IAB-Studie: Nur gut ein Viertel der Top-Führungspersonen in Privatunternehmen sind Frauen
Frauen sind – gemessen an ihrem Anteil an den Beschäftigten – in den Führungsetagen deutlich unterrepräsentiert.
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Berlin. Weil die Hälfte der Gesellschaft aus Frauen bestehe, sollten sie auch die Hälfte der Macht haben, sagte Olaf Scholz, als er Anfang Dezember als designierter Bundeskanzler die SPD-Regierungsmannschaft vorstellte. Und so ist die Ministerriege der neuen Bundesregierung zur Hälfte weiblich.
Die obersten Führungsetagen privatwirtschaftlicher Unternehmen sind dagegen von einer paritätischen Besetzung noch weit entfernt, zeigt eine neue Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). 2020 lag der Frauenanteil dort bei 27 Prozent – nur ein Prozentpunkt mehr als zwei Jahre zuvor.
„Frauen sind im Management der Privatwirtschaft nach wie vor seltener vertreten, als es ihrem Anteil an den Beschäftigten entsprechen würde“, schreiben die Forscherinnen Susanne Kohaut und Iris Möller. Denn der liegt bei 43 Prozent.
Daran habe auch das 2016 eingeführte Gesetz zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen nicht viel geändert. Geht es im bisherigen Tempo weiter, wären Frauen erst im Jahr 2052 so in den Top-Etagen vertreten, wie es ihrem Anteil an den Gesamtbeschäftigung entspricht.
Besser sieht es auf der zweiten Führungsebene aus, wo der Frauenanteil 40 Prozent beträgt. Allerdings war dieser Wert bereits 2016 erreicht worden, seither stagniert er. Ob das noch von der Großen Koalition verabschiedete und im August 2021 in Kraft getretene Zweite Führungspositionen-Gesetz mehr Frauen den Weg nach ganz oben ebne, bleibe abzuwarten, heißt es in der Studie.
Führungspositionen-Gesetz muss erst noch Wirkung entfalten
Laut Gesetz müssen börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen künftig mindestens eine Frau in den Vorstand berufen, wenn dieser aus mehr als drei Personen besteht. Außerdem müssen sich Unternehmen Zielgrößen für Frauen in Führungspositionen setzen und darüber öffentlich informieren. Eine Zielgröße „null“ soll nicht mehr ohne Weiteres akzeptiert werden.
Anders als viele Managerinnen-Barometer erlaubt das IAB-Betriebspanel – eine jährliche Befragung von rund 16.000 Betrieben – auch Rückschlüsse über den Frauenanteil im Management von kleinen und mittleren Unternehmen. Dabei zeigt sich, dass der Frauenanteil in beiden Führungsebenen mit zunehmender Betriebsgröße abnimmt.
In Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten liegt der Frauenanteil in der ersten Führungsebene um sechs Prozentpunkte und in der zweiten Ebene um acht Prozentpunkte unter den Werten in Betrieben mit 200 bis 499 Mitarbeitern. Regional zeigt sich, dass Frauen es in Ostdeutschland häufiger in die Managementebene schaffen als im Westen.
Frauendomänen – sowohl was den Anteil von weiblichen Beschäftigten insgesamt als auch die Repräsentanz auf der Führungsebene angeht – sind die Wirtschaftszweige Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht. Hier ist gut die Hälfte (55 Prozent) der Positionen der ersten Führungsebene mit Frauen besetzt. Im Einzelhandel und im Gastgewerbe liegt die Quote bei jeweils 40 Prozent.
Im Finanz- und Versicherungsgewerbe ist mehr als die Hälfte der Beschäftigten weiblich, doch liegt der Frauenanteil in den Führungsetagen nur bei 18 Prozent und eine Ebene darunter bei 28 Prozent. Dagegen sind Frauen in den Führungsetagen der männerdominierten Branchen Bau sowie Verkehr und Logistik stärker repräsentiert, als es ihrem Anteil an den Beschäftigten entsprechen würde. Von der Coronapandemie waren Betriebe mit mindestens einer Frau an der Spitze häufiger betroffen als rein von Männern geführte Unternehmen.
Durch die Pandemie veränderte Arbeitsprozesse könnten eine Chance für Frauen sein
Der öffentliche Dienst schneidet bei der Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen auf den ersten Blick zwar deutlich besser ab als die Privatwirtschaft. So sind auf der ersten Führungsebene 37 Prozent der Manager weiblich, auf der zweiten sind es 46 Prozent.
Doch muss dabei berücksichtigt werden, dass der Frauenanteil an allen Beschäftigten im öffentlichen Sektor mit 61 Prozent auch um 18 Prozentpunkte über dem Wert in der Privatwirtschaft liegt. Gemessen daran sind Frauen auf den obersten beiden Führungsebenen des öffentlichen Dienstes schlechter repräsentiert als bei Privatunternehmen.
Über die Ursachen, warum Frauen zwar auf der zweiten Führungsebene relativ gut vertreten sind, aber nur selten den Sprung nach oben schaffen, könne nur spekuliert werden, schreiben die IAB-Forscherinnen. Als Gründe denkbar seien beispielsweise nicht standardisierte und wenig transparente Auswahlverfahren für Top-Positionen oder der fehlende Zugang zu karriererelevanten Netzwerken.
Durch die Pandemie veränderte Arbeitsprozesse – beispielsweise die verstärkte Homeoffice-Nutzung – könnten aber eine Chance für Frauen in Führungspositionen oder auf dem Weg dahin sein, heißt es in der Studie: „Die sonst übliche Orientierung der Arbeitsprozesse an der Lebensrealität von Männern mit ständiger Erreichbarkeit und überlangen Präsenzzeiten wurde dadurch abgeschwächt.“