Stillstand: Horrorwoche für Volkswagen
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
für Volkswagen verläuft die Woche bislang eher auf Lupo-Niveau. Die Unbill begann am Dienstag in Wolfsburg mit einer Razzia wegen angeblich überhöhter Betriebsratsgehälter. Nach Informationen des Handelsblatts sollen für mehrere Stunden Vorstandsbüros sowie Räume des Betriebsrats und der Rechtsabteilung durchsucht worden sein.
„Hintergrund sind Gehaltszahlungen an Betriebsratsmitglieder unter Verstoß gegen das Begünstigungsverbot des Betriebsverfassungsgesetzes“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig auf Anfrage.
Untersuchungen wegen angeblich überhöhter Betriebsratsvergütungen bei Volkswagen laufen schon lange. Wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfuhr, lag der Fokus der Durchsuchungen vorgestern auf der bis 2019 üblichen Vergütungspraxis.
Am Mittwochmittag dann legte eine IT-Störung weite Teile des Volkswagen-Konzerns lahm. Bei der Marke VW in Deutschland stünden die Bänder komplett still, sagte ein Sprecher des Autobauers. Nach aktuellem Stand der Analysen sei ein Angriff von außen als Grund der Systemstörung unwahrscheinlich.
Laut Handelsblatt-Informationen ist das Problem nicht allein auf Deutschland beschränkt. Demnach sind Standorte weltweit und auch die Fabriken anderer Konzernmarken betroffen, darunter Audi. Letzteres bestätigte eine Audi-Sprecherin inzwischen.
Und dann kämpft Volkswagen auch noch mit Absatzproblemen auf dem US-Markt. Wie vier Insider dem Handelsblatt übereinstimmend berichteten, fehlen Eisenbahnwaggons für den Abtransport bereits produzierter Fahrzeuge aus dem mexikanischen VW-Werk in Puebla. Die fertigen Autos stauen sich und können nicht an die Händler vor allem in den USA ausgeliefert werden.
Volkswagen arbeitet zwar daran, das Problem zu beheben. Dennoch befürchten Unternehmensinsider, dass der Konzern seine Jahresziele in der Region nicht erfüllen kann. Die höheren Transportkosten auf Alternativrouten belasteten zudem die Profitabilität.
Eigentlich sollte 2023 das Jahr sein, in dem Volkswagen in Nordamerika nach dem Dieselskandal mal wieder so richtig durchstartet. Bis 2030 soll sich in der Region der Marktanteil des Konzerns auf zehn Prozent fast verdreifachen. Das Ziel wirkt nun noch ein bisschen ambitionierter als bisher.
Volle Ampulle in Frankfurt: Der Mainzer Glaskonzern Schott feiert heute den Börsenstart seiner Medikamentenverpackungs-Sparte Schott Pharma. Die Aktien wurden am Mittwoch zu 27 Euro zugeteilt und damit in der oberen Hälfte der Preisspanne, die von 24,50 bis 28,50 Euro reichte. Schott bringt 23 Prozent der Anteile von Schott Pharma an die Börse und der Mutterkonzern kann mit Erlösen in Höhe von gut 930 Millionen Euro rechnen. Es ist der bislang größte deutsche Börsengang des Jahres.
Rund zweieinhalb Jahre nach seiner Inhaftierung sind die Haftbedingungen von Russlands bekanntestem Oppositionspolitiker Alexej Nawalny drastisch verschärft worden. Die Straflagerleitung habe ihm mitgeteilt, dass er für ein ganzes Jahr in eine Isolationszelle gesteckt werde, ließ Nawalny am Mittwoch über sein Team in sozialen Netzwerken ausrichten.
Erst am Dienstag hatte ein russisches Berufungsgericht die Verurteilung Nawalnys zu insgesamt 19 Jahren Haft wegen „Extremismus“ bestätigt. Der prominente Kritiker von Präsident Wladimir Putin befindet sich in einem Straflager rund 260 Kilometer von Moskau entfernt.
Es merzt mal wieder in der deutschen Politik: „Die werden doch wahnsinnig, die Leute, wenn die sehen, dass 300.000 Asylbewerber abgelehnt sind, nicht ausreisen, die vollen Leistungen bekommen, die volle Heilfürsorge bekommen“, sagte CDU-Vorsitzender Friedrich Merz im Fernsehsender Welt. „Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.“
CDU-Chef Friedrich Merz hat sich bei "Welt" zur Asypolitik geäußert.
Foto: IMAGO/Bernd ElmenthalerKaum jemand dürfte bestreiten, dass frustrierend wenige ausreisepflichtige Asylbewerber die Bundesrepublik auch tatsächlich verlassen. Ihr Anspruch auf medizinische Versorgung beschränkt sich laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge allerdings auf „Leistungen zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände.“
Entweder hat der Vorsitzende einer christlichen Partei ein Problem damit, dass ein Flüchtling mit akuten Zahnschmerzen auf Staatskosten eine Plombe erhält. Oder Merz wollte mal wieder besonders volksnah wirken und hat sich dabei verheddert: Vielleicht wollte er darauf hinweisen, dass Flüchtlinge auch durch die Aussicht auf Sozialleistungen nach Deutschland gelockt werden – und hat mit dem „die Zähne neu machen“ ein schiefes und lückenhaftes Beispiel gewählt.
Etwa so erfreulich wie eine Wurzelbehandlung ist aus Steuerzahlersicht der aktuelle Streit über die Aufarbeitung des Cum-Ex-Skandals in Nordrhein-Westfalen. Nach Informationen des Handelsblatts wehrt sich die Chefermittlerin Anne Brorhilker in einem Brief gegen ihren obersten Dienstherrn, Justizminister Benjamin Limbach (Grüne). Der möchte ihr die Hälfte der Staatsanwälte wegnehmen, mit denen Brorhilker eigentlich den größten Steuerskandal Deutschlands aufklären wollte.
Limbach stellte am Mittwoch klar, dass er die geplante Aufteilung der Abteilung unterstütze. Auf diese Weise könne „die komplexe Materie noch zügiger“ bearbeitet werden. Es gebe in Brorhilkers Abteilung Mängel in Verwaltung und Organisation.
Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker geht den NRW-Justizminister stark an und bezichtigt ihn der Lüge.
Foto: dpaFaktisch wird Brorhilker durch die Maßnahme entmachtet. Dabei ist ihre Dienststelle, die Staatsanwaltschaft Köln, die erfolgreichste Behörde im Kampf gegen Steuerhinterziehung. Der Staat hat auf Grundlage von Brorhilkers Ermittlungen schon Hunderte Millionen Euro von Steuerhinterziehern zurückgeholt.
Wegweisende Infrastrukturprojekte, die sich empfindlich verzögern, weil sich angeblich seltene Tierarten auf dem Areal tummeln – das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson darf in seinem denkmalgeschützten Herrenhaus Brightwell Manor nun endlich einen geplanten Swimming Pool bauen. Die BBC meldete gestern: Der South Oxfordshire District Council habe die Bauarbeiten unter Auflagen genehmigt – trotz Einwänden eines Experten, das Projekt könne womöglich den heimischen Nördlichen Kammmolch gefährden.
Johnson hatte sich daraufhin in der Zeitung „Daily Mail“ zu Wort gemeldet: „Sollte sich herausstellen, dass sich unser Garten so glücklich schätzen darf, das Zuhause von Molchen zu sein, will ich Sie wissen lassen, dass ich alles tun werde, um sie zu beschützen.“
Zweifelhaft erscheint allerdings, ob sich eine Tierart namens Kammmolch jemals in der Nähe von Johnsons Strubbelfrisur wohl fühlen wird.
Ich wünsche Ihnen einen gutgescheitelten Tag.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
