Morning Briefing: Die schleppende Entwöhnung vom Chinageschäft
Die deutsche Wirtschaft kommt von China nicht los
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
wie geht es weiter mit Galeria Karstadt Kaufhof? Gestern Abend ist im Bieterkampf um die Warenhauskette wohl eine Entscheidung gefallen. Das erfuhr mein Kollege Florian Kolf aus Verhandlungskreisen. Demnach soll der US-Investor NRDC Equity Partners den Zuschlag für den Betrieb der 92 Warenhäuser bekommen.
Die Verträge über den Kauf von Galeria sollen heute unterzeichnet werden. Die formelle, endgültige Entscheidung trifft dann die Gläubigerversammlung Anfang Mai. Hinter dem Investor steckt ein alter Bekannter: der US-Unternehmer Richard Baker, dem auch die Mehrheit an den Warenhausunternehmen Hudson's Bay Company (HBC) und Saks Fifth Avenue gehört. Baker war über HBC bereits vier Jahre lang Eigentümer von Kaufhof, bevor er die Warenhauskette 2019 an die Signa-Gruppe verkaufte. Alle Hintergründe zur Einigung finden Sie hier.
Eigentlich lautet der Plan, die deutsche Wirtschaft Schritt für Schritt vom Chinageschäft zu entwöhnen – sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten. „De-Risking“ nennt sich das, was auf Deutsch so etwas wie „Risikoabbau“ bedeutet. Doch die anstehende China-Reise des Bundeskanzlers zeigt, wie hoch die Volksrepublik bei der deutschen Wirtschaft weiterhin im Kurs steht. Die Unternehmen reißen sich darum, den Kanzler begleiten zu dürfen.
Nach Handelsblatt-Informationen haben ein Dutzend Vertreter aus der deutschen Wirtschaft einen Platz an Bord ergattern können. Darunter Bayer-CEO Bill Anderson, VW-Chef Oliver Blume und Siemens-Chef Roland Busch.
Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die meine Berliner Kollegen Dana Heide und Julian Olk eingesehen haben, verdeutlicht diese China-Affinität. Trotz aller Warnungen aus der Politik gelingt es der deutschen Industrie offenbar nicht, ihre Abhängigkeit zu verringern. Im Gegenteil: Bei einigen Produkten hat sie sich weiter verschärft.
Vor allem im chemischen Bereich ist die deutsche Wirtschaft demnach auf Importe aus China angewiesen. Etwa bei Medikamenten wie Fieber-, Schmerz- oder Narkosemitteln oder Vorprodukten davon. Auf dem zweiten Platz folgen elektronische Erzeugnisse, also Laptops, Computerzubehör, Solarzellen, Magnete und Batterien.
Hinter der ungehörten Bitte, die Abhängigkeit von China zu reduzieren, steckt die Sorge vor sogenannten Klumpenrisiken. Externe Ereignisse wie etwa ein Krieg zwischen China und Taiwan könnten die deutsche Wirtschaft hart treffen, wenn sie, wie der Bundeskanzler es ausdrückt „alle Eier in einen Korb legt“. Das gilt für China ganz besonders – aber auch für andere Länder.
Dabei geht es einerseits um Absatzmöglichkeiten, andererseits aber auch um resiliente Lieferketten. Die Sorge ist groß, dass der deutschen Wirtschaft die Zufuhr wichtiger Rohstoffe und Vorprodukte gekappt werden könnte, wenn der Import größtenteils aus einem Land kommt.
Lithium, das als besonders wichtig gilt, weil es in Batterien und Akkus eingesetzt wird, bezieht Deutschland laut einer Deloitte-Studie zu 70 Prozent aus Chile und China. Silizium, das etwa für Solarzellen verwendet wird, kommt zu 58 Prozent aus Norwegen. Um die Abhängigkeiten bei Rohstoffen zu reduzieren, gäbe es allerdings einen Geheimtipp, der auch noch die Umwelt schont: Recycling und Wiederverwertung. Besonders weit ist Deutschland dabei allerdings noch nicht.
Wie fragil die Handelsbeziehungen mit China schon jetzt sind, zeigt sich im Südchinesischen Meer. Einige der meistbefahrenen Seestraßen der Welt führen durch die Region. China beansprucht weite Teile des Gebiets für sich und setzt diesen Anspruch immer offensiver durch. Dabei hatte das Internationale Schiedsgericht in Den Haag der Volksrepublik jegliche Hoheitsrechte bereits 2016 abgesprochen.
Um die Handelsroute zu schützen, will sich Deutschland militärisch stärker im Indopazifik engagieren. Zum zweiten Mal nach 2021 wird sich die Bundeswehr in diesem Jahr dort an internationalen Manövern beteiligen. Die Marine schickt von Mai bis November die Fregatte „Baden-Württemberg“ und den Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“ auf Weltumrundung. 50 Kampfjets der Luftwaffe fliegen gemeinsam mit Frankreich und Spanien Manöver im Pazifik – unter anderem in Japan, Australien und Hawaii.
Deutschlands Bevölkerungsstruktur steht vor tiefgreifenden Umbrüchen. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die heute veröffentlicht wird. Demnach wird die Bundesrepublik bis zum Jahr 2040 um etwa eine halbe Million Einwohner wachsen. Allerdings sagt die Studie für die Bundesländer höchst unterschiedliche Entwicklungen voraus. Und wie bei so vielen sozialen und wirtschaftlichen Auswertungen ist auch hier mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall die deutsch-deutsche Grenze noch gut erkennbar.
Zum Abschluss noch ein Blick auf die Zweitkarriere des ehemaligen Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer (CSU). Der hatte vor kurzem angekündigt, sein Bundestagsmandat niederzulegen und sich vorzeitig aus dem Parlament zu verabschieden. Doch offenbar hatte „Andi“ schon einen Plan für die Zeit danach: So hatte er eine Firma für Vermögensverwaltung und eine für Unternehmensberatung ins Handelsregister eintragen lassen.
Für seinen Gang durch die Drehtür erntete Scheuer viel Kritik. Ich finde zu Unrecht. Wenn man etwas besonders gut kann, sollte man seine Expertise auch an andere weitergeben dürfen. Schließlich lässt sich viel von Scheuer lernen: wie man sich geschickt aus der Affäre zieht, öffentliche Kritik einfach aussitzt und sich von nichts und niemandem das aufpolierte Selbstbild madig machen lässt.
Sollte ich in diesen Bereichen einmal Beratung benötigen, würde ich Scheuers Hilfe sofort in Anspruch nehmen. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie keine Beratung von Andreas Scheuer benötigen.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens
PS: Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat ein neues Problem: Die Kundenzufriedenheit ist auf einem Tiefpunkt, nicht nur bei der Kernmarke. Dabei braucht die Lufthansa zufriedene Kunden, um gegenüber der Konkurrenz aufzuholen. Können Sie nachvollziehen, warum die Kunden so schlechte Bewertungen abgeben? Berichten Sie auch gerne von Ihren Erfahrungen. Was müssten die Lufthansa und ihre Töchter verändern? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.