Morning Briefing: Friedensproteste im Putin-TV
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
ganz zu stoppen ist der Protest gegen den Ukraine-Krieg selbst in der lupenreinen Autokratie Russland nicht. So kaperte eine Redakteurin gestern die wichtigste Nachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens und baute sich während der Live-Sendung mit einem selbst bemalten Anti-Kriegs-Poster hinter der Moderatorin auf. Zu lesen war: „Stoppt den Krieg. Glaubt nicht der Propaganda, hier werdet ihr angelogen. Russen gegen den Krieg!“
Marina Ovsiannikova, Mitarbeiterin von Channel One, hatte die Aktion zuvor in sozialen Netzwerken angekündigt. Ihr Vater sei Ukrainer und der Krieg ein „Verbrechen“, für das Wladimir Putin verantwortlich sei, erklärte sie da: „Wir sind russische Bürger, wir wissen, wie man denkt. Wir sind intelligent. Es liegt in unserer Macht, diesen Wahnsinn zu beenden. Geht zu den Protesten, habt vor nichts Angst, sie können uns nicht alle wegsperren.“
Das klingt, als habe sie den inhaftierten Oppositionellen Alexej Nawalny und seine Kritik am „wahnsinnigen Zaren“ sehr genau registriert. Auch die natürlich sogleich festgenommene Aktivistin Ovsiannikova ist nun eine Heldin dieses Kriegs.
Geschäft ist nicht alles, wenn es um Krieg oder Frieden geht: Die Brüder Daniel und Andreas Sennheiser erklären im Handelsblatt-Interview, warum sie in Russland vorerst keine Geschäfte mehr machen.
- „Dort können wir derzeit mit gutem Gewissen keine Geschäfte machen“, erklärt Daniel: „Das ist in erster Linie eine ethisch-moralische Entscheidung.“
- „Unternehmerische Verantwortung darf sich nicht auf Worte beschränken, sondern muss auch die Bereitschaft umfassen, Verlust hinzunehmen“, sagt Andreas. „Frieden ist wichtiger als Geschäftemachen.“
Die beiden erklären noch, warum sich das Familienunternehmen nun auf Mikrofone und Audiotechnik für Profis konzentriert – und das traditionelle Kopfhörer-Geschäft für 200 Millionen Euro an den Schweizer Hörgerätespezialisten Sonova verkauft hat. Man habe für diese volatile Sparte einen finanzstarken Partner gebraucht, und Sonova wolle seine Zielgruppe mit einer Consumer-Marke verjüngen.
Im Übrigen, sagt Daniel Sennheiser noch, sei ein Kopfhörer „heute nur noch eine Schnittstelle zu einem großen Ökosystem, sei es von Apple, Samsung, Google oder Amazon“. So gesehen ist das ganze Leben in digitalen Zeiten eine Schnittstelle, früher war es eine Baustelle.
Ganz anders als die Sennheiser-Brüder sieht ausgerechnet die Deutsche Telekom – mit dem Bund als Hauptaktionär – die Wie-hältst-Du-es-eigentlich-mit-Russland?-Frage. Der Vorstand mit CEO Tim Höttges bleibt dem russischen Standort treu wie Bonn dem Beethoven-Andenken, obwohl das Kreml-Regime den West-Konzernen dort längst mit Enteignungen droht.
Man muss wissen: Die Konzerntöchter IT Solutions und Global Business Solutions haben in St. Petersburg und an zwei anderen Standorten insgesamt 2000 Mitarbeiter, darunter viele Nerds und IT-Cracks. Auf unsere Anfrage zur Standort-Frage antwortet ein Sprecher nur: „Wir arbeiten derzeit an einer Lösung für den von Ihnen beschriebenen Themenkomplex.“
Ähnlich weich wie ein Marshmallow fällt das bundesregierungsamtliche Statement aus: Es betont die „eigene Verantwortung“ der Unternehmen. In Wahrheit geht es bei den russischen Projekten ums Telekom-Kerngeschäft – eine Software zur Netzplanung sowie eine Smartphone-App für Privatkunden. Und so tritt die Höttges-Truppe in Russland weiterhin wie ein hipper Tech-Konzern auf, auch wenn die bürgerliche Freiheit dort gerade lebenslänglich bekommen hat.
Der Krieg führt hierzulande immer stärker zu Einsparungen und Ausfallerscheinungen. So storniert der Autobauer Volkswagen Aufträge bei Zulieferern über Nacht, etwa bei der Firma KKT Frölich im Harz, die Kunststoffteile fürs Getriebe herstellt. VW selbst lässt die Produktion von Elektroautos in Zwickau und Dresden ruhen, auch im Wolfsburger Stammwerk stehen die Bänder still. Wichtige Kabelbäume können nicht mehr aus der Ukraine geliefert werden.
Dass inzwischen keine Live-Bilder deutscher Autobahnen mehr im Internet zu sehen sind, werden die Autofahrer wohl eher verkraften. Das Bundesverkehrsministerium erklärt, die Verkehrskameras der bundeseigenen Autobahn GmbH stünden „aufgrund der aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen in Europa“ derzeit nicht zur Verfügung.
Größte Auswirkungen hat Putins Landsertum auch auf den Bundeshaushalt. Der wird am Mittwoch im Bundeskabinett zwar beschlossen, ist aber noch am selben Tag ein Fall für die blaue Altpapiertonne. Zusätzlich zu dem für 2022 bereits geplanten Defizit von 100 Milliarden Euro sind weitere hohe Beträge nötig. So ist jetzt der Kauf von 35 Exemplaren des US-Tarnkappenjets F-35 als Nachfolger der angejahrten Tornado-Flugzeuge beschlossen worden, Stückpreis rund 100 Millionen Euro. Ein Ergänzungshaushalt soll dem Team um Olaf Scholz Zeit und Luft für die Bewältigung der Kriegskosten verschaffen, analysiert unser Titelreport.
Die Frage, wie die vom Putinismus gepeinigten Verbraucher zu entlasten seien, hat einen regelrechten Kreativitätsschub im politischen Vorschlagswesen ausgelöst. Im Zentrum der Aufmerksamkeit agiert Kassenwart Christian Lindner (FDP) mit der Idee eines Tank-Rabatts von 20 Cent pro Liter, der über die Abrechnungen der Mineralölindustrie en gros beglichen werden soll. Ihm sei wichtig, so Lindner, „dass vom Pendler und den Familien bis zum Gewerbetreibenden eine schnelle Hilfe spürbar ist“.
Die Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Markus Söder (Bayern) wollen dagegen die Mehrwertsteuer für Benzin absenken, auch sind eine erneute Anhebung der Pendlerpauschale sowie ein Energiegeld und ein Heizkostenzuschuss im Gespräch. Hier meldet sich eine Koalition der Kümmerer auf dem Basar der Ideen mit Rabattkarten aller Art. Oder wie es Marktleiter Robert Habeck ausdrückt: „Alle erzählen jetzt ein bisschen, was ihnen sinnvoll erscheint.“
Und dann ist da noch Robert „Bob“ Iger, 71, der 15 Jahre an der Spitze des Disney-Konzerns stand, wo er Fantasy-Filme produzierte und unter Anderem das Animationsstudio Pixar kaufte. Nun will der „Best Ager“ die Zukunft des Gewerbes selbst gestalten. Iger investiert viel Geld in die Firma Genies aus Los Angeles und geht dort in den Vorstand. Eine eigene App soll es Hinz und Kunz ermöglichen, ihre 3D-Wunschversionen von sich selbst („Avatare“) zu erstellen und damit auf Social Media und im Metaverse groß herauszukommen.
Iger schwärmt von „Internet 3.0“ mit den überall herumlaufenden Avataren der Nutzer als Hauptakteure. Der Ex-Disney-Chef nennt das „Demokratisierung“, Kritiker sehen nur eine neue Spielwiese für alte Giganten wie Facebook. Der berühmte Peter Ustinov hatte stets eine sehr nüchterne Sicht auf Zukunftsgestöber: „Es hat schon immer Science-Fiction gegeben – die Wettervorhersage im Fernsehen.“
Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Tag, mit Rückenwind für Ihre Projekte.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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