Leserforum: Die Rente mit 63 einschränken? – Eine Debatte
Die Rente mit 63 einschränken – das und einiges mehr forderte die FDP am Montag in ihrem Fünf-Punkte-Plan, einem Positionspapier zur generationengerechten Haushaltspolitik. Die FDP argumentiert darin unter anderem, dass die Rente mit 63 falsche Anreize setze, die sich Deutschland nicht leisten könne. Wir haben die Leserschaft gefragt, wie sie zu dem Thema steht.
Die Leser sind sich in einem Punkt einig: So wie es jetzt ist, passt es nicht. Ein Leser argumentiert: Die Rentenbezugsdauer habe sich seit 1960 „mehr als verdoppelt“, während sich das Renteneintrittsalter kaum geändert habe. Ein anderer Leser erwähnt die „demografischen Entwicklungen“, aufgrund derer die wenigen jungen Menschen die Rentenzahlungen an die steigende Anzahl der Rentner stemmen müssen.
Es sei gut, dass nun „wenigstens eine Partei“ an die Jahrgänge nach 1970 denke, schreibt ein Leser. Denn die jungen Menschen würden „jetzt schon daran zweifeln, überhaupt eine Rente zu bekommen“, ergänzt ein anderer.
Von „starren Regelungen“, anhand derer die Rente mit 63 eingeschränkt werde, sollte aber besser abgesehen werden, meint ein Leser und erhält Zustimmung. Sinnvoller sei es, individuelle Lösungen zu finden. Zum Beispiel könne das Renteneintrittsalter an den Beruf angepasst werden, schlagen einige vor.
Körperlich hart Arbeitende könnten früher in Rente, und für diejenigen, „die im Büro tätig sind“, könnten neue Arbeitsmodelle ausprobiert werden, die das Arbeiten im Alter attraktiver machen, meint ein weiterer Leser. Als Beispiel nennt er die Verminderung der Arbeitszeit bei wachsendem Urlaub.
Weiter noch könnten Arbeitswillige im hohen Alter durch Vergünstigungen wie eine jährlich sinkende Einkommensteuer belohnt werden, schlägt ein anderer Leser vor. Dass es zielführender wäre, Arbeitswillige zu belohnen und das Arbeiten im Alter attraktiver zu gestalten, statt die Frührente stärker einzuschränken, findet auch ein anderer Leser. Er argumentiert: Diejenigen, die sich eine frühe Rente auch mit hohen Abschlägen leisten könnten, seien auch trotz großer Einschränkungen nicht vom frühen Ruhestand abzubringen. Lebenszeit könne schließlich „nicht nachgeholt werden.“
Für unser Leserforum haben wir aus den Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Ein 30 Jahre altes Problem
„Die Generationengerechtigkeit ist angesichts der demografischen Entwicklung und aufgrund der längeren Lebenszeit in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Viel erstaunlicher ist es, dass wir seit mindestens 30 Jahren die Entwicklung (weniger Einzahlung, Babyboomer in Rente) und die Fehler eines umlagebasierten Systems absehen können und trotzdem weder die SPD noch die CDU auch nur ansatzweise eine Korrektur vorgenommen haben.
Im Gegenteil: die Rente mit 63 Jahren, die Mütterrente, das Festschreiben der Rente an der Inflationsrate etc. sind wie das Schnäpschen in der Hand eines Alkoholikers: Einer geht noch, morgen ändern wir es.
Dass die FDP sich jetzt dagegen ausspricht, ist vernünftig, dass sie allerdings erst widerspricht, passt in das desaströse kommunikative Bild dieser Ampel und insbesondere (leider) der FDP.
Denn es ist gut für unser Land, wenn wenigstens eine Partei mit Grundrechenarten umgehen kann und nicht nur an die Wahlstimmen der Jahrgänge vor 1970 denkt.“
Clemens v. Finckenstein
Bitte kein pauschaler Kahlschlag!
„Es macht keinen Sinn, die Belastbarkeit unserer Volkswirtschaft final zu testen. Deshalb ist eine flexible Politik mit Augenmaß nötig, die die individuellen Bedürfnisse nicht nur monetärer Art berücksichtigt.
Aber bitte kein pauschaler Kahlschlag. Wer früher in Rente will, bekommt einen Malus. Wer länger arbeitet, einen Bonus.“
Franzjosef Schafhausen
Renteneintritt an Berufe anpassen
„Es wird endlich Zeit, das Renteneintrittsalter nach Berufen zu flexibilisieren.
Konkret: Wer etwa in einem körperlich anstrengenden Beruf wie zum Beispiel im Handwerk arbeitet, sollte das Recht erhalten, mit Anfang 60 in Rente zu gehen.
Wer dagegen etwa im Büro tätig ist, kann dies im Zweifel – gegebenenfalls bei verminderter Arbeitszeit und wachsendem Urlaub – auch noch bis 69 machen. Eine starre Regelung erschwert eine gerechte Lösung.“
Marius Precht
Es ist Zeit, die Rente mit 63 zu kippen
„‚Freibier für alle, der Letzte zahlt‛, könnte das Motto der Rentenpolitik von SPD und Grünen sein. Denn die Wohltaten für die Rentner von heute zahlen die jungen Menschen, die jetzt schon daran zweifeln, überhaupt eine Rente zu bekommen.
Seit 1960 hat sich die Rentenbezugsdauer mehr als verdoppelt, das durchschnittliche Renteneintrittsalter hat sich jedoch kaum verändert. Zeit also, dass Christian Lindner und die FDP die Rente mit 63 kippen. Das mag zu Krach in der Ampel führen, aber ansonsten wird niemand in der Koalition für die junge Generation einstehen.“
Johannes Oberndorfer
Länger arbeiten ist die logische Konsequenz
„Schön, länger leben zu dürfen – damit sollte längeres Arbeiten eine logische Konsequenz sein.
Aber Konzerne, die so über Fachkräftemangel klagen, schicken ihr Personal ja noch früher aufs Altengleis. Ab Alter 50 reden die Mitarbeiter nicht mehr über Träume und Weiterentwicklung, sondern über Abfindungspakete. Weiterentwicklungsangebote der Firmen werden zunehmend abgewunken, bis der Zug im Alter ab 60 Jahren an einem vorbeizieht, weil man die Neuerungen nicht mehr versteht.“
Florian Discherl
Reduzierung der Einkommensteuer für Ü 65
„Mein Vorschlag: Arbeiten für jeden bis 65. Danach jedes weitere Jahr mit einer Reduzierung von drei bis fünf Prozentpunkten bei der Einkommensteuer belohnen. So kann man spätestens nach neun Jahre einkommensteuerfrei arbeiten.“
Julius Rummel
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Was oft vergessen wird
„Es sieht immer so aus, als sei die Rente mit 63 allgemeingültig. Vielfach wird vergessen, dass diese oft nur mit ‚erheblichen‛ Abzügen nutzbar ist. Somit können es sich viele Arbeitnehmer nicht erlauben, ‚früher‛ in Rente zu gehen. Dies auch dann nicht, wenn bereits 45 Jahre versicherungspflichtige Beitragsjahre (besonders langjährig Versicherter) vorliegen. Daher sollte bei einer Überarbeitung des Rentenanspruchs nicht nur das Alter, sondern auch die Zeit der Einzahlung in Betracht gezogen werden.
Eine freiwillige Verlängerung der Arbeitszeit sollte möglich sein. Dann sollte es jedoch Vergünstigungen geben, zum Beispiel einen attraktiven Steuerfreibetrag, Befreiung von der Einzahlung in die Arbeitslosenversicherung etc.“
Peter Matzpreiksch
Der Rest schaut in die Röhre
„Wir brauchen vor allem Verlässlichkeit – es kann ja nicht sein, dass ein paar Jahrgänge profitieren und der Rest in die Röhre schaut.“
Hanno Schmidt
Lebenszeit lässt sich nicht nachholen
„Einschränkungen werden das Problem nicht wirklich lösen, da Lebenszeit, bei noch gutem gesundheitlichen Zustand, nicht nachgeholt werden kann. Wer die finanzielle Möglichkeit um die 63 Jahre für sich geschaffen hat, wird sich vom ,Ausstieg‘ nicht abhalten lassen.
Was sich viele Babyboomer deshalb wünschen, sind neue Arbeitszeitmodelle, ab etwa dem 58. Lebensjahr, die ihnen mehr Freiräume aufzeigen und bieten. Diese Modelle müssen dann auch über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinausreichen, denn viele engagierte und erfahrene Fach- und Führungskräfte würden ihr Know-how durchaus auch noch jenseits der Regelaltersgrenze gerne weitergeben. Insgesamt würde somit ein neues Lebensarbeitszeitkonzept den Arbeitnehmern und Arbeitgebern Perspektiven eröffnen.“
Bernhard Nattermann
Rente mit 63 nur aus gesundheitlichen Gründen
„Denen, die aus gesundheitlichen Gründen eine Rente mit 63 wünschen, sollte man auch weiterhin die Möglichkeit offen lassen. In Anbetracht der stets steigenden Lebenserwartung sehe ich eine Anhebung des Rentenalters durchaus als sinnvoll an.
Warum eröffnet man einem nicht die Möglichkeit, seine Verrentung über das allgemeine Rentenalter hinauszuschieben, um somit die später auszuzahlende Rente anzuheben?“
Reiner v. Haehling
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Wo ist der Anreiz für die jungen Leute?
„Ich bin Jahrgang 1962 und leistete nach meinem Abitur mit 18 Jahren freiwillig länger Wehrdienst, um mir die finanzielle Grundlage für mein Studium zu schaffen, und arbeitete während des Studiums immer in Teilzeit. Nach dem Studium startete ich unmittelbar in den Arbeitsprozess und werde mit 66 Jahren plus 8 Monaten bei der Ärzteversorgung meine Rente beantragen können. Aufgrund der prekären Personalsituation werde ich wohl einige Jahre länger als Chirurg arbeiten.
Anstatt immer wieder nach dem Gießkannenprinzip nicht finanzierbare Sozialgeschenke zu verteilen, sollten die Verantwortlichen in der Politik endlich das Thema einer radikalen Steuerreform anpacken, damit sich Fleiß, Engagement und Arbeit wieder lohnen, denn sonst wird man die jüngere Generation zu Recht kaum motivieren können, sich für dieses Land einzusetzen, und die Älteren dazu bewegen, länger als erforderlich zu arbeiten.“
Gregor Ian Thomas
Chapeau, FDP!
„Ein sehr mutiges, leider angesichts der Überalterung und Verkrustung in den Mitgliedsstrukturen der ehemaligen ‚großen‛ Koalitionsparteien und auch der Grünen (noch) nicht mehrheitsfähiges Positionspapier. Chapeau, FDP.“
Hans Henn
Auch Rentner zahlen Steuern
„Eine abschlagsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren ist eine gerechte Regel. Sind es zudem mindestens 40 echte Arbeitsjahre, kommt diese Option einer Würdigung des Fleißes gleich.
Der Arbeitsmarkt leidet wohl eher unter der 63er-Frührente mit Abschlägen. Diese Option finde ich ebenfalls gerecht. Und man bedenke: Die Rentner zahlen immer mehr Steuern.“
Carola Krüger
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