Morning Briefing: Schlimmer Verdacht: Vietnam womöglich keine Musterdemokratie?
Enttäuschte Liebe: Vietnam wird vom Westen umworben – und empfängt Putin
Liebe Leserinnen und Leser,
es klingt wie der Plot eines schlechten ZDF-Fernsehkrimis: Da hat die Heldin nach einer traumatischen Beziehung endlich einen neuen Partner gefunden – und dann offenbart der Schlag auf Schlag seine dunklen Seiten. Der Partner ist in diesem Fall Vietnam, das vor vier Jahren ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnete, und vom Westen auch sonst intensiv als geopolitische und ökonomische Alternative zu China umworben wird.
Gestern Abend empfing Vietnam ausgerechnet Wladimir Putin zu einem Staatsbesuch. Er wird dort nach russischen Angaben unter anderem Präsident To Lam treffen. Der 66-Jährige hat laut einem Urteil des Berliner Kammergerichts in seiner damaligen Funktion als Sicherheitsminister die Entführung eines in Ungnade gefallenen vietnamesischen Politikers aus dem Berliner Tiergarten im Jahr 2017 persönlich in Auftrag gegeben. Alles keine Verhaltensweisen, die wir uns von unserem neuen asiatischen Freund erhoffen.
Wir nähern uns dem dunklen Geheimnis: Handelt es sich bei Vietnam womöglich in Wahrheit um eine kommunistische Diktatur? Die Tatsache, dass Putin auf Einladung des Generalsekretärs der kommunistischen Partei Vietnams in Hanoi weilt, deutet zumindest darauf hin. Ebenso die Tatsache, dass Vietnam im Pressefreiheits-Ranking von „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 174 von 180 steht.
Über den Rücktritt von Malu Dreyer als Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz aus Gesundheitsgründen haben Sie gestern bestimmt schon viel gehört oder gelesen. Nur noch ein Gedanke dazu: Mit ihrer Amtszeit von gut elf Jahren mag Frau Dreyer im bundesweiten Vergleich ungewöhnlich lange regiert haben. In der Mainzer Staatskanzlei hingegen zählt sie damit gerade mal zum oberen Durchschnitt. Rheinland-Pfalz ist nämlich das Land der heimlichen Dauerregenten.
- Kurt Beck (SPD) regierte sagenhafte 19 Jahre.
- Bei Bernhard Vogel (CDU) waren es zwölf Jahre.
- Sein Parteifreund Peter Altmeier brachte es von 1947 bis 1969 sogar auf 22 Jahre.
Ich erkläre mir dieses Phänomen anhand der Rheinland-Pfälzerinnen und -Pfälzer in meinem Bekanntenkreis. Die wissen allesamt das Leben viel zu sehr zu genießen, als dass sie Lust hätten, sich durch hektische Rochaden in der Landespolitik davon ablenken zu lassen. Zum Wohl, die Pfalz!
Aber vielleicht haben Sie ja eine andere Erklärung für die hohe politische Kontinuität im tiefen Westen der Republik?
Noch weiter im Westen würde sich die Bundesregierung derzeit dringend mehr Kontinuität wünschen. Seit Emmanuel Macron nach der Niederlage seines Mitte-Bündnisses bei der Europawahl die Nationalversammlung aufgelöst hat, blickt man im politischen Berlin mit Sorge nach Frankrech: Was passiert, wenn der rechte Rassemblement National (RN) nach den bevorstehenden Neuwahlen plötzlich die Parlamentsmehrheit hat und an der französischen Regierung beteiligt wird?
Im Hintergrund berieten Ende vergangener Woche im Auswärtigen Amt Diplomaten bereits darüber, was auf Deutschland im Fall einer Regierungsbeteiligung des RN zukommen könnte. In einer Analyse der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik heißt es, man könne dem französischen Rechtsaußenlager „eine ausgeprägte Germanophobie“ attestieren. Eine Bestätigung für diese These lieferte RN-Chefin Marine Le Pen, als sie die gemeinsamen Rüstungsprojekte mit der Bundesrepublik infrage stellte: Es sei eine „Illusion“, dass sich Deutschland zugunsten einer europäischen Verteidigung von den USA lösen würde. Großbritannien sei im Zweifel der bessere Partner für Paris.
Der RN wirft Deutschland zudem vor, die EU als Machtinstrument für wirtschaftliche Interessen zu benutzen. Jordan Bardella, der im Fall eines Wahlsiegs als möglicher RN-Premierminister gehandelt wird, beschrieb europäische Handelsabkommen einmal so: Es gehe immer um den „Export deutscher Autos zum Nachteil der französischen Landwirtschaft“.
Ein interessanter Perspektivwechsel, den uns Bardella da anbietet. Schließlich wirkt es von Deutschland aus betrachtet bisweilen so, als gehe es bei EU-Handelsabkommen immer zuerst um die Interessen der französischen Landwirte.
Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einer Geldanlage in Frankreich? Der dortige Zugbauer Alstom hat im Mai eine Anleihe über 750 Millionen Euro ausgegeben, die mehr als zehnfach überzeichnet war. Für das große Interesse gibt es einen guten Grund: Der Bond lockt mit jährlichen Zinszahlungen von 5,868 Prozent. So viel Rendite bieten sonst eigentlich nur Unternehmen mit schwacher Bonität, deren Anleihen auch als Junkbonds bezeichnet werden. Die Kreditwürdigkeit von Alstom gilt hingegen als ordentlich.
Für die hohe Rendite gibt es einen anderen Grund: Das Zinspapier ist eine nachrangige, sogenannte hybride Anleihe. Die speziellen Zinspapiere sind komplexer und riskanter als normale Firmenbonds. Deshalb bieten hybride Anleihen im Schnitt eine Rendite von sechs Prozent. Das sind um die zwei Prozentpunkte mehr als bei herkömmlichen Anleihen. Außerdem liegt die Rendite im Schnitt nur einen halben Prozentpunkt unter der von Junkbonds.
Die Laufzeit ist bei Hybridanleihen formal oft unendlich, die Zinszahlungen können bei Liquiditätsengpässen ausgesetzt werden, und wenn ein Unternehmen pleitegeht, werden die Besitzer der hybriden Anleihen erst nach allen anderen Gläubigern bedient. Laut Handelsblatt-Anleiheexpertin Andrea Cünnen sind die Risiken aber überschaubar: Die allermeisten dieser Anleihen würden nach fünf oder zehn Jahren getilgt. „Auch die Zinszahlungen fallen nur sehr selten aus und müssen zudem gemäß den Anleihebedingungen nachgeholt werden“, meint Cünnen. Außerdem sei die Pleitegefahr zumindest bei Unternehmen mit guter bis ordentlicher Bonität gering.
Der direkte Kauf von hybriden Anleihen ist institutionellen Investoren vorbehalten. Privatanlegerinnen und -anleger können aber über Fonds in diese spezielle Anlageklasse investieren. Unsere Tabelle zeigt eine Auswahl.
Oder Sie steigen noch schnell in die Spekulation mit einem Rohstoff ein, der normalerweise ein Schattendasein fristet: Mangan. Die Preise haben sich seit Januar fast verdoppelt. Rund 90 Prozent des abgebauten Mangans werden als Legierungsbestandteil von Stahl eingesetzt.
Grund für die Preissteigerungen ist ein Zyklon im Norden Australiens, der im März Hafen- und Transportanlagen verwüstete. Daher musste die zweitgrößte Manganmine der Welt, die Groote Eylandt Mining (Gemco), ihre Produktion stoppen. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge werden die Lieferungen voraussichtlich bis 2025 ausgesetzt bleiben. Durch den Ausfall der Mine verliere der Mangan-Markt zwölf Prozent seines weltweiten Angebots, schreibt der Finanzdienstleister S&P Global in einer Analyse.
Im Abendspiel der Fußball-Europameisterschaft trennten sich die Schweiz und Schottland 1:1. Die Schweiz verpasste damit den vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale. Die Entscheidung fällt nun am Sonntag gegen Deutschland.
Dass Deutschland zuvor Ungarn mit 2:0 geschlagen und sich damit bereits vor dem letzten Gruppenspiel fürs Achtelfinale qualifiziert hat, erwähne ich hier gar nicht erst. Entweder, Sie haben es schon mitbekommen, oder Sie interessieren sich ohnehin nicht für Fußball.
Aber vielleicht für Mode? Hingucker beim gestrigen Spiel waren eindeutig die erstmals eingesetzten rosa Auswärtstrikots der deutschen Nationalmannschaft. Mein persönlicher Eindruck: sehr kleidsam. Man muss nur erst die Assoziation überwinden, dass hier die Werksmannschaft der Deutschen Telekom aufläuft.
Ich wünsche Ihnen einen farbenfrohen Tag,
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens