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GesundheitssystemWie pflegende Angehörige von der Politik vergessen werden

Rund vier Millionen Pflegebedürftige in Deutschland werden von ihren Angehörigen betreut. Diese fehlen dadurch teilweise dem Arbeitsmarkt. Lösungen der Parteien helfen bislang kaum.Britta Rybicki 01.03.2025 - 14:48 Uhr Artikel anhören
Junge Frau hilft ihrer Mutter: Überdurchschnittlich häufig übernehmen Frauen die Pflege ihrer Angehörigen. Foto: Maskot/Getty Images

Berlin. Vor vier Jahren bekam die Ärztin Marie F. mitten in der Nacht einen Anruf. Ihre Mutter war schwer erkrankt und konnte nicht mehr aufstehen. F., die damals ein großes Herzzentrum in Berlin leitete, wusste, dass sie ihre Karriere aufgeben müsste, wenn sie sich nun um ihre Mutter kümmern wollte. Aber einen teuren Pflegedienst, der mehrere Hundert Euro am Tag kostet, konnte sie sich auch nicht leisten.

F. möchte anonym bleiben, um als angesehene Ärztin keine beruflichen Nachteile zu erfahren. Für die Pflege ihrer Mutter konnte sie privat eine Frau aus der Ukraine engagieren. Im Gespräch mit dem Handelsblatt nennt F. das „ein Glück“. Ihre Geschichte macht allerdings deutlich, vor welches Dilemma es berufstätige Menschen stellt, sich um kranke Familienmitglieder zu kümmern.

Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland waren laut Statistischem Bundesamt 2023 pflegebedürftig. Fast 70 Prozent von ihnen (also gut vier Millionen Menschen) wurden von Angehörigen versorgt. Der Deutsche Alterssurvey des deutschen Zentrums für Altersfragen hat diese Gruppe 2023 genauer untersucht. An der Befragung haben Menschen teilgenommen, die zwischen 43 und 65 Jahre alt waren, die größte Gruppe der pflegenden Angehörigen unter ihnen war über 56 Jahre alt. Sie kamen hauptsächlich aus Haushalten mit mittlerem bis niedrigem Einkommen. Mehr als die Hälfte von ihnen arbeitet nur in Teilzeit oder gar nicht. Nur eine kleine Gruppe ist vollzeitbeschäftigt.

Pflege-Krise

Mehr Patienten, mehr Kosten: Diese Reformen wären dringend nötig

Friedrich Merz (CDU) möchte als nächster Kanzler die Pflege reformieren. Allerdings zielt er dabei bislang eher auf die Finanzierung. Seine Idee: Alle Menschen hierzulande sollen eine Pflegezusatzversicherung abschließen. Diese Versicherung soll helfen, die Pflegekosten zu decken, vor allem, wenn jemand in ein Pflegeheim muss. So sollen Pflegebedürftige weniger selbst zahlen müssen und die Steuerzahler entlastet werden. Doch die häusliche Pflege spielt in seinem Vorschlag bisher keine Rolle.

Lange Wartezeit auf Platz in Pflegeheim

Dabei dürften bald deutlich mehr Menschen die Pflege ihrer Angehörigen übernehmen – müssen. Dafür sorgt der demografische Wandel. Vertreter der geburtenstarken deutschen Jahrgänge sind bereits mehrheitlich über 60 Jahre alt. Mit zunehmendem Alter steigt für sie die Gefahr, pflegebedürftig zu werden.

In einer Pflegevorausberechnung hat das Statistische Bundesamt ermittelt, wie sich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen künftig entwickeln könnte. Laut einer Berechnung würde es im Jahr 2050 rund 6,7 Millionen Pflegebedürftige geben.

Beweglichkeitstraining in einem Pflegeheim: Die Plätze in den Heimen sind schon jetzt knapp. Foto: imago images/Shotshop

Gleichzeitig gibt es einen Personalmangel in der Pflege, der sich in den kommenden Jahren verschärfen dürfte. Weil in den Generationen nach den „Babyboomern“ deutlich weniger Kinder geboren wurden, nimmt die Gesamtzahl der Menschen in erwerbsfähigem Alter seit Jahren ab. Schon heute müssen Pflegebedürftige bis zu anderthalb Jahre auf einen Platz in einem Pflegeheim warten, wie der Verbund Pflegehilfe berichtet. Viele Angehörige haben also keine andere Möglichkeit, als sich selbst um ihre Pflegebedürftigen zu kümmern.

„Viele pflegende Angehörige müssen ihre Arbeitszeit reduzieren oder ihren Beruf ganz aufgeben“, erklärt Ulrike Ehrlich, Sozialwissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für Altersfragen. Für die deutsche Wirtschaft sei das kritisch: „Einerseits leisten sie relevante Sorgearbeit, andererseits können sie dadurch dem Arbeitsmarkt nicht oder nicht im vollen Umfang zur Verfügung stehen und zahlen so auch weniger in das Sozialversicherungssystem ein.“

Pflege und Berufstätigkeit bleiben unvereinbar

Überdurchschnittlich häufig sehen sich Frauen mit diesem Dilemma konfrontiert. „Frauen pflegen etwas mehr als doppelt so häufig ihre Angehörigen wie Männer“, sagt Mia Teschner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Hier entstünde ein „Gender-Care-Gap“, der in Deutschland schon länger größer sei als in Ländern wie Schweden. Weil Frauen auch als Mütter kleiner Kinder deutlich häufiger in Teilzeit arbeiten als die Väter, kumuliert sich das Problem.

Die Folge laut Teschner: „Volkswirtschaftlich gesehen besteht ein Rentenproblem für Frauen, da viele von ihnen nicht oder nur geringfügig erwerbstätig sind und daher keine ausreichenden Rentenansprüche aufbauen.“ Bereits heute sind laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) etwa 21 Prozent aller Frauen über 65 Jahren armutsgefährdet.

Bei der Pflege meiner Mutter fühlte ich mich völlig alleingelassen.
Eine Angehörige

Gleichzeitig verschärft es die Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Bereits heute gibt es einen Fachkräftemangel in denjenigen Branchen, in denen Frauen besonders häufig beschäftigt sind. Das IW warnt bereits seit einigen Jahren vor genau diesem Trend. In der Hälfte aller Berufe mit den größten personellen Engpässen arbeiteten 2023 laut IDW hauptsächlich Frauen.

Dass sich Frauen stärker als Männer aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen, belegen auch Untersuchungen zur Arbeitszeit: 2023 arbeiteten 50 Prozent der Frauen in Teilzeit.

Der Politik fehlen realitätsnahe Lösungen

Es gibt zwar Vorstöße aus der Politik, pflegende Angehörige finanziell zu unterstützen. Sie können in Deutschland Pflegegeld erhalten sowie zusätzliche Leistungen der Pflegekasse und des Staates. Dazu gehören unter anderem Steuererleichterungen.

Pflege

Diese Finanztipps sollten pflegende Angehörige kennen

Abhängig davon, wie intensiv die Pflege einer Person ausfällt, bekommen Angehörige monatlich zwischen rund 350 und 990 Euro. Doch laut Deutscher Alterssurvey haben 95,7 Prozent der Befragten diese Unterstützung nicht genutzt. Eine berufliche Freistellung nach dem Pflegezeitgesetz, die bis zu 24 Monate dauern darf, nutzen nur 1,2 Prozent der Befragten. Auch Freistellungen zur Sterbebegleitung fanden nur wenig Anklang.

Über die Hälfte der Befragten sagte, dass sie diese Angebote nicht bräuchten. 16,4 Prozent hatten keinen Anspruch auf Unterstützung, zehn Prozent fanden den bürokratischen Aufwand zu hoch, und 8,3 Prozent befürchteten berufliche Nachteile. „Das zeigt sehr deutlich, dass Entlastungsmaßnahmen nicht in die Lebenswirklichkeit der Pflegenden passen“, sagt Soziologin Ehrlich.

Ein junger Mann stützt einen älteren: Indem Männer sich auch häufiger um Angehörige kümmern, könnten sie ihre Schwestern und Ehefrauen entlasten. Foto: Maskot/Getty Images

Trotz dieser Erkenntnisse hat die Politik bisher keine konkreten Lösungen präsentiert. Die SPD plant mehr Beratungsangebote und eine Art Lohnersatz vergleichbar zum Kindergeld. Doch laut Ehrlich sind diese Vorschläge viel zu unkonkret.

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Sie fordert stattdessen flexiblere Arbeitszeitmodelle, um Pflege und Beruf besser vereinbaren zu können. Zudem müssten sich männliche Angehörige stärker engagieren und mehr von der Carearbeit übernehmen, damit die Last besser aufgeteilt werden kann.

Marie F. kannte das Gesundheitssystem dank ihrer langjährigen Erfahrung als Ärztin eigentlich gut. Trotzdem sagt sie: „Bei der Pflege meiner Mutter fühlte ich mich völlig alleingelassen.“ Viele Angehörige von pflegebedürftigen Menschen dürften es ebenso empfinden.

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