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Pro und Contra Machtkampf an den Börsen: Endlich Waffengleichheit oder wilde Zockerei?

Kleinanleger lassen den Kurs der Gamestop-Aktie immer weiter steigen. Für Hedgefonds wird das zum Problem. Sind jetzt Handelsbeschränkungen notwendig? Zwei Meinungen.
29.01.2021 - 17:59 Uhr 3 Kommentare
Die Aktie lag in diesem Jahr zeitweise mehr als 2000 Prozent im Plus. Quelle: Reuters
Gamestop

Die Aktie lag in diesem Jahr zeitweise mehr als 2000 Prozent im Plus.

(Foto: Reuters)

Pro: Der absurde Kurskrieg um Gamestop ist gefährliche Zockerei

Von Michael Maisch

Es ist eine Geschichte, die fast zu schön ist, um wahr zu sein. Endlich gewinnt der Underdog einmal gegen den mächtigen Favoriten. So geschehen beim Kampf um die US-Videospiele-Handelskette Gamestop. Monatelang wetteten große Hedgefonds auf Kursverluste, bis sich angriffslustige Kleinanleger über den Chatdienst Reddit organisierten und den Kurs in absurde Höhen trieben. Es ist verführerisch, sich an der fröhlichen Anarchie zu erfreuen, mit der eine Art Flashmob den arroganten Hedgefonds mal so richtig eins auswischte.

Aber die Geschichte ist tatsächlich zu schön, um wahr zu sein. Deshalb ist es richtig, den Handel mit den umstrittenen Aktien zu unterbrechen, wenn es zu turbulent wird. Und es ist richtig, wenn die Aufseher sehr genau darauf schauen, was solche konzertierten Attacken für die Stabilität der Märkte bedeuten.

Gute Privatinvestoren, böse Hedgefonds – diese Sicht der Dinge ist zu klischeehaft und zu simpel. Um das zu erkennen, muss man die Situation nur einmal umdrehen. Was wäre, wenn sich zehn große Hedgefonds zusammenrotten würden und den Kurs einer bei Kleinanlegern beliebten Aktie einfach so nach unten spekulierten? Wäre dann nicht sofort von Kursmanipulation die Rede?

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    Unter diesen Tatbestand fallen grob zusammengefasst alle Aktionen von Investoren, die ein künstliches Kursniveau herbeiführen. 2020 war der Kurs von Gamestop wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten auf ein Rekordtief von 2,57 Dollar gesackt, bevor ihn die konzertierte Gegenattacke auf zwischenzeitlich über 500 Dollar katapultierte. Glaubt ernsthaft jemand, dass das Unternehmen jemals so viel wert war? Oder auch nur die Hälfte?

    Das Spiel der privaten Zocker funktioniert nur, so lange immer mehr Kleinanleger Geld auf den Tisch legen. Die Gewinne der schlauen Spieler, die rechtzeitig Chips aus dem Spiel nehmen und Kasse machen, werden von den Spätkommenden bezahlt – genau so definiert sich ein Schneeballsystem. Das klingt lange nicht mehr so romantisch wie die Mär von den selbstlosen Rächern der Enterbten, denen es um die Demokratisierung der Kapitalmärkte geht.

    Der absurde Kurskrieg um Gamestop ist ein Symbol für die spätdekadente Phase, in der die Kapitalmärkte derzeit stecken. Viele Übertreibungen erinnern an die Zeit um die Jahrtausendwende kurz vor dem Platzen der Dotcomblase. Solange die Notenbanken die Märkte mit Liquidität fluten, wird die Party vermutlich weitergehen, aber richtig Spaß macht sie schon lange nicht mehr.

    Aktionen wie die rund um Gamestop tragen zur Katerstimmung bei. Mit den attackierten Hedgefonds muss man kein Mitleid haben, und die Gewinne von Großinvestoren sind ganz sicher nicht wertvoller als die der Kleinanleger. Aber es wäre doch schön, wenn sich alle Teilnehmer am großen Börsenspiel wenigstens halbwegs an die Regeln halten würden.

    Quelle: Kostas Koufogiorgos
    Karikatur
    (Foto: Kostas Koufogiorgos)

    Contra: Lasst sie handeln – Hedgefonds brauchen keinen Schutz

    Von Andreas Neuhaus

    Ro Khanna hat ein passendes Bild für den aktuellen Kampf zwischen Privatanlegern und Hedgefonds parat. Der demokratische US-Politiker fordert, es müsse Schluss sein damit, „dass Hedgefonds-Milliardäre den Aktienmarkt wie ihren persönlichen Spielplatz behandeln und dann mit ihrem Ball nach Hause abziehen, sobald sie verlieren“.

    Genau danach sieht es aus. Hedgefonds stehen mit ihren Wetten auf fallende Kurse bei Gamestop und anderen Aktien extrem unter Druck, weil Privatanleger die Kurse in ungeahnte Höhen treiben, um die Profianleger aus dem Handel zu drängen. Ausgerechnet jetzt ließen diverse Onlinebroker keine weiteren Käufe der Gamestop-Aktie mehr zu.

    Ist Gamestop eine Zockeraktie? Ja! Aber deswegen sollte der Handel bei Trading-Apps nicht beschränkt werden. Denn während viele Privatanleger nicht mehr handeln konnten, hatten Hedgefonds keine Einschränkungen. Das ist, als würden während eines Autorennens einem der beiden Kontrahenten zwei Reifen abmontiert.

    Grafik

    Natürlich ist es kritisch, wenn Privatanleger in Börsenforen Aktien „hypen“. Aber die Hedgefonds brauchen keinen Schutz. Bei Wirecard ging es auf deutschen Plattformen nicht anders zu. Mittlerweile ist der Zahlungsdienstleister pleite, die Hedgefonds haben ihre Wette gewonnen und Anleger ausgehend vom Höchstkurs fast 25 Milliarden Euro verloren.

    Im Fall von Gamestop ist es auch nicht so, als wären die Hedgefonds unverschuldet in die Bredouille geraten. Sie wetten schon seit September massiv gegen die Aktie, gingen also „short“, wie es im Börsenjargon heißt. Als Anfang Januar der Kurs noch bei unter 20 Euro lag, waren durch den Einsatz von riskanten Derivaten bereits mehr als 100 Prozent der Aktien „geshortet“.

    Die hohe Shortquote war in Verbindung mit der plötzlichen Kursrally eine Einladung, auf einen sogenannten Short-Squeeze zu wetten – also einen sprunghaften Kursanstieg, bei dem Shortseller unter hohen Verlusten aus dem Markt gedrängt werden.

    Und was machten die Hedgefonds? Sie lösten alte Wetten durch neue ab. Damit sind sie mit den Privatanlegern einen Kampf um die Deutungshoheit über die Gamestop-Aktie eingegangen, in dem beide Seiten um Milliarden spekulieren.

    Dass Hedgefonds auf fallende Kurse setzen, hat seine Berechtigung. Aber ebenso ist es legitim, wenn sie von Privatanlegern mit ihren eigenen Waffen bekämpft werden.

    Dabei ist das Risiko für beide Seiten immens. Niemand kann ernsthaft glauben, dass die Gamestop-Aktie 250 Dollar wert ist. Auch nicht 200, 150 oder 100. Die Historie zeigt, dass die Titel auch wieder fallen werden. Ob dann im Gegenzug zur Entscheidung von Donnerstag auch Verkäufe verboten werden? Wohl kaum.

    Deswegen ist es so wichtig, dass Waffengleichheit herrscht. Beide Seiten haben gewusst, worauf sie sich beim Kampf um die Gamestop-Aktie einlassen. Jetzt sollen sie es auch untereinander ausmachen. Lasst sie handeln!

    Mehr: Zockerkrieg an der Wall Street löst Ängste vor einem Aktiencrash aus.

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    3 Kommentare zu "Pro und Contra: Machtkampf an den Börsen: Endlich Waffengleichheit oder wilde Zockerei?"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • ... schon die Bezeichnung "Hedgefonds" ist irreführend! - Hier wird nicht "hedging" (=Absicherung) betrieben,
      sondern mit ausgeliehenen Aktien Druck auf bestimmte Börsenwerte erzeugt! - Also reine Spekulation!
      Das ganze wurde von staatlichen Regulierungsstellen genehmigt und als Liberalisierung der Kapitalmärkte
      glorifiziert! - Die entsprechende "LOBBY" hat da wohl gute Aufklärungsarbeit geleistet . -
      Es ist schon verwunderlich, daß erst jetzt diesen Machenschaften ein Bremsklotz auf die Schiene gelegt wurde!

    • Komisch warum werden Forderungen nach staatlicher Regulierung nur immer dann laut wenn Hedgefonds (und andere frühkapitalistische Organisationen) Geld verlieren. Wenn Kleinanleger Geld verlieren wegen Hedgefonds u.a interessiert das niemanden.

    • Ich wollte mal anmerken, das in den Foren wie Reddit sehr penibel darauf geachtet wird, dass keine offensichtlichen Absprachen stattfinden. Tausende Moderatoren löschen binnen weniger Minuten kritische Posts. Jeder weiß, dass jeder mitlesen kann (auch die Börsenaufsicht) und jeder weiß, dass er nur seine eigene freie Meinung mitteilen darf.

      Was glauben sie wie das bei großen Banken mit 100ten wenn nicht sogar 1000den Aktien-Händlern aussieht? Dort wird morgens eine Analystenmail verschickt und die Händler angeleitet auf was sich heute konzentriert wird... Dort kann jedoch niemand mitlesen und überwacht werden sie auch nicht.

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