Kommentar: Ein dreimonatiger Pflichtdienst ist die schlechteste aller Ideen
Seit Jahren diskutiert die Politik, ob es ein verpflichtendes Dienstjahr für junge Menschen geben muss.
Foto: dpaPünktlich zum Sommerloch ist sie wieder da: die Debatte, ob junge Menschen nicht zu einem Dienstjahr verpflichtet werden sollten, wahlweise bei der Bundeswehr oder im Pflegeheim. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist Fürsprecher, die CDU hat das verpflichtende Dienstjahr in ihrem Wahlprogramm.
Nun schlägt SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese eine Kurzversion vor. Mindestens drei Monate sollten junge Leute nach der Schule Dienst verrichten, sagte er der „Rheinischen Post“.
Das ist, unter allen bisherigen Vorschlägen, mit Abstand der schlechteste. Wer ohne jede Vorqualifikation etwa in einer Obdachlosenunterkunft aushilft, kennt nach dieser kurzen Zeit gerade alle Abläufe und die regelmäßigen Besucher mit Namen – nur um dann vom nächsten Verpflichteten ersetzt zu werden.
Berichte aus der Pflege zeigen, dass dort neben der alltäglichen Arbeit kaum Zeit für das Einarbeiten neuer Leute bleibt. Im schlimmsten Fall droht einem Pflichtdienstler die Praktikanten-Horrorvorstellung: Kaffee kochen, Kopieren und viel Zeit totschlagen. Ein „stärkeres Miteinander“, wie von Wiese gewollt, entsteht so nicht.
Bei einem einjährigen Pflichtdienst könnten junge Menschen nach einiger Zeit wenigstens tatsächlich wertvolle Hilfe leisten, vernünftige Betreuung vorausgesetzt.
Nachträgliche Romantisierung von Wehr- und Zivildienst
Oftmals erwecken die Befürworter des Pflichtdienstes ohnehin den Eindruck, als schwelgten sie wehmütig in Erinnerung an ihre eigene Zeit im Zivildienst oder bei der Bundeswehr. Längst nicht allen dürfte es so gehen: Wer zwölf Monate lang zum Beispiel nichts außer Lkw-Reifen montieren, Skat spielen und Bier trinken gemacht hat, wird auch heute niemandem ein Pflichtjahr wünschen.
Die Gesellschaft muss die Jungen selbst entscheiden lassen, wo und ob sie sich engagieren wollen. Zwang hilft niemandem, außer den politischen Sonntagsrednern, die sich inhaltsleer für „mehr Respekt im Umgang“ einsetzen können.