Morning Briefing: Die Entzauberung des Musk-Mythos
Wie in einer „Sekte“ – Einblicke in das Innenleben von Tesla
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
es gibt wohl keine aktuelle Figur der Weltwirtschaft, die gleichzeitig so sehr kritisiert und heroisiert wird wie Elon Musk. Mitglieder der großen Musk-Fangemeinde sehen in dem Tesla-Chef eine Art menschgewordenen Gott, der bewiesen hat, dass ein einzelner Mann mit harter Arbeit und großen Visionen alles erreichen kann. Doch gleichzeitig teilt Musk auf seinem eigens erworbenen Netzwerk X fragwürdige Botschaften zum Bevölkerungsaustausch, setzt Mitarbeiter unter Druck und hält nichts von betrieblicher Mitbestimmung. Eines steht fest: Musk ist ein Mythos, hinter dessen Fassade er nur wenige Einblicke gewährt.
Umso bemerkenswerter ist die Recherche des Handelsblatt-Investigativteams, das mehr als 100 Gigabyte interner Tesla-Daten erhalten und ausgewertet hat. Unser Wochenendtitel enthüllt jetzt, von wem die internen Daten stammen: Lukasz Krupski, ein polnischer Servicemitarbeiter, der 2018 bei Tesla in Norwegen anfing. Wie viele andere glaubt auch er zu Beginn an den Mythos Musk und nimmt anfangs ein geringeres Gehalt in Kauf, um bei Tesla arbeiten zu dürfen.
Doch, dass die Realität bei dem rasant wachsenden Autobauer nicht so glorreich ist, wie das Prestige es vermuten lässt, erfährt Krupski am eigenen Leib. Er riskiert sein Leben für Tesla und muss doch lernen, dass Sicherheit im System Musk nur Nebensache und Widerspruch nicht vorgesehen ist.
Heute werfen Tesla-Anwälte Krupski vor, geheime Dokumente aus dem Unternehmen geschleust zu haben. Musk hat eine ehemalige CIA-Agentin auf ihn angesetzt. Norwegische Behörden durchsuchten auf Drängen des US-Konzerns Krupskis Wohnung, beschlagnahmten seinen Computer, sein Telefon, seine Datenträger.
Aus Krupskis Geschichte lässt sich viel lernen über den Menschen und Konzernchef Elon Musk. Über den großen Stress, den Menschen in seinem Unternehmen ertragen müssen und seinem enormen Kontrollbedürfnis, das bis hin zur Überwachung der Mitarbeiter reicht.
Ein Ex-Manager sagt sogar, Tesla wolle nur „Handlanger und dressierte Affen“. Ein früherer Mitarbeiter aus Grünheide betont: „Das ist wie in einer Sekte: Alle orientieren sich am Chef wie an einer göttlichen Führungsfigur.“
Wichtige Investoren fordern einen Rückzug von René Benko bei der Signa-Gruppe.
Foto: picture alliance / HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.comDie Spuren des René Benko sind kaum zu übersehen. In der Hamburger Hafencity etwa, wo mit dem Elbtower im Auftrag des österreichischen Unternehmers ein neues Wahrzeichen der Stadt entstehen sollte – eigentlich. Denn die Arbeiten sind eingestellt worden, weil Benkos Firma Signa Holding nach Angaben des beauftragten Bauunternehmens in Zahlungsverzug ist.
Jetzt wenden sich die wichtigsten Investoren gegen den Immobilienmilliardär. Sie fordern, dass ein anderer bei Signa die Führung übernehmen soll: der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Der Sanierungsexperte ist kein Unbekannter: Er hat als Generalbevollmächtigter der Signa die Warenhaustochter Galeria durch ein Insolvenzverfahren geführt. 2012 übernahm er die Unternehmensleitung während des Insolvenzverfahrens der Drogeriemarktkette Schlecker.
Die Investoren hoffen auf seine heilenden Hände, um das Schlimmste noch zu verhindern. Mit Blick auf Benko, so schreiben sie, fehle ihnen mittlerweile „jede Grundlage für eine vertrauensbasierte Zusammenarbeit“. Benko hatte bei Signa einen harten Wachstumskurs gefahren und dafür hohe Schulden aufgenommen. Ein Kurs, der ihm mit den steigenden Zinsen jetzt auf die Füße fällt.
Es verwundert kaum, dass in politischen Analysen zu lesen ist, der größte Profiteur des Nahost-Krieges sei der russische Präsident Wladimir Putin. Dass an dieser These etwas Wahres dran ist, lässt sich in deutschen Medien – auch in diesem Briefing – erkennen. Die Aufmerksamkeit liegt auf den Geschehnissen in Israel und dem Gazastreifen – Putins Krieg rückt in den Hintergrund des Weltgeschehens. Dabei sterben auch in der Ukraine tagtäglich weiter Menschen.
Und es läuft nicht gut für die Ukraine und ihre Verbündeten. Die Gegenoffensive scheint gescheitert. Man sei in einer militärischen Pattsituation mit Russland, schrieb der Oberbefehlshaber des ukrainischen Militärs, Waleri Saluschni, im „Economist“.
Gestern war der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba bei der Europakonferenz in Berlin zu Gast. Der Trost von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) für den Amtskollegen lag im Versprechen der baldigen Aufnahme seines Landes in den Kreis der ihrigen. „Wir wollen die Ukraine als Mitglied unserer Europäischen Union“, betonte sie. Wie realistisch ein baldiger Beitritt ist, zeigt sich am 8. November: Dann will die EU-Kommission den Fortschrittsbericht über die Reformen der Beitrittskandidaten veröffentlichen.
Außenministerin Annalena Baerbock betonte beim Treffen mit ihrem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba die Aufnahmebereitschaft der EU.
Foto: IMAGO/photothekDer ungarische Premier Viktor Orban betreibt derzeit migrationspolitisches Rosinenpicken, das in seinem Land nicht besonders gut ankommt. Die Aufnahme von Geflüchteten lehnt der Rechtsaußen-Politiker strikt ab, doch scheint es für ihn auch „gute“ Migranten zu geben, solange sie aus den richtigen Ländern stammen und Ungarn beim Aufbau seiner Batterieindustrie helfen wollen.
Doch jetzt ist das Gesetz gescheitert, mit dem die Regierung Arbeitskräfte aus Asien und Südamerika ins Land holen wollte. Denn die Bürger aus den ungarischen Industrieregionen wollen keine Gastarbeiter. Immer wieder kam es in jüngster Zeit zu Protesten. Die Regierungspartei zog ihr Gesetz zurück. Die ausländerfeindlichen Geister, die Orban rief, wird er wohl so schnell nicht wieder los.
Der ungarische Premier Viktor Orban agitiert seit Jahren gegen Migranten, braucht jetzt aber Zuwanderer für seine Industrie.
Foto: APZum Schluss noch gute Nachrichten aus der Popmusik. Eine aufstrebende Band aus Liverpool hat einen neuen Song veröffentlicht. Wieso Sie das interessieren sollte? Es handelt sich dabei um die „Beatles“, von denen zwei Bandmitglieder schon seit langer Zeit tot sind. Dank künstlicher Intelligenz sind jetzt aber alle vier Pilzköpfe im neuen Song „Now And Then“ zu hören. Das Lied stammt von John Lennon himself. Er schrieb und vertonte es bereits in den 1970ern.
Was von dem neuen Lied zu halten ist? Eigentlich egal, schließlich stammt es von den „Beatles“. Oder wie der „Oasis“-Sänger Liam Gallagher es ausdrückte (Vorsicht, es wird obszön): „Die Beatles könnten in meine Handtasche scheißen und ich würde immer noch meine Kaugummis darin aufbewahren.“
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, der die geltenden Hygienevorschriften erfüllt.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt
PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, ob der Westen seinen Zenit überschritten hat. Unsere Leserdebatte dazu finden Sie hier.