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Ausbildungsmarkt Das Azubi-Drama: Womöglich 50.000 weniger Lehrstellen wegen Corona  

Viele Unternehmen zögern, neue Azubis unter Vertrag zu nehmen. Damit könnte dem Corona-Lockdown in zwei Jahren ein „Lockdown wegen Fachkräftemangel“ folgen.
26.07.2020 - 16:21 Uhr Kommentieren
Schon heute fehlen vor allem im gewerblich-technischen Bereich weit mehr beruflich ausgebildete Fachkräfte als Akademiker. Das gilt besonders im Mint-Bereich. Quelle: imago images/Rupert Oberhäuser
Industrieelektrikerin montiert einen Schaltkreis

Schon heute fehlen vor allem im gewerblich-technischen Bereich weit mehr beruflich ausgebildete Fachkräfte als Akademiker. Das gilt besonders im Mint-Bereich.

(Foto: imago images/Rupert Oberhäuser)

Berlin Offiziell beginnt das neue Ausbildungsjahr am 1. August. Doch das Jahr 2020 wird anders: Der Start der neuen Azubis wird sich wohl um zwei Monate nach hinten verschieben. Denn viele Unternehmen zögern, neue Lehrlinge einzustellen, berichtet der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Friedrich Hubert Esser. „Es wäre jedoch fatal, wenn unterm Strich deutlich weniger neue Ausbildungsverträge geschlossen werden – denn das bedroht mittelfristig die Versorgung der Wirtschaft mit Fachkräften“, sagte er dem Handelsblatt. 

„Wir müssen unbedingt verhindern, dass dem Corona-Lockdown demnächst ein Lockdown durch Fachkräftemangel folgt“, warnt Esser. Diese Gefahr sei „in den letzten Wochen eher noch gewachsen, denn es gibt mittlerweile auch Annahmen, dass sich die Wirtschaft in Deutschland nach Corona nicht V-förmig, sondern eher U-förmig erholen wird – die Erholungsphase also später einsetzen und länger andauern könnte“. 

Das BIBB fürchtet, dass das Ausbildungsplatzangebot um bis zu 50.000 Plätze sinken könnte. Im Handwerk wurden bis Ende Juni fast 17 Prozent weniger Verträge geschlossen; schon im April gab jeder vierte Handwerker an, weniger ausbilden zu wollen. „Das wäre ein gewaltiger Einbruch“, so Esser. 

Eine Umfrage des DIHK ergab, dass die Betriebe in Industrie und Handel womöglich sieben Prozent weniger Plätze anbieten, in der Gastronomie sogar 30 Prozent. Die Zahl der bereits unterschriebenen neuen Verträge lag zuletzt 20 Prozent unterm Vorjahr. 

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    All das sind aktuell noch Momentaufnahmen. Nicht nur Unternehmen warten ab, auch die Schulabgänger sind verunsichert. In den Schulen fand Corona-bedingt kaum Berufsorientierung statt, Ausbildungsmessen und Schnupperpraktika fielen weg, analoges Kennenlernen war lange schlicht nicht möglich. 

    Ob die Ausbildungszuschüsse für Betriebe mit bis zu 259 Mitarbeitern, die Ende Juni wegen Corona beschlossen wurden, einen großen Effekt haben werden, ist unsicher. Unternehmen, die Lehrstellen erhalten oder gar zusätzliche anbieten, bekommen demnach 2.000 beziehungsweise 3.000 Euro, wenn sie ökonomisch von der Krise betroffen sind. 

    Betriebe brauchen weitere Entlastungen bei Ausbildungskosten

    Diese Prämien könnten zusätzlich motivieren, meint DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben, dafür müsse der Bund aber Tempo machen. Denn „die Details des Antragsverfahrens stehen noch immer nicht fest. Ich erwarte ein schnelles, effizientes und unbürokratisches Verfahren für die Unternehmen.“

    Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer lobt die Prämien zwar als „erstes wichtiges Signal“, aber „gerade in der aktuellen Krisensituation muss Fachkräftesicherung auch wieder langfristig und nicht nur punktuell angegangen werden“, fordert er. Dazu seien vor allem die „umfassende Modernisierung der beruflichen Bildungsinfrastruktur, ein kräftiger Digitalisierungsschub in der beruflichen Bildung und auch in der Berufsorientierung notwendig“.

    Das ist noch nicht alles: Damit die Betriebe wieder mehr ausbilden könnten, „braucht es weitere Entlastungen, etwa bei den Sozialabgaben, die sie im Zusammenhang mit Ausbildung tragen müssen“. 
    Fürs Erste jedoch wird sich dieses Jahr der Trend zur Akademisierung wieder verstärken, ist Esser überzeugt. „Aus Angst vor Unternehmenspleiten werden viele Schulabgänger mit Abitur – und vor allem ihre Eltern – den vermeintlich sichereren Weg einer schulischen beziehungsweise hochschulischen Ausbildung vorziehen.“

    Das jedoch „würde einen Teil der Wiederbelebung der dualen Ausbildung, den wir zuletzt erreicht hatten, zunichtemachen“, warnt der BIBB-Präsident. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte mit diversen Aktionen versucht, die Lehre zu stärken – bis hin zu den neuen Azubi-Mindestlöhnen, die ab Herbst gelten. 

    Geht das Interesse an der Berufsausbildung jedoch wieder zurück, würde das auch das Missverhältnis weiter verschärfen: Denn schon heute fehlen vor allem im gewerblich-technischen Bereich weit mehr beruflich ausgebildete Fachkräfte als Akademiker. Das gilt besonders im Mint-Bereich. 

    Unternehmen müssen auch personell vorsorgen

    „Natürlich will ein Betrieb, dem das Wasser bis zum Hals steht, keinen neuen Auszubildenden einstellen. Aber wir müssen den Unternehmen begreiflich machen, dass sie jetzt personell vorsorgen müssen“, appelliert Esser. Es gehe nicht nur um die Versorgung der jungen Leute, für die schon der Bundespräsident mit den Sozialpartnern vehement geworben hatte, „es geht um die Fachkräftesicherung von morgen, die sie aus Eigeninteresse nicht vernachlässigen dürfen“. Man müsse daher dafür werben, dass eine Ausbildung auch im Herbst und Winter noch starten könne, da dies sogar in manchen Betrieben unbekannt sei.

    Wenn sich Ende September zeige, dass der Einbruch massiv ist, „müsste die Politik erneut gegensteuern und die Anreize für eine duale Ausbildung noch einmal verstärken: Dann wäre es eventuell hilfreich, wenn der Bund Konjunkturhilfen und Steuernachlässe auch an eine gewisse Ausbildungsleistung koppeln würde“, empfiehlt Esser. 

    Die Kammern, Innungen und Kreishandwerkerschaften sieht er in der Pflicht, vor Ort viel mehr Ausbildungsverbünde zu organisieren. Denn die Ausbildungsprämie allein reicht für viele kleinere Betriebe sicherlich häufig nicht. Wenn sie sich zusätzlich auf ein Netzwerk stützen könnten, würden sie sich vielleicht eher zutrauen, mehr Auszubildende einzustellen. 

    Besonders groß sei dieses Jahr die Gefahr, durchs Raster zu fallen, für die schwächeren Schulabgänger, fürchtet der BIBB-Präsident. „In der Folge dürfte der sogenannte Übergangsbereich wieder deutlich anwachsen.“ Deshalb müsse man hier wieder verstärkt für Einstiegsqualifizierungen und Ausweichmöglichkeiten in überbetriebliche Ausbildungen werben. Der Übergangsbereich konnte seit 2016 von mehr als 300.000 auf zuletzt 255.000 Teilnehmern zurückgebaut werden. 

    Bei den Großbetrieben erwartet der BIBB-Präsident 2020 noch keinen großen Rückgang, denn sie schließen die Verträge sehr früh, also vor Corona. „Ich habe aber die große Sorge, dass auch sie zeitverzögert 2021 ihr Ausbildungsengagement zurückfahren – je nachdem wie sich die Weltwirtschaft entwickelt.“

    Mehr: Viele Ausbildungsstellen fallen durch die Schäden der Coronakrise in diesem Jahr weg. Nichtsdestotrotz gibt es weiterhin unbesetzte Lehrstellen.

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