Kommentar: Wie die Aufrüstung zur Verlustfalle werden kann

So langsam wird den Deutschen klar, was es heißt, Europas neue Schutzmacht zu werden. Schon im kommenden Jahr werden die ersten jungen Frauen und Männer Post von der Bundeswehr erhalten. Der Wehrdienst kommt, wenn auch zunächst freiwillig. Zeitverzögert folgt auch die Rechnung für die Steuerzahler. Bis 2030 könnte der Verteidigungsetat auf 180 Milliarden Euro anwachsen, das wäre dreimal so viel wie heute. Von jetzt ab gilt: rackern für die Rüstung.
Deutschland kauft einen milliardenschweren Waffenpark, in der Hoffnung, ihn nie einsetzen zu müssen. Denn dieses Land hat eine Grundsatzentscheidung getroffen. Wenn Russland keinen Frieden schließt, die Ukraine weiter mit Krieg überzieht, seine osteuropäischen Nachbarn bedroht und Amerika nicht mehr die Schutzmacht sein will, dann muss Deutschland mithilfe seiner europäischen Partner die militärische Führung übernehmen. Sicher ist: Diese Aufrüstung schafft keinen neuen Wohlstand. Sie ist nur die Voraussetzung, um in den kommenden Jahrzehnten in Sicherheit leben und Wohlstand erwirtschaften zu können. Auch das ist eine schmerzhafte Erkenntnis.
Nun kann man Aufrüstung besser und schlechter organisieren. Im Moment macht Deutschland das wenig effektiv. Wir kaufen fast die Hälfte unserer Waffen in den USA und den Rest in oligopolartigen Strukturen in der Heimat, die zudem wenig innovativ arbeiten. Ein Euro an Ausgaben in die deutsche Rüstung schafft 50 Cent Wirtschaftswachstum, rechnen die Wissenschaftler der Uni Mannheim. Andere Länder sind da deutlich effektiver. Die USA ziehen dreimal mehr volkswirtschaftlichen Nutzen aus ihrem Verteidigungsbudget. Daraus sollten wir lernen.
Die Regierung darf sich nicht über den Tisch ziehen lassen
Zum Beispiel das Aufbrechen von Marktmacht. Die USA halten sich für jedes große Waffensystem mindestens zwei Anbieter, die immer wieder in Konkurrenz antreten müssen. In Europa protegiert hingegen jedes Land seine eigenen Hersteller, zum Preis sehr teurer Einkäufe. Deutschland als größter Beschaffer hat nun die Möglichkeit, dieses Prinzip aufzubrechen. Ein gemeinsamer Rüstungsmarkt in Europa hilft am Ende allen. Und könnte am Ende sogar dazu führen, dass wir uns teure Waffenkäufe in den USA sparen können, weil unsere Industrie die notwendigen Technologien selbst skaliert.
Oder die Trennung von Anschaffung und Wartung. Denn zwei Drittel der Kosten eines Waffensystems fallen nach dem Kauf an. Dieses sehr lukrative Geschäft bieten die Hersteller von Kampfjets, Software und Kasernen gleich mit an. Doch darauf sollte sich der Staat nicht einlassen. Nur ein echter Wettbewerb im Geschäft mit Ersatzteilen, Logistik und Wartung schützt uns vor horrenden Folgekosten, wenn neue Geräte und Gebäude einmal angeschafft sind.
Der Bund sollte Start-ups stärker fördern
Noch wichtiger ist der Wettbewerb bei Innovationen. Wir brauchen nicht mehr vom Gleichen. Diese Aufrüstung hat nur Sinn, wenn wir Waffen und Systeme anschaffen, die weit mehr können als heute. Wir brauchen Panzer, die autonom fahren können, Flugzeuge, die mit Drohnen interagieren, Software und Künstliche Intelligenz, die unsere kritische Infrastruktur nachhaltig schützen. Solche Produkte kommen eher selten von etablierten Rüstungsherstellern, diese Innovationen leisten Start-ups. Mit Helsing, Quantum Systems, Isar Aerospace oder Arx Robotics hat Deutschland in den vergangenen Jahren sehr innovative Unternehmen aufgebaut. Diese sollte der Bund fördern, mit offenen Wettbewerben und Entwicklungsaufträgen.
Deutschland hat nicht viel Zeit, die Bedrohung aus Russland verlangt schnelle Entscheidungen. Soll die Aufrüstung gelingen, darf sie nicht auf eine Handvoll Unternehmen beschränkt bleiben. Nur über Wettbewerb werden neue Ideen und Kapital in das Rüstungsgeschäft fließen. Gelingt uns das, könnte die Aufrüstung dazu beitragen, unsere erlahmte Wirtschaft zu modernisieren. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Rüstung geht uns jetzt alle an.
Erstpublikation: 01.09.2025, 14:37 Uhr.
