Morning Briefing: Der Papst als Putin-Erklärer
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
auf der Weltbühne in einem ziemlich ramponierten Theater erscheint ein unerwarteter Akteur: Papst Franziskus. In einem Interview mit dem „Corriere della Sera“ äußert sich der 85-Jährige, wie es keiner erwartet hat.
- Die Nato-Osterweiterung nennt der Pontifex ein „Bellen“ der Nato vor Russlands Tür. Zwar sei es übertrieben zu sagen, die Nato-Präsenz in den Nachbarländern habe Moskau „provoziert“, aber sie habe die Invasion „vielleicht erleichtert“.
- Franziskus thematisiert auch seine Selbsteinladung, nach Moskau zu reisen. Bisher habe man noch keine Antwort erhalten, „aber wir beharren weiterhin darauf, auch wenn ich fürchte, dass Putin dieses Treffen zum jetzigen Zeitpunkt nicht wahrnehmen kann und will“. Aber wie könne man eine solche Brutalität sonst stoppen, fragt Franziskus und zieht einen Vergleich zu einem Völkermord mit bis zu einer Million Toten: „Vor fünfundzwanzig Jahren haben wir in Ruanda das Gleiche erlebt.“
- Schließlich bekommt auch Kyrill, Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, sein Fett weg. Er habe 40 Minuten mit ihm über Zoom gesprochen, plaudert Franziskus aus: „In den ersten zwanzig hat er mir mit einem Zettel in der Hand die Rechtfertigungen für den Krieg vorgelesen“. Daraufhin habe er Kyrill erklärt, er könne „nicht Putins Messdiener werden“.
Ein Gespräch mit dem Papst moderiert der Kreml ab, ein Gespräch mit Kyrill der Papst. Bibelkenner wissen: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“
Patriarch Kyrill soll auch auf die sechste große Russland-Sanktionsliste der EU, die Ursula von der Leyen mit Grandezza präsentierte. Darauf befinden sich 57 Personen, darunter die mutmaßlichen Kriegsverbrecher von Butscha. Geplant ist auch – bis Jahresende und teils mit längeren Fristen – ein Öl-Embargo, wobei Ungarn, Slowakei und Tschechien Bedenken signalisiert haben. Auch soll es keine Geschäfte mehr mit der Sberbank geben, dem größten russischen Finanzinstitut.
Es handele sich um ein „Schein-Embargo“, kommentiert mein Kollege Jens Münchrath. Drei nötige Voraussetzungen seien nicht erfüllt, nämlich Geschlossenheit, Schnelligkeit und ein Überraschungseffekt. Sein Urteil: „handwerklich schlecht gemacht“.