Benachteiligungen im Schulsystem: Jung, männlich, Bildungsverlierer?
2,3 Prozent aller deutschen Schüler müssen in einer Ehrenrunde Schulstoff nachholen.
Foto: dpaDüsseldorf. Man sieht es schon auf dem Pausenhof in dieser Kleinstadt irgendwo in Deutschland: Es sind vor allem Jungs, die hier über den Beton flitzen, Fußball spielen, faulenzen oder frühstücken. Sie lernen an einer jener Schulen, die alle Abschlüsse anbieten – vom Hauptschulzeugnis bis zum Abitur. Es gibt auch ein Gymnasium, berichtet ein Lehrer. Dort sei das Geschlechterverhältnis genau umgekehrt. Ähnliches hat er auch anderswo in der Region beobachtet. „Die Jungen heute sind definitiv die Bildungsverlierer“, sagt er.
Bildungsforscher konstatieren das für ganz Deutschland. Galt vor Jahrzehnten das katholische Arbeitermädchen vom Lande als Inbegriff für jene, die das deutsche Bildungssystem zurücklässt, so sind es nun die Jungen. Jeder fünfte schafft höchstens einen Hauptschulabschluss, bei den Mädchen sind es nur 14 Prozent. Die Hälfte der Mädchen, die 1992 geboren wurden, machte das Abitur, bei den Jungen waren es nur 41 Prozent.
In den Abiturprüfungen zeigt sich, dass das weibliche Geschlecht auch den besseren Schnitt erreicht. Die Folge? In Medizin, einem Fach, für das es ohne eine 1,0 im Abi mehr als eng wird, sind über zwei Drittel der Erstsemester Frauen.
Die besseren Noten, darauf weisen Bildungsforscher wie Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hin, hatten die Mädchen auch früher schon. Es hat nur lange kaum jemanden interessiert, weil sie dennoch seltener ins Abitur und Studium gingen. So langsam aber rücken die Jungs in den Mittelpunkt und damit die Frage: Wie sehen Schulen aus, die allen gleiche Chancen einräumen?
„Dass Jungen bei den Abschlüssen schlechter abschneiden als die Mädchen ist ein Phänomen, das wir erst seit 25 Jahren sehen. Der Hauptgrund ist, dass Jungen in ihrer Schullaufbahn schlechtere Noten haben, nach der Grundschule auf eine niedrigere Schulform gehen und häufiger auf die nächst niedrigere Schulform zurückgestuft werden“, sagt Forscher Helbig.
Dabei ist es nicht so, dass die Mädchen in allem besser sind. Beim Lesen und bei den Sprachen liegen sie vorn, in den Naturwissenschaften, in Mathematik oder Technik allerdings zurück.
Es gibt einige Unterschiede, die angeboren sind. Aber allein mit der Biologie lässt sich der Vorsprung nicht erklären. Zumal er nicht überall so deutlich wird. Der internationale Leistungstest Pisa etwa hat gezeigt, dass Mädchen in Schanghai, Singapur oder Hongkong in Mathematik mit Jungen gleichauf liegen.
Schülerinnen sind motivierter
Die Pisa-Autoren stellen daher fest: Ob Mädchen und Jungen unterschiedliche Ergebnisse erzielen, liegt vor allem daran, was sie vom Lernen halten, wie sie ihre Freizeit gestalten und wie viel Vertrauen sie in ihre eigenen Fähigkeiten haben.
In Deutschland spricht kulturell vieles für die Schülerinnen, sie lesen mehr und verbringen mehr Zeit mit Hausaufgaben. „Die Anforderungen des Schulsystems sind besser auf die Bedürfnisse der Mädchen ausgerichtet. Bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten, beim Lernen insgesamt und bei den Hausaufgaben sind Mädchen in höherem Maße bereit, sich anzustrengen“, so Helbig.
Hinzu kommt: Mädchen sind oft motivierter und sehen die Schule positiver. „Die männliche Peergroup ist auch ein Problem“, sagt Helbig. „Wer sich anstrengt, gilt als Streber, Anstrengung wird also sozial sanktioniert. Deshalb werden sich Jungen eher nicht anstrengen.“ Zudem werde ihnen suggeriert, sie seien ohnehin das begabtere Geschlecht, weil in den höchsten Etagen in Wirtschaft und Gesellschaft eher Männer anzutreffen seien.
Was aber kann man dagegen tun? Mehr männliche Lehrer und Unterricht getrennt nach Geschlechtern? Nein, sagen Forscher der Denkfabrik Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. „Alle verfügbaren Studien“ zeigten, dass gerade dies kaum etwas besser macht.
Man müsste Jungen stärker zum Lesen animieren. Doch das könnten gesellschaftliche Rollenbilder und Klischees hemmen – schon im Kindergarten. Ilka Wolter vom Bamberger Leibniz-Institut für Bildungsverläufe hat mit Kollegen Erzieherinnen befragt. Ihr Ergebnis: Je traditioneller sie eingestellt waren, desto weniger Motivation hatten die Jungen zu lesen. Den Jungen vermitteln sie also, dass das Lesen eher etwas für das andere Geschlecht ist. Um das zu ändern, müssten sich Erzieher, aber auch Lehrer umstellen, das Geschlecht weniger betonen, also etwa für Mädchen keine anderen Aktivitäten anbieten als für Jungen.
Nur: Am Grundproblem ändert das wenig. Denn die Tatsache, dass Männer häufiger technische oder naturwissenschaftliche Fächer mit besseren Karrierechancen wählen und dass Frauen noch immer seltener Karriere machen, suggeriert Jungen weiterhin, dass sie schlicht begabter seien. „Wir haben eine so hohe Ungleichheit am Arbeitsmarkt, die zu ändern, dauert nicht nur ein paar Jahre“, sagt Helbig. „Führungsjobs in Deutschland erfordern noch immer, dass man viel mehr Stunden leistet als andere, was nicht zur Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf passt. Viele Frauen wollen so schlicht nicht arbeiten, also wird der Anteil von Frauen in Führungspositionen unter diesen Bedingungen auch kaum steigen.“