Morning Briefing: Was der Wirtschafts-Nobelpreis über die deutsche Misere verrät
Nobelpreis: Auszeichnung für Schumpeters Erben
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Wir wissen nicht, ob die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie an Deutschland dachte, als sie den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaft gestern an Joel Mokyr, Peter Howitt und Philippe Aghion vergab. Fest steht aber: Selten gab es Ökonomie-Nobelpreisträger, deren Forschung so viele Erkenntnisse über die derzeitige Situation in Deutschland bereithält.
Alle drei ausgezeichneten Forscher beschäftigen sich damit, unter welchen Voraussetzungen erfolgreiche Innovationen für Fortschritt sorgen. Insbesondere Howitt und Aghion knüpfen dabei an das berühmte Konzept der „Schöpferischen Zerstörung“ von Joseph Schumpeter an. Sie zeigen, dass die großen globalen Fortschritte nicht durch die Verfeinerung bestehender Technologien ausgelöst werden, sondern durche Sprunginnovationen, die bisherige Prozesse vollständig ablösen – und Unternehmen, die aufs Althergebrachte setzen, vom Markt verdrängen.
Warum das für Deutschland relevant ist? Weil sich der ausgeprägte bundesdeutsche Wunsch nach gesellschaftlicher Stabilität nur schwer verträgt mit dem Zulassen von schöpferischer Zerstörung. Stattdessen geben sich die Bundesbürger (sofern sie überhaupt über solche Fragen nachdenken) gerne dem Glauben hin, dass sich Fortschritt auch durch die immer weitere Verbesserung bestehender Produkte und Prozesse erreichen lässt, durch sogenannte inkrementelle Innovation. Doch die reicht laut Howitt und Aghion auf Dauer nicht aus.
Vieles von dem, was wir uns in Deutschland an Bürokratie und Subventionen leisten, schützt bestehende Strukturen vor schöpferischer Zerstörung. Junge Unternehmen haben es schwer, die vielen Regeln einzuhalten, die etablierte Unternehmen längst verinnerlicht haben – sei es bei Arbeitsrecht, Genehmigungsverfahren oder Zugang zu Kapital. Subventionen wiederum sind fast immer darauf ausgelegt, bestehende Unternehmen und Branchen zu erhalten, hinter denen mächtige Wähler- oder Interessengruppen stehen. So ziemlich jeder Autogipfel im Kanzleramt ist ein Beleg dafür.
Gutachten gegen Industriestrompreis
Zu dieser Erkenntnis passt die Debatte über einen subventionierten Industriestrompreis für energieintensive Betriebe. Deutschland liegt im europäischen Vergleich der Preise für industrielle Abnehmer beim Strom im Mittelfeld, beim Gas im oberen Drittel. Vor allem aber hat sich der Preisabstand zu den USA und Kanada in den vergangenen Jahren deutlich vergrößert, wie unsere Grafik zeigt.
Ein Wettbewerbsnachteil mit Folgen: Die Produktion energieintensiver Branchen in Deutschland lag laut einem Gutachten des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Frühjahr 2025 fast 20 Prozent unter dem Wert von 2022. Somit komme es „zum dauerhaften Verlust hochproduktiver Arbeitsplätze in der deutschen Industrie“. Erstellt wurde das Gutachten im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen.
Das Ziel der neuen Bundesregierung, den Strompreis zu senken, bewerte man zwar „grundsätzlich als richtig“, schreiben die Autoren. Allerdings appellieren sie an die Regierung, auf Strom-Subventionen zu verzichten. Die seien „weder energiepolitisch zielführend noch finanzpolitisch nachhaltig“. Das ZEW empfiehlt, stattdessen die Stromnetze zügig auszubauen und so die Stromkosten zu senken.
Hintergrund: Weil der Ausbau der Netze zu langsam fortschreitet, kann billiger Windstrom oft nicht in ausreichender Menge vom Norden in den Süden gelangen. Dort müssen deshalb teure fossile Kraftwerke laufen.
Sammelklage gegen Microsoft
Microsoft wird in einer US-Klage vorgeworfen, über eine geheime Vereinbarung mit dem ChatGPT-Entwickler OpenAI die Preise für Künstliche Intelligenz (KI) illegal in die Höhe getrieben zu haben. In der am Montag bei einem Bundesgericht in San Francisco eingereichten Sammelklage wird der Konzern beschuldigt, durch einen exklusiven Cloud-Computing-Vertrag das Angebot an Rechenressourcen zum Betrieb von ChatGPT eingeschränkt zu haben. Dies verstoße gegen das US-Kartellrecht. Die Kläger fordern Schadenersatz für mutmaßlich überhöhte Preise seit der Einführung von ChatGPT im November 2022. OpenAI selbst zählt nicht zu den Beklagten.
Selenskyj reist nach Washington
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Medienberichte über ein anstehendes Treffen mit seinem US-Kollegen Donald Trump in Washington bestätigt. Selenskyj nannte den kommenden Freitag als Besuchstermin. Gegenstand der Gespräche sei unter anderem die Lieferung weitreichender Waffen an die Ukraine, sagte der Präsident.
Ganz oben auf Kiews Wunschliste steht die Lieferung von Marschflugkörpern des Typs Tomahawk mit rund 2.500 Kilometern Reichweite. Finanziert werden könnten die Waffen durch Nato-Partner oder die in der EU eingefrorenen russischen Gelder.
Alles Aktuelle dazu in unserem Ukraine-Blog.
Prien über deutsches Familienbild
Zu den interessanten biographischen Details von Bundesbildungsministerin Karin Prien gehört, dass sie nicht als Deutsche zur Welt kam, sondern als Niederländerin. Prien wurde 1965 in Amsterdam geboren. Dorthin waren ihre Vorfahren jüdischer Herkunft geflohen, ihre Eltern lernten sich dort kennen. Erst als sie in den Staatsdienst trat, nahm Prien die deutsche Staatsangehörigkeit an.
Politisch relevant wird Priens Biographie im Interview mit meinen Kolleginnen Leila Al-Serori und Heike Anger bei der Frage, warum in Westdeutschland noch immer das „Zuverdienermodell“ dominiert. Also die Kombination aus Vater, der in Vollzeit arbeitet, und Mutter in Teilzeit. „Es ist sicherlich ein Stück weit kulturell bedingt“, sagt Prien dazu:
Als Prien 1965 in den Niederlanden geboren wurde, habe es dort damals schon „Kindertageseinrichtungen für Null- bis Dreijährige“ gegeben, sagt sie. „Und Freundinnen meiner Mutter haben Jobsharing in Führungspositionen gemacht. Es zeigte sich von vornherein eine andere Haltung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“
Fußball beim Friedensgipfel
Die Vereinbarung zwischen Israel und der islamistischen Hamas über eine Waffenruhe im Gazastreifen ist gestern von den Vermittlerstaaten formell besiegelt worden. Die Staatschefs der USA, Ägyptens, Katars und der Türkei unterzeichneten im ägyptischen Scharm El-Scheich eine gemeinsame Erklärung, die das Ende des Kriegs im Gazastreifen markieren soll.
Dass dabei noch viele Fragen offen sind, dürfte sich herumgesprochen haben. Unter anderem diese: Was machte FIFA-Präsident Gianni Infantino bei dem Treffen? Die ägyptische Zeitung „Al-Masri al-Jom“ bezeichnete den Chef des Weltfußballverbands als „seltsamsten“ Gast des Gipfels, an dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz teilnahm.
Keine Bestätigung gibt es für die Vermutung, dass Infantino in der Technokraten-Regierung, die künftig den Gazastreifen verwalten soll, für das Amt des Anti-Korruptionsbeauftragten vorgesehen ist.
Hier unser Liveblog zum Thema Nahost.
Ich wünsche Ihnen einen Dienstag voller Spielfreude.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens