aber definitiv nicht. Denn dieses solidarische System hat auch erhebliche Vorzüge. Mit mehr Mut zur interpersonellen Umverteilung innerhalb des Systems und weniger Dogmatismus mit Blick auf das in den meisten Industrieländern irrelevante Äquivalenzprinzip kann dieses bewährte, da anpassungsfähige System zukunftssicherer gemacht werden.

Der Rentenpolitik stehen schwierige Zeiten bevor. Katastrophenszenarien sind aber nicht angebracht. Mark Twain würde wohl schreiben: „Meldungen vom Tod der gesetzlichen Rentenversicherung sind stark übertrieben.“

Mehr: Eingezahlte Beiträge gleich ausgezahlte Rente? Rentenpolitik ist mehr als Mathematik

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  • Sie sind unzufrieden und frustriert mit der Rentenpolitik der letzten Jahre ? Ihre Chance: Sie haben die Wahl am 26. September. Gehen Sie wählen!

  • Alle Jahre wieder,
    diese sinnlose Diskussion, solange Beamte, Politiker und Freiberufler nicht einzahlen.
    Da aber oben genannten Personen, die zu den Reichen zählen (es gibt Ausnahmen),
    darüber bestimmen, wer in die Rentenversicherung einzahlen muss, wird sich dies auch nicht ändern.
    Diese Diskussion findet seit mind. 58 Jahre statt. (alte BRD mitgerechnet).
    Allen ein schönes Wochenende, falls Einige ein schlechtes Gewissen haben, ebenfalls.

  • Ich denke, es würde schon sehr helfen, das gesetzliche Rentensystem zu stabiliseren, wenn man die überversorgten Beamten beteiligen würde. Beamte, die in der Regel eine ununterbrochene Erwerbsbiographie haben, zumeist drei Jahre vor Pensionseintritt noch einmal befördert werden (damit die ohnehin schon üppige Pension noch einmal aufgepeppt wird), sind gegenüber Rentenbeziehern aus der gesetzlichen Rentenversicherung extremst bevorteilt. Herr Rürup, sind Sie eigentlich Bezieher einer Beamtenpension ? Wenn ja, lässt es sich natürlich gut Einschränkungen bei der gesetzlichen Rente fordern. Es betrifft sie ja nicht, ebenso wie die Abgeordneten des Bundestages und Beamten in Berlin, die darüber entscheiden.

  • Vor allem brauchen wir auf der Einnahmenseite, also die aktiven, einzahlenden Arbeitnehmer hochqualifizierte Kräfte. Eine breite Masse an Minijobbern, Geringqualifizierten und Schulabbrechern wird das System nicht finanzieren.

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