Pro & Contra zu Ladenöffnungszeiten: Immer wieder sonntags einkaufen?
In Deutschland sind die Ladenöffnungszeiten gesetzlich geregelt.
Foto: dpaPro: Jeden Tag offene Türen
Jeder Händler sollte selbst bestimmen dürfen, wann seine Läden geschlossen haben, fordert Kirsten Ludowig.
Als ich nach dem Abitur zum ersten Mal in meinem Leben in den USA war, ging ich in einen Supermarkt – nachts um zwei. Das war mit Sicherheit nicht das spannendste Erlebnis meiner Reise jenseits des Atlantiks, aber für mich verkörperte es ein Stück weit die Offenheit im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
In Deutschland dagegen ist gesetzlich geregelt, wann Geschäfte geschlossen sein müssen. Dazu gehören grundsätzlich auch Sonn- und Feiertage. Die Zuständigkeit liegt bei den einzelnen Bundesländern. Das Gesetz soll dem Schutz der Arbeitnehmer dienen. Allerdings beschränkt die Politik, unterstützt von Gewerkschaften und Kirchen, damit die unternehmerische Freiheit. Und was der Kunde möchte, spielt auch kaum eine Rolle.
Und so gibt es immer wieder Vorstöße von Händlern, das Gesetz weiter zu lockern. Der jüngste kommt von der Initiative „Selbstbestimmter Sonntag“. Mit Karstadt und Kaufhof vorneweg werben für eine häufigere Sonntagsöffnung zwar ausgerechnet die zwei letzten Warenhausketten in der Republik, die besonders zu kämpfen haben. Aber Karstadt-Chef Stephan Fanderl hat recht, wenn er sagt: „Alle Beteiligten sind mündig genug, um auf freiwilliger Basis selbst zu entscheiden.“ Es lässt sich ebenfalls nicht wegdiskutieren, dass wir im Internet immer einkaufen können: 24 Stunden an sieben Tagen.
Vormarsch des Onlinehandels
Sicher, mehr offene Sonntage, selbst das Shopping rund um die Uhr, werden den Vormarsch des Onlinehandels nicht aufhalten – und nicht die Zukunft von Karstadt und Kaufhof sichern. Fakt ist aber auch: Jedes Angebot hängt von der Nachfrage ab. Wenn es wirklich so ist, dass viele Menschen in Deutschland am Sonntag nicht einkaufen möchten – ein Argument, das die Anhänger der „Allianz für den freien Sonntag“ vorbringen –, dann werden es die Händler schnell merken. Schließlich öffnen sie ihre Türen nur, wenn es sich rechnet. Dazu kommen die nicht nachvollziehbaren unterschiedlichen Regelungen: Während in vielen Ländern nur vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr erlaubt sind, sind es in Berlin bis zu zehn.
Die Kirche sieht die „Rechte auf Erholung, soziale Begegnung, religiöse Erbauung und persönliche Entfaltung“ bedroht. Die Gewerkschaft Verdi warnt, dass der Stress und die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie für die Beschäftigten im Handel zunehmen. Natürlich ist die Arbeit am Wochenende eine Belastung. Dafür aber gibt es einen Ausgleichstag unter der Woche – und Mitarbeitern von Tankstellen, Kellnern oder Busfahrern geht es nicht anders. Es gibt also keinen Grund, warum gerade Geschäfte am Sonntag geschlossen bleiben müssen.
Es gibt keine Knappheit an Einkaufszeit. Es mangelt an Ideen, um Kunden in die Läden zu locken, mein Florian Kolf.
Auf den ersten Blick klingt die Beschwerde von Karstadt, Kaufhof & Co. logisch. Onlinehändler machen einen großen Teil ihrer Umsätze an den Sonntagen. Die Händler in den Innenstädten dagegen dürfen an Sonntagen in der Regel ihre Geschäfte nicht mal öffnen. Waffengleichheit sieht in der Tat anders aus.
Doch wer glaubt, eine Freigabe der Sonntagsöffnung würde die Probleme des stationären Handels lösen, der unterliegt einer großen Illusion. Denn die meisten Kunden kaufen nicht deshalb am Sonntag online ein, weil die Geschäfte zu sind. Es ist bequemer, es ist zeitsparender, die Auswahl ist größer, man kann leichter die Preise vergleichen. Viele sehen bei den meisten Produkten einfach keinen Grund mehr, den Aufwand zu betreiben, in den Laden zu gehen. Selbst der Anreiz, die Waren sofort zu bekommen, fällt mit den immer kürzeren Lieferzeiten im Onlinehandel mehr und mehr weg.
Es herrscht keine Knappheit an Einkaufszeit, an Werktagen kann man fast unbegrenzt die Läden öffnen. Es fehlen vielen stationären Händlern schlicht die guten Ideen, mit denen sie die Menschen in die Geschäfte locken können. Nur wer den Einkauf inszeniert und zum Erlebnis macht, wer mit Beratung und Service vor Ort glänzt, wer der Masse im Netz individuell und liebevoll zusammengestellte Sortimente entgegensetzt, der hat die Chance, sich dauerhaft neben dem Onlinehandel zu etablieren.
Kunden verlangen online mehr als die Öffnungszeiten
Kaum zu glauben: Auch eine intelligente Verknüpfung der Filialen mit dem Netz ist heute meist noch nicht Standard. Es gibt immer noch viele Geschäfte, die online nicht präsent sind und sich dann wundern, dass die Kunden den Weg nicht zu ihnen finden. Dabei verlangen die Kunden heute schon viel mehr. Sie wollen nicht nur Öffnungszeiten abfragen, sondern beispielsweise online sehen, welche Waren im Laden verfügbar sind, und sie sich dort reservieren lassen. Oder im Netz bestellte Waren im Geschäft zurückgeben können.
Mit dem lautstarken Ruf nach Sonntagsöffnung begeben sich viele Händler auf einen Nebenschauplatz, um von ihren eigenen Versäumnissen abzulenken. Gerade Karstadt, einer der Wortführer der Kämpfer für den offenen Sonntag, glänzt in den meisten Kaufhäusern nicht gerade mit einer verführerischen Inszenierung der Waren und einer perfekten Verknüpfung von Online- und Offlinewelt. Vielleicht sollten die Handelsmanager lieber den freien Sonntag nutzen, um in aller Ruhe Ideen zu entwickeln, mit denen sie die Kunden tatsächlich wieder in die Läden locken.