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Morning Briefing Plus – Die WocheMut, Kreativität und Neugierde – Der Rückblick des Chefredakteurs

„Ich wollte das einfach machen.“ Diese Einstellung ist faszinierend an der Start-up-Szene, die sich gerade bei der Verleihung der German Startup Awards versammelt hat. Was uns die Woche noch beschäftigt hat.Sebastian Matthes 13.05.2023 - 08:00 Uhr
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Foto: Handelsblatt

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem gemeinsamen Blick auf die wichtigsten Nachrichten der Woche, die ja oft geprägt sind von Kriegsfolgen, geopolitischen Spannungen und ökonomischen Verwerfungen. Weiß Gott keine einfache Zeit gerade.

Aber …

Es gibt auch einen Grund für Optimismus, für Aufbruchstimmung. Am Donnerstag war ich im Tipi am Kanzleramt bei der Verleihung der German Startup Awards. Es war voll, sehr voll sogar. 500 Menschen waren in das Veranstaltungszelt gekommen, Unternehmerinnen, Investoren, Chefs großer Unternehmen, Bundestagsabgeordnete …

… und die Eröffnungsrede hielt Bundeskanzler Olaf Scholz.

Als ich mich morgens auf den Weg nach Berlin machte, musste ich daran denken, wie ich vor fast 20 Jahren anfing, über die damals noch junge deutsche Tech-Szene zu schreiben. Über die Handvoll Menschen, die so verrückt waren, kurz nach dem New-Economy-Crash etwas Neues zu versuchen. Wenn die Gründer damals überhaupt Aufmerksamkeit bekamen, dann in besorgten Anrufen der Eltern („Isst du auch genug?“) oder hämischen Medienberichten. Egal. Man traf sich in kleinen Berliner Cafés – damals gelangte das St. Oberholz zu einiger Berühmtheit. Man tauschte sich aus, hielt zusammen. Einige schafften es, andere nicht. Viele gründeten einfach noch einmal, oder sie wurden zu Mentorinnen und Investoren einer neuen Gründergeneration.

Foto: Getty Images

Heute sind die jungen Tech-Firmen längst ein Wirtschaftsfaktor. Aber es waren nicht in erster Linie die Zahlen, die mich an der Szene interessiert haben. Unternehmer sein ist keine Berufsbezeichnung, sondern eine Geisteshaltung. Die hat mich schon immer fasziniert.

„Ich wollte das einfach machen“, sagte Mona Ghazi, nachdem sie bei den German Startup Awards als Newcomerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Deshalb gründete sie ihr erstes Start-up mit 16 Jahren, wenig später dann ihr zweites: Mit Optimo hilft sie nun Unternehmen, Produktionsmitarbeiter digital weiterzubilden.

Dieses „Ich wollte das einfach machen“ ist es, was mich an der Start-up-Szene fasziniert. Die Menschen, die alles auf eine Karte setzen, um ihre Idee groß zu machen.

Natürlich spürt auch die Gründerszene die Krise. Die Finanzierung bricht ein, junge Firmen müssen erstmals in ihrer Geschichte Personal abbauen, nicht wenige fürchten um ihre Existenz. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, leiden sie unter der trägen deutschen Bürokratie und einem immer schärferen Mangel an Fachkräften. Aber auch diese Krise wird vergehen. Und dann geht es weiter. Weil es für echte Unternehmerinnen und Unternehmer immer weitergeht.

Als ich an dem lauen Frühlingsabend dann durch Berlin zu meinem Hotel zurücklief, musste ich kurz an die nächsten 15 Jahre denken: Wenn die deutsche Start-up-Szene weiter so mutig, kreativ und innovativ ist wie heute, wenn sie in einem ähnlichen Tempo weiterwächst, dann muss man sich um unser Land keine größeren Sorgen machen. Und dann wird man viel größere Räume brauchen, um ihre Erfolge zu feiern.

An dem Abend gab es übrigens noch einen Sonderpreis, den ich entgegennehmen durfte. In der Laudatio wurde viel Nettes gesagt über die Rolle der Medien und darüber, dass wir beim Handelsblatt dem Thema Gründen und Unternehmertum so viel mehr Raum geben als andere.

Ich habe mich allerdings etwas fehlplatziert gefühlt zwischen den ganzen Preisträgern, die alle etwas wirklich Neues aufgebaut haben, ich habe immer nur darüber berichtet. Gefreut habe ich mich trotzdem sehr für diese Anerkennung. Und ich möchte insbesondere meinen beiden Kolleginnen Larissa Holzki und Nadine Schimroszik danken, die beim Handelsblatt intensiv über Start-ups berichten. Eigentlich hätten die beiden auf die Bühne gehört. Wenn Sie es noch nicht tun: Folgen Sie den beiden unbedingt bei LinkedIn.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Nun liegen die Fakten auf dem Tisch: Die Steuereinnahmen entwickeln sich schlechter als gedacht. Das ist natürlich ein schwieriges Thema in einer Zeit, in der die ohnehin zerstrittenen Ministerinnen und Minister der Ampel mit höchst, sagen wir mal, ambitionierten Zusatzausgaben planen. Der Kampf um die Kasse dürfte nun erst richtig losgehen. Wir ahnen, was das für das Klima in der Koalition bedeutet.

2. Die Minister müssen sich nach anderen Geldquellen umsehen. Und damit nehmen SPD und Grüne die private Krankenversicherung ins Visier. Die Koalition geht nämlich davon aus, dass den gesetzlichen Kassen im nächsten Jahr mindestens acht Milliarden Euro fehlen werden. Ist ja klar, dass nun Forderungen laut werden, Besserverdienende und deren Arbeitgeber stärker zu belasten, indem man die Beitragsbemessungsgrenze stark anhebt. Das ist die Grenze, bis zu der Kassenpatienten Beiträge zahlen müssen.

Außerdem wollen SPD und Grüne die Versicherungspflichtgrenze anheben, ab der Arbeitnehmer in die private Krankenversicherung wechseln dürfen. Dann könnten noch weniger Menschen die gesetzlichen Kassen verlassen, was wiederum zu einem schleichenden Tod der PKV führen könnte. Die Debatte ist allerdings nicht einmal das größte Problem, sondern dass die Bundesregierung wohl die Strategie ihrer Vorgänger verfolgen wird: Sie entscheidet einfach gar nichts. Was natürlich der schlechteste Weg ist. Hier lesen Sie, für wen sich eine PKV überhaupt noch lohnt.

3. Er ist einer der prominentesten Unternehmer Deutschlands – und er hat große Pläne: United-Internet-Chef Ralph Dommermuth wollte Deutschlands modernstes 5G-Mobilfunknetz bauen. Doch von den bis Ende 2022 geplanten 1000 Antennen sind erst fünf in Betrieb. Nun hat er richtig Ärger mit der Bundesnetzagentur. Im Handelsblatt-Interview geht Dommermuth deshalb in die Offensive. Schuld an seiner Misere seien seine Geschäftspartner, Vodafone und die Tochterfirma Vantage Towers, zuständig für den Funkmastbetrieb. Und er macht auch einen Vorschlag, der seine Wettbewerber gehörig auf die Palme bringt: Dommermuth will die schnellen 5G-Netze von Deutscher Telekom, Vodafone und Telefónica mitnutzen. Dafür habe er bei der Bundesnetzagentur Zugang zum sogenannten nationalen Roaming beantragt.

Ralph Dommermuth, 11.05.2022, Düsseldorf

Foto: Michael Englert für Handelsblatt

4. Zwei bemerkenswerte Meldungen kamen diese Woche aus Düsseldorf: Der Autozulieferer und Rüstungskonzern Rheinmetall steigt ins boomende Geschäft mit Wärmepumpen ein und will künftig Verdichter liefern, ohne die keines der Geräte Wärme erzeugen kann. Einer der ersten Kunden, so erfuhren meine Kollegen: Viessmann. Und dann recherchierte unser Unternehmensressort noch einen heiklen Deal des Dax-Konzerns: Rheinmetall wird mit einem Joint-Venture-Partner künftig in der Ukraine gepanzerte Fahrzeuge warten und reparieren. Parallel, so recherchierten sie, bereiten die Düsseldorfer dort auch den Bau von Panzern vor.

5. Es ist ein altbekanntes Ritual, die USA stehen wieder einmal vor der Zahlungsunfähigkeit. Der Streit zwischen Republikanern und Demokraten zieht sich gefährlich in die Länge. Und die Debatte richtet gehörig Schaden an. Denn die vielleicht wichtigste Voraussetzung für den Status des Dollars als Leitwährung lautet: Es dürfen niemals Zweifel an der Zahlungsfähigkeit aufkommen. Doch genau das passiert gerade. Und das hat Konsequenzen für das gesamte Weltfinanzsystem, wie unser großer Titel zum Wochenende zeigt. Aber das Problem ist größer. Denn der Dollar ist gleich von mehreren Seiten unter Druck. Die Autoren stellen daher die Frage: Ist der Dollar eine Weltwährung auf Abruf?

Zu den Angreifern gehören die Chinesen, die schon länger unabhängig werden wollen vom Dollar. Und dabei sind ihnen in den vergangenen Monaten durchaus einige Prestigeerfolge gelungen. „Es geht nicht darum, dass der Yuan die Rolle des Dollars übernimmt, es geht darum, ein bipolares Währungsregime zu schaffen, das das Privileg des Dollars beendet“, sagt der Ökonom Nouriel Roubini dem Handelsblatt. In den nächsten Jahrzehnten werde der Dollar seinen Glanz verlieren.

6. Über das Drama am Immobilienmarkt hatten wir schon öfter gesprochen an dieser Stelle. Unser Immobilienteam hat das Thema diese Woche aber von einer überraschenden Seite aus beleuchtet: Denn das 49-Euro-Ticket macht das Umland der Metropolen für den Hauskauf attraktiver. Wo lohnt sich der Umzug ins Grüne? Wer eine Stunde Pendelzeit in Kauf nimmt, kann rund um Frankfurt 38 Prozent sparen, im Umland von Düsseldorf 41 Prozent und in meiner Heimatstadt Hamburg sogar 44 Prozent. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass selbst in vielen Metropolen derzeit die Immobilienpreise sinken.

7. Erinnern Sie sich noch an die KI-Maschine Watson von IBM? 2011 löste der Tech-Konzern damit weltweit eine riesige Debatte über Künstliche Intelligenz aus, als Watson in der US-Quizshow Jeopardy antrat – und gegen menschliche Quiz-Rekordhalter gewann. Dann wurde der IBM-Computer als Heilsbringer sogar im Kampf gegen Krebs gehandelt. Heute ist davon keine Rede mehr. Die großen KI-Player heißen OpenAI, Microsoft und Google. Mein Kollege Felix Holtermann geht in einem höchst lesenswerten Stück der Frage nach, wie es dazu kommen konnte. Er hat das IBM-Entwicklungszentrum besucht, mit vielen Insidern gesprochen. Und das Ergebnis ist ein Report über verpasste Chancen und schlechtes Innovationsmanagement – und es enthält eine eindringliche Warnung an die Tech-Welt.

Foto: dpa

8. Die Zukunft findet derweil anderswo statt, wie Handelsblatt-Reporterinnen und -Reporter jede Woche zeigen. Dieses Mal in Essen, wo die Uniklinik intensiv den Einsatz von ChatGPT testet, wie Jürgen Klöckner schreibt: Der Sprachbot hilft in der Verwaltung, beim Verfassen von Datenschutzregeln oder Stellenausschreibungen. Bald soll der Bot auch Ärzten helfen, in der Notaufnahme zum Beispiel soll er in Patientenakten nach Krankheiten oder Allergien suchen – oder Protokoll führen, während sich Arzt und Patient unterhalten.

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9. Einerseits sind die plappernden Maschinen eine Erleichterung. Auf der anderen Seite sorgen sie für eine Flut von Unsinn. Und ich spreche hier gar nicht von Fake News. Auch die Unterhaltungsindustrie leidet darunter: gefälschte Rezensionen bei Amazon, automatisch generierte Buchmanuskripte und Roboter-Musik. Spotify musste Zehntausende Lieder wegen Verdachts auf Betrug löschen. Das Science-Fiction-Magazin Clarkesworld nimmt keine Manuskripte mehr an, weil es mit KI-geschriebenen Büchern überrannt wird.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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