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Kommentar Die Kritik des Kartellamts ist ein Weckruf für den deutschen Profifußball

Das Kartellamt thematisiert zurecht, dass es in der Bundesliga an Gerechtigkeit mangelt. Es braucht innovative Lösungen – zum Beispiel einen Finanzausgleich.
14.06.2021 - 09:28 Uhr Kommentieren
Leverkusener Spieler freuen sich über ein Tor. Weniger erfreut ist der Verein über das Votum des Kartellamts. Quelle: dpa
Spieler von Bayer Leverkusen

Leverkusener Spieler freuen sich über ein Tor. Weniger erfreut ist der Verein über das Votum des Kartellamts.

(Foto: dpa)

München In der großen Welt der Politik konkurrieren mehrere Wirtschaftssysteme miteinander. Im Fußball ist es ähnlich: Dem marktradikalen Modell des Ökonomen Hayek entspricht zum Beispiel der englische Markt. Investoren aus aller Welt haben dort freies Spiel. Die deutsche Bundesliga entspricht dagegen eher der nach 1945 hierzulande entstandenen Sozialen Marktwirtschaft: Kapitalismus ja, aber durch Gemeinschaftslösungen eingedeicht.

Doch entzündet sich an der sogenannten „50+1-Regel“ ein handfester Streit. Vereinsmitglieder müssen demnach jeweils die Stimmenmehrheit haben. 50+1 an sich sei aufgrund ethisch-sportpolitischer Gründe zwar in Ordnung, findet jetzt das Kartellamt.

Dazu würden aber nicht die Ausnahmegenehmigungen für den Bayer-Klub Leverkusen, die Volkswagen-Abteilung VfL Wolfsburg oder die TSG Hoffenheim des SAP-Mitgründers Dietmar Hopp passen. Unisono bitten die drei Erstligisten nun um Beistand der DFL – denkbar sei aber auch, dass es keine 50+1-Regel mehr gebe, drohen sie.

Kein Zweifel, Pulverduft liegt über den Stadien. Man kann im Detail einiges kritisieren an den Kartellbeamten, die hier einen ganz speziellen Markt betrachten. Aber grundsätzlich treffen sie den Punkt: Die Behörde thematisiert zu Recht, dass es an finanzieller Gerechtigkeit mangelt.

Die Liga ist in zwei Klassen gespalten: in jene Klubs, die ordentlich Kapital haben, um Durststrecken zu überstehen, und in jene, die mit dem Verkauf von Nachwuchsspielern und Kollektivfußball bestenfalls im oberen Mittelfeld landen können. Das Ideal, dass jeder jeden schlagen kann, ist immer seltener zu verwirklichen. Zudem hat das Kartellamt in seiner Bewertung nur angetippt, dass der Getränkekonzern Red Bull auf trickreiche Weise den Klub RB Leipzig beherrscht.

Es muss Ehrlichkeit – statt Scheinheiligkeit – in die Debatte einziehen. Zu überlegen wäre, die 50+1-Regel mit einem Finanzausgleich zwischen Reich und Arm so zu verändern, dass es kartellrechtlich am Ende passt. Die DFL muss also ein innovatives Regelwerk aufbieten.

Da der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen aus dem Betriebsfußball entstanden sind, dürfte ein Wechsel in die Stimmenminderheit kaum ein Thema sein. Andererseits sind der FC Bayern München und Borussia Dortmund auch mit 50+1-Norm erfolgreich.

Verhältnisse wie bei den Klubs Manchester United und Manchester City, wo Milliardäre herrschen, wird es hier hoffentlich nicht geben. Den Manchester-Kapitalismus sollten wir auch im Fußball überwunden haben.

Mehr: Nach Kartellamt-Kritik: Drei Investoren-Klubs kündigen in Brandbrief Widerstand an

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