Morning Briefing: Hat da jemand Taurus gesagt? Antrag der Ampelfraktionen soll Scholz unter Druck setzen
Gaza-Resolution: Die EU ist sich einig – fast
Liebe Leserinnen und Leser,
in ihrer Haltung zum Gaza-Krieg hat sich die Europäische Union bislang vor allem durch Zerstrittenheit ausgezeichnet. Nun sendet sie ein Signal der Einigkeit – mit einem Schönheitsfehler.
Deutschland und 25 weitere EU-Staaten fordern eine sofortige humanitäre Feuerpause im Gaza-Krieg. Diese Feuerpause soll zu einem Waffenstillstand, zur Freilassung der Geiseln und zu mehr humanitärer Hilfe führen, wie aus einer gestern Abend nach einem Treffen der EU-Außenminister veröffentlichten Erklärung hervorgeht.
Die Erklärung ruft Israel auch auf, die Stadt Rafah im äußersten Süden des Gazastreifens nicht anzugreifen. In der Stadt leben derzeit mehr als eine Million Zivilisten – die meisten von ihnen sind Flüchtlinge aus anderen Teilen des Gazastreifens.
Aber Moment – die EU hat doch 27 Mitglieder? Stimmt, womit wir zum Schönheitsfehler kommen: Ungarn wollte den Appell laut Deutscher Presse-Agentur nicht unterstützen. Das Land gilt als besonders israelfreundlich.
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat nach einem Frontbesuch die Lage dort als „äußerst schwierig“ beschrieben. Er hatte zuvor den Frontabschnitt Kupjansk im Gebiet Charkiw besucht. Die Russen, die im Herbst 2022 aus der Stadt vertrieben wurden, rücken seit Wochen wieder auf die Kleinstadt vor – auch, weil die Ukrainer zu wenig Munition haben.
Unter dem Eindruck des russischen Vormarschs haben sich die Fraktionen von SPD, Grünen und FDP auf einen Antrag geeinigt, mit dem sie die Bundesregierung zur Lieferung zusätzlicher weitreichender Waffensysteme an die Ukraine auffordern.
Im Entwurf für einen gemeinsamen Koalitionsantrag werden die Taurus-Marschflugkörper, gegen die sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sträubt, zwar nicht namentlich erwähnt. Das Papier der Fraktionsvorsitzenden fordert aber „die Lieferung von zusätzlich erforderlichen weitreichenden Waffensystemen und Munition“, um die Ukraine in die Lage zu versetzen, „völkerrechtskonforme, gezielte Angriffe auf strategisch relevante Ziele weit im rückwärtigen Bereich des russischen Aggressors zu ermöglichen“.
Die gewundene Formulierung zeugt von der mühsamen Suche nach einem Kompromiss, dem alle drei Ampelfraktionen zustimmen können. Grüne und FDP hatten die namentliche Erwähnung von Taurus gefordert, die SPD hatte sie abgelehnt.
Dass Handelsblatt-Aktienexperte Ulf Sommer eine gewisse Vorliebe für Dividendenwerte hat, dürfte aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieses Morning Briefings nicht entgangen sein. Diesmal hat er sich die vielversprechendsten Aktien in Europa angeschaut, die mit hohen und regelmäßig wachsenden Ausschüttungen glänzen. Wobei allzu üppige Ausschüttungen bei niedrigem Aktienkurs meist eher auf Managementprobleme oder ein bröckelndes Geschäftsmodell hindeuten.
Und so steht auf Sommers Favoritenliste nicht die britische Vodafone – trotz sagenhafter 12,4 Prozent Dividendenrendite – sondern Werte, die bereits seit Jahrzehnten mit steigenden Ausschüttungen überzeugen. So wie der Pharmakonzern Sanofi, der in diesem Jahr seine Dividende zum 30. Mal in Folge erhöht.
Wie trügerisch vermeintlich üppige Ausschüttungen sein können, zeigte gestern die Bayer AG. Der Chemie- und Pharmakonzern wird für drei Jahre seine Dividende auf das gesetzlich geforderte Mindestmaß stutzen. Bereits für das Geschäftsjahr 2023 sollen nur elf Cent pro Aktie ausgeschüttet werden, teilte Bayer am Montagabend mit. Für 2022 hatte der Konzern noch eine Dividende von 2,40 Euro pro Aktie gezahlt.
Vor der Reduzierung bot Bayer mit 8,6 Prozent die höchste Dividendenrendite im Dax. Nun will Bayer das Kapital lieber nutzen, um bei schwacher Ertragslage seine hohen Schulden abzubauen.
Auch ein kompletter Ausfall der Dividende stand im Raum. Doch wenn ein Unternehmen wie Bayer immer noch Gewinn macht, muss es einen bestimmten prozentualen Mindestanteil des Grundkapitals ausschütten – das hatten Aktionäre in ähnlich gelagerten Fällen eingeklagt.
Mitten in den Vorbereitungen für den Einstieg der Großreederei MSC bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) bekommt der Hafenbetreiber die Folgen der schwachen Wirtschaftslage zu spüren. Wie die HHLA am Montag mitteilte, brach der Betriebsgewinn („Ebit“) im abgelaufenen Geschäftsjahr um 54 Prozent auf 93 Millionen Euro ein. Das Ergebnis unterschritt damit die Erwartung, die zwischen 100 bis 120 Millionen Euro lag. Durch die Konjunkturflaute seien Umschlag- und Transportmengen gesunken. Zudem belasteten die Russland-Sanktionen den Containerumschlag. Der Umsatz des börsennotierten Hafenlogistikers schrumpfte nach vorläufigen Zahlen um 8,6 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.
Bei der Lufthansa hat der zweite Warnstreik des Bodenpersonals begonnen. Das Unternehmen rechnet mit Hunderten Flugausfällen und mehr als 100.000 betroffenen Passagieren. Bereits am Montagabend hatte die Lufthansa am Drehkreuz Frankfurt etliche Verbindungen gestrichen. Ab heute Morgen soll dann das Bodenpersonal an den Standorten Frankfurt, München, Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Köln/Bonn und Stuttgart in den Streik treten.
Die Fluggesellschaft hofft, am Dienstag wenigstens zehn bis 20 Prozent ihrer planmäßig rund 1000 Flüge in die Luft zu bringen und warnte die Passagiere stornierter Flüge: Sie sollten nicht zum Flughafen kommen, weil dort die Umbuchungsschalter nicht besetzt seien.
Um was genau geht es bei dem Streik? Da habe ich ehrlich gesagt den Überblick verloren. Es sind für mich einfach zu viele Einzelgewerkschaften, Beschäftigtengruppen und Konzerngesellschaften, um beim Lufthansa-Tarifstreit noch durchzublicken.
„Mehr Bock auf Arbeit“ hat Steffen Kampeter vor kurzem von den Deutschen gefordert. Doch bei der Volksbank Kaiserslautern dringt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände damit nicht so recht durch. Hier hat man eher Bock auf mehr Freizeit: Bei der Genossenschaftsbank im Südwesten gilt schon seit anderthalb Jahren die Viertagewoche. Mit „4 Tage arbeiten, 3 Tage frei!“, wirbt die Bank um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, freitags bleiben die Schalter geschlossen. Damit steht die Volksbank Kaiserslautern für einen Vier-Tage-Trend bei deutschen Genossenschaftsbanken, wie meine Kollegin Elisabeth Atzler herausgefunden hat.
Im Volksbank-Slogan „Wir machen den Weg frei“ könnten diese Banken nun die Wörter „den“ und „Weg“ einfach einsparen. Und dadurch jene Effizienzgewinne heben, die ihre Befürworter der Vier-Tage-Woche stets nachsagen. Ich wünsche Ihnen einen Tag ohne Hindernisse.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
PS: „Ich weiß nicht, wo wir das Geld finden, aber wir brauchen es“, sagte Verteidigungsminister Pistorius auf der Sicherheitskonferenz in München am vergangenen Wochenende und forderte höhere Investitionen in die Verteidigung. Was meinen Sie: Muss sich Europa mehr um die eigene Sicherheit kümmern? Und wenn ja: Wie sollte das aussehen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com . Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.