Kommentar: Europa braucht Lateinamerika heute mehr als umgekehrt

Beim nächsten Gipfeltreffen der Regierungschefs Südamerikas und Europas dürfte den Europäern ein Schock bevorstehen.
Foto: IMAGO/XinhuaAb Montag werden sich die Staatschefs der EU und Lateinamerikas zu einem Gipfel treffen. Das letzte Mal geschah das 2015. Seither ist eine Entfremdung eingetreten, die kaum jemand für möglich gehalten hätte. Europa hat in Lateinamerika an Attraktivität verloren.
Lateinamerika war nach dem letzten Gipfel vor allem mit sich selbst und seinen Krisen beschäftigt: Die Region wuchs kaum noch. Europäische Unternehmen kappten ihre Investitionen. In zahlreichen Ländern, von Chile über Bolivien bis Peru, kam es zu sozialen Unruhen.
Wahlen brachten zudem neue Staatschefs an die Macht, die wenig Interesse an Europa zeigten: Das galt für Jair Bolsonaro in Brasilien genauso wie für Andrés Manuel López Obrador in Mexiko. Die Pandemie schließlich wütete in Lateinamerika besonders heftig. Europa ließ den Kontinent, was Impfstofflieferungen anging, links liegen.
Doch mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine stieg das Interesse wieder: Europa forderte von Lateinamerika eine klare Verurteilung Russlands. Die kam allenfalls halbherzig, Sanktionen gegen Russland oder gar Waffenlieferungen an die Ukraine verweigerten die Staaten weitgehend. Aus Sicht Lateinamerikas ist es ein Krieg in Europa, der wenig mit ihnen zu tun hat. Das ist aus europäischer Sicht schwer zu verstehen.