Morning Briefing: Gibt die Bundeswehr das Geld für das Falsche aus?
Israels Kabinett billigt Gaza-Waffenruhe – Friedensnobelpreis für Trump?
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
In der deutschen Rüstungspolitik wird derzeit innerhalb weniger Jahre nachgeholt, was vorher über drei Jahrzehnte hinweg versäumt wurde. Im Eiltempo (oder zumindest in dem, was das Bundeswehr-Beschaffungsamt dafür hält) bekommt die Truppe neue Schiffe, Panzer, Flugzeuge und Kasernen.
Dadurch steigt das Risiko, dass Geld für das Falsche ausgegeben wird, weil sich die Militärtechnologie derzeit besonders rasant weiterentwickelt. Vor allem die Drohnen-Revolution stellt viele Waffensysteme infrage, die bislang als Rückgrat einer jeden echten Armee galten:
- Wie sinnvoll sind neue Bundeswehr-Fregatten, wenn wir doch bei der russischen Schwarzmeer-Flotte sehen, wie verwundbar solche Schiffe durch ferngesteuerte Seedrohnen sind?
- Was bringen neue Kampfpanzer, wenn die im Einsatz vor allem damit beschäftigt sind, sich selbst gegen Drohnenangriffe aus der Luft zu schützen?
- Wird das geplante neue europäische Luftkampfsystem FCAS angesichts der Fortschritte bei unbemannten Flugsystemen nicht schon veraltet sein, wenn es irgendwann nach 2040 bei der Truppe ankommt?
Wenn ich solche Bedenken äußere, versuchen die Rüstungsexperten, innerhalb wie außerhalb der Handelsblatt-Redaktion, mich meist zu beruhigen: Jedes neue Waffensystem bringe auch neue Abwehrwaffen hervor, und ob Offensive oder Defensive am Ende die Oberhand behalten, lasse sich schwer vorhersagen.
Jacob Parakilas vom Thinktank Rand Corporation hat in einem Strategiepapier der britischen Armee zu einer kompromisslosen Automatisierungsstrategie geraten. Doch selbst er räumt im Handelsblatt-Interview ein:
Wenn die Zukunft der Militärtechnologie so unsicher ist wie derzeit, wäre es dann nicht klug, wenn die Bundeswehr weniger in einzelne Waffensysteme investierte, sondern eher in technologische Kompetenzen und Ressourcen, mit denen sich die Truppe schnell an veränderte Umstände anpassen kann?
Mich hat beeindruckt, was die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Oksana Ferchuk in dieser Woche auf einer Technologiekonferenz in Tallinn berichtet hat: Die Technologie an der Frontlinie zu Russland verändere sich „alle zwei bis drei Wochen“. Deshalb könne es auch bei der Verteidigung – etwa gegen Drohnen – keine einheitlichen Mittel geben.
Um fair zu sein: Die Bundeswehr versucht durchaus, diesen Geist der ständigen technologischen Adaption in ihre Strukturen zu integrieren. Es gibt den Cyber Innovation Hub in Berlin, es gibt das Drohnen-Innovationslabor in Erding. Und auch in der Rüstungsbranche warnen die ersten Stimmen vor zu viel Fokus auf Heavy Metal und zu wenig auf High Tech. Marc Wietfeld, der Chef des Münchener Rüstungs-Start-ups Arx Robotics, sagt:
Wenn schon Panzer, dann müssten diese in Zukunft anders aussehen, so Wietfeld, von der Software her konzipiert und mit möglichst wenig menschlichem Personal. Arx Robotics entwickelt selbst kleinere, selbstfahrende Gefechtsfahrzeuge, die aufklären, aber bald auch kämpfen können. Ganz uneigennützig ist die These des Unternehmers also nicht – aber deshalb muss sie ja nicht falsch sein.
Israels Kabinett billigt Waffenruhe
In einem besonders blutigen Konflikt haben sich die Chancen auf ein Ende der Kämpfe verbessert – um es aus trauriger Erfahrung mal mit maximaler Zurückhaltung zu formulieren.
Das israelische Kabinett hat in der Nacht zu Freitag die Vereinbarung mit der radikal-islamistischen Hamas zur Freilassung aller Geiseln und einer Feuerpause im Gaza-Krieg gebilligt, wie das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mitteilte.
Bereits gestern hatte die Hamas den Krieg für beendet erklärt. Zur Begründung verwies die Gruppe auf Zusicherungen der USA, arabischer Vermittler und der Türkei für ein dauerhaftes Ende der Kämpfe. Die Vereinbarung umfasse die Öffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen in beide Richtungen, sagte der im Exil lebende Hamas-Anführer Chalil Al-Hajja. Zudem sehe sie die Freilassung aller in Israel inhaftierten palästinensischen Frauen und Kinder vor. Zuvor hatten beide Seiten eine Vereinbarung unterzeichnet, die den ersten Teil eines von US-Präsident Donald Trump vorgelegten Friedensplans umsetzen soll. Der sagte in Washington:
Er selbst werde wahrscheinlich vor Ort sein und plane, „irgendwann am Sonntag loszufahren“.
Friedensnobelpreis für Trump?
In diesen Stunden wird Donald Trump vermutlich auf den Anruf des Nobelkomitees warten. Müsste es Trumps Vermittlung im Gaza-Konflikt nicht absolut zwingend machen, dass er heute den Friedensnobelpreis erhält, für den er sich selbst mehrfach ins Gespräch gebracht hat? Trump sieht es definitiv so, aber seine Erfolgsaussichten dürften doch eher überschaubar sein. Zu den Gründen können Sie hier mehr lesen.
Zu diesem Thema kann ich Ihnen ferner ein Pro- und Contra aus unserer Redaktion anbieten:
- Meinungschef Thomas Sigmund findet, dass Trump den Friedensnobelpreis bekommen sollte, denn: „Der Preis ehrt keine Heiligen, sondern Menschen, die etwas bewirken.“
- Chefautor Jens Münchrath ist strikt dagegen und befindet: „Sicherer macht Trump die Welt nicht. Das Gegenteil ist der Fall.“
Belgien will Gefängnis im Kosovo mieten
Ob die folgende Idee die Welt friedlicher macht? Aus Platzmangel in den Gefängnissen des Landes will die belgische Regierung, dass einige Insassen ihre Haftstrafen im Kosovo absitzen. Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga zufolge erwägt die Regierung, in dem Balkanland ein Gefängnis für verurteilte Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus zu mieten oder zu errichten. Mit Dänemark hat das Kosovo ein ähnliches Abkommen.
Wann rentiert sich „raus aufs Land“?
Spätestens, wenn einem die eigene Stadtwohnung wie eine belgische Gefängniszelle vorkommt, ist es an der Zeit. Aber auch vorher schon denken viele Großstädter darüber nach: Wie wäre es, wenn wir rausziehen aus der Stadt? Niedrigere Kosten für Eigentumswohnung oder Haus im Grünen stehen dann in der Regel höhere Pendelkosten entgegen.
Um einzuschätzen, ob sich der Kauf im Speckgürtel tatsächlich langfristig lohnt, hat das Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI im Auftrag der Postbank berechnet, ab welchem Zeitpunkt die Kosten fürs Pendeln den Preisvorteil einer Immobilie im Umland wieder wettmachen. Die Forscher setzen dabei einen Preisaufschlag von 20 Prozent auf den Durchschnittspreis des jeweiligen Landkreises an, da verkehrsgünstig gelegene Wohnungen für Pendler attraktiver, aber auch teurer sind als Immobilien in abgelegenen Ortschaften.
Das Ergebnis zeigt unsere Tabelle am Beispiel von Hamburg. Wenig überraschend: Das Deutschlandticket ist in allen Fällen deutlich günstiger als der eigene PKW. Und am längsten dauert es in Seevetal, bis die Pendelkosten den Preisvorteil der Immobilie aufgefressen haben, nämlich 38,3 Jahre.
Nach dieser Zeitspanne dürften die meisten Immobilienkäufer mit Berufsleben und Kindererziehung schon wieder durch sein und können darüber nachdenken, zurück in die Innenstadt zu ziehen.
Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang ohne Hin und Her.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt