Morning Briefing: Reise nach Irgendwo mit Christine Lagarde
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
als Reiseleiterin haben wir Christine Lagarde noch gar nicht gesehen. Nun gut, heute wird alles zur „Journey“, zum Beispiel die Zeit des Kunden vor dem Kauf eines Produkts. Sie ging als „Customer Journey“ in die Annalen der Marketingbranche ein.
Die Reise, die wir mit der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) antreten, dauert von der Zinserhöhung im Juli bis zu jenem Monat, an dem die Maßnahme wirkt und die Gruselinflation von 8,1 Prozent schwindet. „Wir sind auf einer Reise, und heute ist ein notwendiger Startpunkt. Aber es bleibt eine Reise“, hinterließ Lagarde im Logbuch. Viel Vertrauen bei dieser „Money Journey“ erzeugt sie nicht.
- Der schon seit längerem zu beobachtende Preisauftrieb ist von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane klein geredet worden. Unbeschreiblich, wie ein gestandener Ökonom aus der Kombination von Geldmengen-Aufblähung, Rohstoff-Inflation und Staatsausgabenprogrammen nicht die richtigen Schlüsse zieht.
- Der jetzt beschlossene Zinsanstieg von null auf 0,25 Prozent ist homöopathisch und eröffnet sofort Spekulationen auf den nächsten Schritt.
- Lagardes Ankündigung, die Inflation werde „nicht rasch sinken“, wirkt leicht defätistisch, ganz so, als ob eine Feuerwehrfrau entdeckt, dass die große Gießkanne doch nicht zum Löschen eines Zimmerbrandes taugt.
- Die per Ende Juni verkündete Einstellung von Anleihekäufen in Milliardenhöhe ist überfällig.
Die Folgen der Zinswende listen wir in sieben Punkten auf. Hausbauer werden mehr Geld für Kredite einplanen, Verbraucher weiter mit geleerten Portemonnaies kalkulieren und Aktienbesitzer wohl ein bisschen leiden müssen. Weitere Fragen zum Reiseverlauf beantwortet Tourspezialistin Lagarde mit der beruhigenden Aussicht: „Wir tun, was wir können.“
Beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 war der Republikaner Ryan Kelley eine Art Warm-Upper. Videoaufnahmen zeigen, wie er den Mob auf der Treppe vor dem Parlamentsgebäude anstachelte: „Kommt schon, lasst uns gehen! Das ist es! Das ist – das ist Krieg, Baby!“ Zeugen wollen ihn danach im Kapitol im schwarzen Mantel, mit Pilotenbrille und einer schwarzen Kappe gesehen haben, die ein rechteckiges US-Flaggenemblem zierte. Der Konservative ist ganz Fan seines Idols Donald Trump, der aktuell schwadroniert: „Der 6. Januar war nicht nur ein Protest, er stellte die größte Bewegung in der Geschichte unseres Landes dar, um Amerika wieder großartig zu machen.“
Heute ist Kelley Gouverneurskandidat in Michigan – und in Gewahrsam. Das FBI nahm ihn fest und durchsuchte sein Haus. Es geht um seinen Bewegungsfehler, um die Rädelsführerrolle vor dem Kapitol. Krieg, Baby, Krieg!
Nicht auszudenken, wenn ein deutscher Regierungschef auf die Idee käme, sich wie Karl der Große zu fühlen. In Russland jedoch rückt sich Präsident Wladimir Putin ganz offen in die Nähe von Zar Peter I., im Volksmund „Peter der Große“ genannt. Der Regent habe das Gebiet rund um St. Petersburg nicht von den Schweden erobert, sondern es vielmehr zurückgewonnen, verbreitet Putin und zieht einen Vergleich zu ukrainischen Städten wie Sjewjerodonezk oder Mariupol, die seine Armee dem Erdboden gleichmacht: „Offenbar ist es auch unser Los: Zurückzuholen und zu stärken.“
Gestern war der 350. Geburtstag des Zaren, aber trotz sämtlich erdenklicher Gräueltaten ist es doch unwahrscheinlich, dass sich im Jahr 2302 jemand an „Wladimir den Großen“ erinnern wird.
Die schönste Energiewende scheitert, wenn die hierfür benötigten Rohstoffe nicht verfügbar sind. Und so warnt Thierry Breton, Binnenmarkt-Kommissar der EU, vor einer „übermäßigen Abhängigkeit Europas von kritischen Materialien, die oft nur aus einem Land kommen“. Der Satz steht in Eckpunkten zu einem neuen Gesetz, das er im Herbst vorlegen will, und die meinen Kollegen in Brüssel vorliegen. Das Paragraphenwerk soll die Versorgung der EU mit Rohstoffen sichern. Das Land, das Breton mit seinem „Raw Materials Act“ meint, ist natürlich leicht zu erkennen: China.
Wer sich mit Innovation beschäftigt, stößt schnell auf den 2020 verstorbenen US-Ökonomen Clayton Christensen und das von ihm beschriebene Dilemma: Große, führende Unternehmen sind ganz mit ihrer Wunderbarkeit und Bürokratie beschäftigt und erkennen Angriffe von Newcomern oft zuletzt. Den Status quo und die Herausforderungen des Innovationsstandorts Deutschland analysiert unser Wochenendreport, garniert mit zehn Strategievorschlägen.
Ein paar unbequeme Wahrheiten wird Rafael Laguna de la Vera los. Von den 1880er- bis 1930er-Jahren hätten wir ganze Industrien erfunden und groß gemacht: Apotheke der Welt, Chemiefabrik der Welt, Autofabrik der Welt. „Da lebt es sich natürlich gemütlich“, ironisiert der Chef der Bundesagentur für Sprunginnovationen und fordert sogleich Hunderte Milliarden Euro, um wirklich unabhängig und digital zu werden. Sein Bonmot des Tages: „Auch Elon Musk wäre in Deutschland pleitegegangen.“
Mein Kulturtipp zum Wochenende: Das Buch „After The Fall“ von Ben Rhodes. Es ist eine schonungslose Analyse des Redenschreibers von Barack Obama, wie die USA vom Olymp globaler Wertschätzung fallen konnten. Wir lernen, dass dies mit Gefälligkeiten für den Finanzmarkt, George Bushs Antwort auf 9/11 sowie der totalen Naivität gegenüber der Strudelkraft von Social Media zu tun hat, die neue „robber barons“ reich gemacht hat. Es ist auch eine Geschichte darüber, dass den Demokraten ein Bobby Kennedy fehlt. Und wie die verrückte Welt für Rhodes wieder in Ordnung ist, wenn er mit Obama abkumpelt.
Und dann ist da noch Michel Platini, 66, als Spieler und Funktionär im Fußballwesen weltbekannt geworden, der offenbar genaue Vorstellungen über seinen pekuniären Wert hat. „Ich bin eine Million wert“, sagte Platini 1998 dem damaligen Weltfußballverbandschef Joseph Blatter, als er dessen Berater werden sollte. Zum Spaß habe der Franzose dann noch gesagt, „Peseten, Rubel oder Mark, das musst du entscheiden“. Dass es bei der Fifa wie im Westernsaloon zuging, erfuhr das Publikum nun beim Betrugsprozess in Bellinzona gegen die beiden Fußballgrößen.
Die Modalitäten rund um eine Beratersumme von zwei Millionen Schweizer Franken für Platini („geschuldete, verspätete Lohnzahlung“) sind genauso dubios wie die Umstände, unter denen die Sache ausgerechnet kurz vor der Kür Platinis zum Fifa-Chef herauskam. Fragt man, wie in solchen Fällen üblich, nach dem „Cui bono?“, könnte man nach flottem Kurzpassspiel auf den Mann kommen, der seither den Fußball verkauft: Gianni Infantino. Gefährlich für alle involvierten Sportfreunde ist, wenn Seneca Recht behält: „Treue, die durch Bestechung zustande kam, wird durch Bestechung aufgelöst.“
Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende, an dem Ihnen hoffentlich viele zeigen, was Sie wert sind.
Herzliche Grüße
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor