Kommentar: Neue Warnungen des Weltklimarats: Die Zeit des Verschleppens ist vorbei
Folgen der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz: Die Risiken des Klimawandels nehmen auch in Deutschland zu
Foto: dpaDass der neue Bericht des Weltklimarats keine Entwarnung geben würde, war schon vor der Veröffentlichung am Montag klar. Viele Botschaften scheinen zudem altbekannt zu sein. Und doch macht der Bericht unmissverständlich klar wie nie, dass die Welt ihre Ambitionen im Klimaschutz deutlich steigern muss. Ansonsten dürfte bald die Chance vertan sein, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im vorindustriellen Vergleich überhaupt noch begrenzen zu können.
Schon heute liegt die Erderwärmung bei 1,1 Grad. Und viele damit zusammenhängende Veränderungen sind selbst dann nicht mehr abwendbar, wenn die Welt morgen eine scharfe klimapolitische Kehrtwende vollziehen würde. Der Bericht ist insofern ein eindringliches und aufrüttelndes Warnsignal, die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen zu reduzieren und sich auf unvermeidliche Klimaveränderungen besser als bisher vorzubereiten.
Wohlgemerkt, es geht nicht nur um viel menschliches Leid, das etwa durch klimawandelgetriebene Extremwetterereignisse verursacht wird. Es geht darum, dass der Klimawandel zunehmend die Lebensgrundlagen und die Ernährungssicherheit von Milliarden von Menschen gefährdet – durch Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürren, den Anstieg des Meeresspiegels. Es geht darum, dass der Klimawandel zu sozialer Instabilität beiträgt, die zu millionenfacher Migration führen könnte.
Und es geht um enorme wirtschaftliche Belastungen. Allein die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr hat gezeigt, auf welche immensen ökonomischen Folgen sich auch Deutschland gefasst machen muss – und zwar mit jedem Zehntelgrad Erwärmung deutlich regelmäßiger als bisher. Im globalen Süden sind solche Katastrophen schon heute häufiger anzutreffen.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die russischen Drohungen gegen die westlichen Staaten, die geplanten Milliarden-Investitionen in eine neue Sicherheitsarchitektur macht das Engagement für den Schutz der Umwelt und des Klimas nicht einfacher. Unklar ist noch, welche Rolle Russland, aber auch China in der gemeinsamen Klimapolitik künftig einnehmen werden.
Die neue Ampelregierung ist direkt zu Beginn ihrer Amtszeit mit multiplen innen- und außenpolitischen Krisen konfrontiert – die teilweise durch jahrelanges Nichtstun verschleppt wurden. Jetzt muss völlig klar sein: Neben neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen müssen SPD, Grüne und FDP den Kampf gegen den Klimawandel als oberste Priorität begreifen. Die Zeit des Verschleppens ist vorbei.