Leserforum: Leserdebatte – Macht Friedrich Merz einen guten Job als CDU-Chef?
Für die Äußerung über eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD auf kommunaler Ebene und die spätere Relativierung auf Twitter erntete der CDU-Vorsitzende viel Kritik.
Foto: dpaDer CDU-Vorsitzende Friedrich Merz steht in dieser Woche sehr in der Kritik. Am Sonntag äußerte er sich zu einer möglichen Kooperation seiner Partei mit der AfD auf kommunaler Ebene, einen Tag später ruderte er nach heftigem innerparteilichen Widerspruch via Twitter zurück.
Angesichts dieser Debatte haben wir diese Woche die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, wie sie die ursprüngliche Aussage sowie die Kommunikationsstrategie von Merz bewertet. Zusätzlich wollten wir wissen, ob die Handelsblatt-Leserinnen und -Leser in Merz den richtigen Kanzlerkandidaten für die CDU sehen und wie sie die bisherige Arbeit der Partei in der Opposition bewerten.
Merz‘ Aussage bewerten die Leser dabei unterschiedlich. Die während eines Interviews „getroffenen Aussagen zum Thema ,Zusammenarbeit mit der AfD‘“ seien „einfach nur fehlerhaft“, schreibt etwa ein Leser. Merz Verhalten hinterlasse bei ihm „tiefe Verunsicherung“. Ein anderer Leser sieht in seinen Äußerungen eine „Überforderung von Merz“.
Es gibt aber auch Zuschriften, die etwas anders auf Merz‘ Äußerung blicken. Ein Leser findet beispielsweise, der CDU-Chef „schätzt die Lage realistisch ein“, schreibt er und ergänzt: „Werden AfDler demokratisch in einen Stadtrat oder in einen Landtag gewählt, kann man sie nicht als Aussätzige behandeln.“
Unstimmigkeit herrscht auch darüber, ob Merz ein passender CDU-Kanzlerkandidat wäre. Die Mehrheit der Zuschriften spricht sich gegen ihn als Kanzlerkandidaten aus: „Merz ist ohne Frage ein sehr guter Mann, aber als Kanzlerkandidat eher nicht geeignet“, so ein Leser.
Ein weiterer Leser merkt an: „Herr Merz wäre kein guter Bundeskanzler, er ist kein Vordenker.“ Eine Leserin sieht ihn ebenfalls nicht als geeigneten Kandidaten, da er eine eigene Agenda mitbringe und dadurch der „Transformationsaufgabe in und für die CDU nicht gerecht“ werde.
Gerade in der Rolle als Oppositionspartei wünschen sich die Leserinnen und Leser mehr von der CDU. Für das Aufrechterhalten eines Mehrparteiensystems brauche es „eine inhaltlich starke CDU“, so eine Leserin.
Die CDU habe von der Schwächephase der Ampel nicht profitieren können, da „keine konstruktiven oder lediglich unausgegorene Gegenvorschläge gemacht wurden“, heißt es in einem anderen Leser-Kommentar. Ein weiterer Leser bemängelt, dass die Ziele der CDU nicht „klar definiert“ seien. Vom CDU-Chef erwartet ein Leser mehr, als nur „die Versäumnisse der Ära Merkel der Ampel anzukreiden“.
Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Überforderung
„Friedrich Merz ist nach vielen Jahren in die Politik zurückgekehrt. Ich habe immer den Eindruck, dass er in seiner Zeit stehen geblieben ist. Er ist völlig überfordert damit, die CDU nach der Merkel-Zeit neu zu positionieren. Seine unbedachten gegensätzlichen Aussagen zur AfD zeigen sehr deutlich die Überforderung von Merz. Er hat nicht mehr das Format zum Kanzler.
‚Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen‘. Die Causa Merz bestätigt diesen philosophischen Satz.“
Heiko Mäcken
Merz wird seiner Aufgabe nicht gerecht
„Deutschland braucht ein starkes Mehrparteiensystem und dafür auch eine inhaltlich starke CDU, ansonsten drohen US-amerikanische Verhältnisse, in denen die wechselseitige Erfolgsverhinderung wichtiger ist, als das Land nach vorne zu bringen.
Aktuell in der Opposition, aber auch im Grundsatz, einen modernen und den multiplen Krisen angepassten Konservatismus (auch in klarer und intelligenter Abgrenzung zur AfD) für die Partei zu entwickeln, wäre nun die Hauptaufgabe eines Parteivorsitzenden.
Herr Merz ist durch seine Parteihistorie des ‚nicht zum Zuge Kommens‘ fixiert darauf, Kanzlerkandidat zu werden. Sprich, er hat eine eigene Agenda und wird damit dieser Transformationsaufgabe in und für die CDU nicht gerecht. Er stellt sich in der Folge auch nicht in den Dienst unseres Landes und der damit verbundenen großen Aufgabe, Deutschland zu reformieren, wie es dringend nötig wäre.“
Vera Starker
Das ist Demokratie
„Es ist Sommerpause, und auch die CDU will im Gespräch bleiben. Für mich ist es nachvollziehbar, dass gewählte Personen (egal welcher Parteizugehörigkeit) ihre Aufgaben in dem jeweiligen Amt ausführen werden und müssen. Dafür sind sie ja von den Bürgern gewählt worden. Dies beinhaltet auch immer eine Zusammenarbeit mit andern Ämtern und Institutionen. Das ist Demokratie!
Inwieweit sie ihre Aufgaben bewältigen und sie letztendlich bewertet werden, ist danach zu sehen.“
Michael Zerweck
>> Lesen Sie auch unseren Kommentar: CDU-Chef Merz verunsichert seine Partei
Aussage über AfD-Zusammenarbeit fehlerhaft
„Es wäre ehrlicher und würde bei den CDU- Mitgliedern und auch bei anderen Interessierten besser ankommen, wenn Herr Merz einfach zugeben würde, dass seine während des Sommerinterviews getroffenen Aussagen zum Thema ‚Zusammenarbeit mit der AfD‘ einfach nur fehlerhaft waren.
Das – nach meiner Wahrnehmung – verkrampfte ‚Zurückrudern‘ macht es nicht besser und hinterlässt bei mir – als langjährigem CDU-Mitglied – tiefe Verunsicherung.
Friedrich Merz hat bisher keine deutlichen Akzente setzen können und obendrein schon vor der obigen Entgleisung durch zweifelhafte Aussagen eher zur Spaltung als zur Einigung der Partei beigetragen.
Von der augenscheinlichen Schwächephase der Ampelregierung konnte die CDU auch deshalb nicht profitieren, weil keine konstruktiven oder lediglich unausgegorene Gegenvorschläge gemacht wurden. Herr Merz hat offenbar nicht das Format, das für einen geeigneten Kanzlerkandidaten erforderlich ist.“
Peter Weber
CDU schießt über das Ziel hinaus
„Vorweg: Ich bin kein Merz Fan.
Die CDU bemüht sich sehr, gute Oppositionsarbeit zu machen, schießt aber oft über das Ziel hinaus und poltert mir zu sehr – auch mit ungerechtfertigten Angriffen auf die Grünen, die ja viele der von der CDU nicht angepackten Probleme beseitigen müssen.
Dass jetzt die von Merz getroffene, wie ich finde, im Kontext nachvollziehbare Aussage zu praxisorientierter und sicher schon mal notwendiger sachlicher Arbeit in kommunalen Verwaltungen so zerrissen wird, zeigt nur, wie wichtig saubere Kommunikation und vor allem klares Handeln mit Haltung ist. Es wäre auch hilfreich, wenn kompetente Lösungsvorschläge in die Parlamente und Fachgruppen eingebracht würden, anstatt alles in den Medien auszutragen. Immer nur Reden und empörte Gegenreden bewegen nichts.“
U. Walgenbach
Bürger brauchen Verlässlichkeit
„Herr Merz macht genau da weiter, wo Angela aufgehört hat: Er dreht sein Fähnchen mit dem Wind. Dieses Wendehalssyndrom stärkt die AfD, da es den Bürgern an Verlässlichkeit fehlt und sie kein Vertrauen mehr in die ehemals großen Parteien haben.
In der Generation unter 30 kursieren schon seit Jahren die Hashtags #NieWiederCDU und #Projekt5Prozent. Das Verhalten von Merz hat dabei keinerlei Relevanz. Gewählt wird die CDU nur noch von Rentnern. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass wir uns in wenigen Jahren nicht mehr mit den politisch Schwarzen befassen müssen.
Seine Oppositions,arbeit‘ beschränkt sich darauf, die Versäumnisse der Ära Merkel der Ampel anzukreiden. Die erste Partei, die wieder Politik für die Bürger macht und ihre Versprechen hält, kann groß werden. Leider ist die Stunde vor Sonnenaufgang immer die dunkelste.“
Dominik Rau
Guter Mann, aber kein Kanzlermaterial
„Als CDU-Wähler muss ich sagen, dass man von der CDU keine bessere Richtung wahrnimmt.
Merz ist ohne Frage ein sehr guter Mann, aber als Kanzler eher nicht geeignet. Außerdem ist er in zwei Jahren zu alt, um eine derartig harte Aufgabe anzunehmen. Insbesondere, wenn er daran denkt, zwei Amtsperioden zu regieren.“
Jürgen Reich
Die Geschicke der Nation
„Verheerend! Stellen Sie sich mal vor, dieser Mann wäre Bundeskanzler und er würde die Geschicke der ganzen Nation zu verantworten haben.“
Rolf Kraemer
Er ist kein Vordenker
„Herr Merz wäre kein guter Bundeskanzler, er ist kein Vordenker. Er gibt keine Antworten auf drängende Probleme wie Arbeitskräftemangel bei gleichzeitig 5,5 Millionen Bürgergeldempfängern, Verschlankungen der Verwaltungen, der Gerichte, etc.
Die Ziele der CDU werden nicht klar definiert, der Unterschied zu den Regierungsparteien ist nicht deutlich genug erkennbar. Es fehlt der Nimbus des Modernen.“
Frerich Lienemann
Realistisch, aber ungeschickt
„Merz schätzt die Lage realistisch ein, er tritt nur ungeschickt auf. Werden AfDler demokratisch in einen Stadtrat oder in einen Landtag gewählt, kann man sie nicht als Aussätzige behandeln. Sie sollen zeigen, dass sie – auf diesen Ebenen und zum Wohle der Allgemeinheit! – willens und fähig sind, mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Parteien konstruktiv zusammenzuarbeiten. Bundespolitik steht nicht auf der Tagesordnung.“
Günther Dressler
Wahlen sind in der Mitte zu gewinnen
„Wahlen sind trotz der stärker werdenden Ränder nur in der Mitte zu gewinnen. Dort hat sich der deutlich konservative Friedrich Merz nie wohlfühlen können und hat deshalb folgerichtig die Merkel-CDU als Abgeordneter verlassen.
Heute die CDU wieder so weit nach rechts zu rücken wird ihm nicht gelingen, weil es Gott sei Dank viele CDU-Mitglieder und noch mehr CDU-Wähler gibt, die die Mitte zu verteidigen wissen. Nicht nur wegen seiner verbalen Entgleisungen wäre er ein schlechter Kanzlerkandidat für die CDU.“
Stefan Bug
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Aus Versprechungen darf kein Vermerzen werden
„Statt scholzen vermerzen, das bringt uns offensichtlich auch nicht weiter. Bisher weiß man nur, was Merz bzw. die CDU nicht will. Aber warten wir auf das angekündigte Programm, was uns die Christdemokraten dann versprechen. Nur darf dann aus den Versprechungen nicht wieder ein Vermerzen werden.“
Klaus Harke
Strategische Falle ohne Ausweg
„Ich sehe bei Herrn Merz im Prinzip zwei Probleme. Er ist sich zum einen berechtigterweise nicht sicher, wie viel Rückhalt er in der Partei hat, und lässt immer wieder mal Versuchsballons steigen – und fällt regelmäßig auf die Nase, wenn er ‚Klartext‘ zu sprechen versucht, um sein Profil zu schärfen. Man versteht im Nachhinein relativ klar, warum er gegen Frau Merkel und selbst gegen Annegret Kramp-Karrenbauer nicht zum Zug kam.
Und zweitens hat er sich mit seiner Ankündigung verhoben, der AfD via dieser klaren Kante Stimmen abzujagen. Damit platzen auch seine Träume, sich per kleiner Koalition zum Kanzler zu küren. Und aus dieser strategischen Falle findet er aktuell keinen Ausweg – dass ihm Herr Linnemann aus dieser Falle helfen kann, zweifle ich an.“
Werner Pisar
Viele verstehen ihn falsch
„Herr Merz spricht die richtigen Punkte an, aber seine Formulierungen müssen besser und allgemeinverständlicher sein. Viele verstehen ihn falsch bzw. wollen ihn falsch verstehen.
Die CDU wäre gut beraten, höllisch aufzupassen, um nicht in ein Kommunikationsdesaster zu rauschen. Die letzte Wahl lässt grüßen!“
Peter Kausch
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