Pulse-Newsletter: Von Mördern, Egoisten und Helden – oder von Unternehmern
Düsseldorf. Liebe Leserinnen und Leser,
schön, dass Sie bei der neuen Ausgabe von „pulse“ dabei sind!
Am „Tatort“ scheiden sich die Geister, so mein Eindruck. Es gibt die Fans, die sonntags, wenn Fadenkreuz und Augenpaar über den Bildschirm flackern und die Titelmelodie von Deutschlands wohl (un-)bekanntestem Komponisten Klaus Doldinger erklingt, pünktlich vor dem Fernseher sitzen. Und es gibt die Hasser, die bei eben jenen Klängen die Flucht ergreifen und ihre Rundfunkgebühren für die Krimi-Kammerspiele verprasst sehen.
Ich habe ja die Theorie, aus eigener Erfahrung und Beobachtung im Freundeskreis, dass es sich bei der eigenen Reaktion auf den „Tatort“ um frühkindliche Prägung handelt. Wenn die Eltern, wie in meinem Fall, schon immer „Tatort“ geguckt haben, dann guckt man später auch. Es sei denn man hat einen „Tatort“-Hasser als Mann und möchte die Sonntagabende trotzdem gemeinsam verbringen.
Ich weiß nicht, zu welcher Kategorie Christoph Ahlhaus gehört. Ich würde vermuten, der Vorsitzende des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft ist ein „Tatort“-Fan. Warum sonst würde er auf die Idee kommen, eine Täteranalyse in allen Folgen von 2018 bis heute in Auftrag zu geben?
Er musste allerdings schon einen bösen Verdacht gehabt haben, denn rauskam: Am häufigsten morden Unternehmer, Manager und Selbständige. Und zwar mit deutlichem Abstand vor Berufskriminellen (!), Polizisten und Ehepartnern.
„Im Tatort“, das sagt Ahlhaus im Interview mit der „Zeit“, würde „ein Zerrbild von Unternehmern gezeichnet, in dem Korruption, Egoismus, Geldgier und die permanente Suche nach dem eigenen Vorteil dominieren“. Leider hat das Image von Unternehmern nicht nur im „Tatort“ gelitten, wie das Berufsgruppen-Ranking des Beamtenbundes zeigt: Zum Start der Erhebung 2007 bescheinigten noch 61 Prozent der Befragten Unternehmern ein sehr hohes oder hohes Ansehen, 2023 waren es nur noch 40 Prozent.
Doch Verbandschef Ahlhaus sieht nicht erst beim „Tatort“, der meist ja FSK 12 ist, eine Bedrohung des Images von Unternehmern. Es fange schon bei Bibi Blocksberg an, klagte er vor kurzem. Der meist dicke Bürgermeister schaue weg, wenn ein mittelständischer Unternehmer den See verseucht. Und Bibi Blocksberg bringe am Ende mit Hilfe ihres Zauberbesens den Bösewicht hinter Schloss und Riegel.
Auch wenn der CDU-Politiker bei der kreativen Ehrenrettung sicher keine Unterstützung braucht: Für mich sind die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland, von der 22-jährigen Mona Ghazi bis zum vier Mal so alten Reinhold Würth, durchaus so etwas wie Helden, denn sie haben verdammt viel Mut. Mut, der vielen fehlt.
Was ich damit meine? Mittlerweile schreibt sich fast jede Firma in Deutschland „unternehmerisches Handeln“ in die Kultur-Leitlinien.
Aber wie weit ist es damit her, wenn ich im Ernstfall meinen Job los bin (und wahrscheinlich schnell einen neuen finde), nicht aber mein eigenes Geld? Wenn ich im Zweifel nur meinen Bonus riskiere, nicht aber mein Gehalt – und das Gehalt anderer? Wenn ich allenfalls einen Auftrag verliere, nicht aber meine Existenz?
Natürlich haben Unternehmerinnen und Unternehmer mehr Freiheiten und Privilegien – die sind aber in der Regel auch hart erarbeitet und alles andere als gesichert. Insofern würde ich sie gerne im Ansehen Deutschlands mit einem „Hex-hex!“ ein paar Plätze nach oben katapultieren, auch wenn sie oft morden und Seen verseuchen.
Und, vielleicht ein kleiner Trost für die Unternehmerinnen und Unternehmer unter Ihnen: Meine Profession, der Journalist/die Journalistin, landet im Berufsgruppen-Ranking noch weiter unten auf Platz 24 von 31 – sogar hinter Steuerberatern und Beamten.
Ich wünsche Ihnen frohe Ostern und freue mich, wenn ich Sie in zwei Wochen wieder begrüßen darf!
Herzliche Grüße
Ihre
Kirsten Ludowig
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