Kommentar: Die Zinswende tut weh, aber sie wirkt

Nach prognostizierten 6,1 Prozent Inflation für dieses Jahr sind 2,6 Prozent 2024 eine deutliche Verbesserung.
Foto: dpaWenn am Donnerstag fünf Konjunkturexperten und eine -expertin in der Berliner Bundespressekonferenz Platz nehmen, werden sie zuerst Dinge berichten, die in die laufende Erzählung vom Abstieg Deutschlands passen. Noch stärkere Schrumpfung dieses Jahr, noch weniger Wachstum nächstes Jahr, so steht es in der neuen Konjunkturprognose der führenden Forschungsinstitute.
In der Politik hört die Lagebeschreibung an dieser Stelle oft auf. Nun sind die sechs genannten Personen aber keine Politiker, sondern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und der Differenzierung mächtig. Daher werden sie auch berichten: Bei der Inflation sieht es immer besser aus.
Nach prognostizierten 6,1 Prozent für dieses Jahr sind 2,6 Prozent 2024 deutlich besser, 1,9 Prozent 2025 dann wirklich gut. Damit würde Deutschland das Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) erreichen, das diese für den Euro-Raum insgesamt vorgibt. Das liegt vor allem am Rückgang der Energiepreise. Doch selbst die herausgerechnet, soll sich die Inflation im nächsten Jahr auf knapp drei Prozent halbieren.
Für die Konjunktur ist das elementar. Denn Inflation belastet die Wirtschaft gleich doppelt. Sie beschneidet nicht nur die Kaufkraft der Bürgerinnen und Bürger. Sie schafft auch enorme Unsicherheit. Je höher die Inflation, desto schwieriger ist sie in der Regel prognostizierbar. Das erschwert Unternehmen die Planung. Keine Frage: Die konjunkturelle Lage ist weiter miserabel. Doch zumindest ein Mini-Aufschwung sollte zeitnah bevorstehen.
Die EZB hat unter den schlechten Optionen die beste gewählt
Die Prognose zeigt auch: Offensichtlich wirkt die Geldpolitik der EZB. Vor zwei Wochen hat die Zentralbank ein weiteres Mal die Zinsen angehoben, aller Kritik zum Trotz. Und es stimmt ja: Die Entscheidungen aus dem Frankfurter Tower sind ein entscheidender Grund dafür, dass es gerade der deutschen Wirtschaft so schlecht geht und noch schlechter gehen wird. Sechs bis neun Monate dauert es, bis geldpolitische Entscheidungen in der Realwirtschaft ankommen.
Doch die EZB hat unter den schlechten Optionen noch die beste gewählt. Verbesserte Angebotsbedingungen wie der Erneuerbare-Ausbau dauern deutlich länger als sechs bis neun Monate, um gegen die Inflation zu wirken. Das wäre keine Option. Denn wie zurückgehende Inflation der Konjunktur doppelt hilft, so schadet auch ihr Grassieren doppelt.
Beim nächsten Zinsentscheid muss sich die EZB nun aber umso mehr die Frage stellen, ob sie erst mal nicht genug gegen die Inflation getan hat und jetzt wie die US-Notenbank Fed mehr auf die Konjunktur schauen muss.