Industriepolitik: Wo sich eigene Werke in Europa rechnen – und wo nicht
Der Verkauf der Viessmann-Sparte hat für Panik gesorgt, die EU-Kommission hat Wärmepumpen als „strategisch wichtig“ deklariert. Zurecht?
Foto: dpaBerlin. Lange war Industriepolitik in Deutschland verpönt, doch in der geopolitischen Zeitenwende erlebt sie eine Renaissance. Schon ein Blick auf die Rednerliste des Tags der deutschen Industrie zeigt, dass der Staat eine neue Rolle beansprucht. An diesem Montag sprechen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sowie Finanzminister Christian Lindner (FDP) und am Dienstag Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).
Die Marschroute der Regierung ist klar: Industriepolitik soll Unabhängigkeit schaffen, allen voran bei Zukunftstechnologien wie Solarenergie oder Batterien. Unterstützung kommt von der EU-Kommission. Die Europäer fürchten, bei der Energiewende von chinesischen Firmen abhängig zu sein. Zugleich wächst die Sorge, dass die US-Regierung europäische Firmen mit großzügigen Fördermitteln in die USA lockt. Europas Antwort: Einstieg in den Subventionswettlauf.
Die EU-Kommission hat eine Liste mit mehreren „strategisch wichtigen“ Zukunftstechnologien erstellt, darunter entscheidende Komponenten für die Energiewende wie Wärmepumpen, Photovoltaik, Batterien und Elektrolyseure. Für diese Technologien sollen schnellere Genehmigungen, vor allem aber mehr Subventionen möglich gemacht werden. 40 Prozent des europäischen Bedarfs sollen in europäischen Werken produziert werden.
Was nach Ansicht führender Ökonominnen und Ökonomen in Vergessen gerät: Eine Volkswirtschaft kann auch Abhängigkeiten vermeiden, wenn die Technologie aus verschiedenen Lieferländern importiert wird. Und bei einigen der Technologien sei das durchaus möglich.
Deshalb hält der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, die EU-Liste für zu umfangreich. „Wir sollten uns auf Sektoren konzentrieren, in denen große geoökonomische Abhängigkeiten und Externalitäten entstehen können, wenn wir nicht politisch steuern und kein industriepolitisches Wünsch-dir-was veranstalten“, sagte er dem Handelsblatt.
Gabriel Felbermayr, Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), warnt vor dem „hohen Risiko“, dass zu hohe Subventionen flössen und immer mehr gezahlt werden müsste, weil die Unternehmen mit Abwanderung drohen.
Selbst aus der Industrie kommen besorgte Töne. Man müsse sich die Bereiche viel genauer ansehen, sagt der Chefökonom des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Klaus Deutsch. „Ansonsten landet man in einer endlosen Liste von Dingen, die alle gefördert werden sollen.“
Expertinnen und Experten haben die wichtigsten Technologien auf der Liste der EU-Kommission analysiert. Inwieweit Unabhängigkeit staatlich erkauft werden muss, kommt auf das Produkt an. Ein Überblick:
Wärmepumpen: „Getrost dem Weltmarkt überlassen“
Ende April ging ein Aufschrei durch Deutschland, als bekannt wurde, dass die hessische Firma Viessmann ihre Wärmepumpen-Sparte an einen US-Konkurrenten verkaufen würde. Bei vielen kam der Reflex auf: Was, wenn wir so den Zugriff auf die wichtigste Technologie für den Klimaschutz im Gebäudesektor verlieren?
Wirtschaftsminister Habeck warnte vor Panikmache, kündigte aber auch an, den Verkauf zu prüfen. Er will sicherstellen, dass Viessmanns Wärmepumpen-Fertigung im Land bleibt. Der Grünen-Politiker verwies auf die Liste der EU-Kommission: Wärmepumpen sind demnach „strategisch wichtig“.
Aus ökonomischer Sicht müsste aber nicht einmal Panik ausbrechen, wenn es keine Wärmepumpen-Fertigung von Viessmann mehr in Deutschland gäbe. „Die Wärmepumpen-Produktion kann man getrost dem Weltmarkt überlassen“, sagt IfW-Präsident Schularick. Es handelt sich um ein Massenprodukt. Entsprechend verteilt sind die globalen Marktanteile, sodass Abhängigkeiten von einzelnen Lieferländern unwahrscheinlich sind.
Zwar ist China mit 36 Prozent der globalen Fertigungskapazitäten Marktführer, zeigen Daten der Internationalen Energieagentur (IEA). Doch die EU ist längst konkurrenzfähig. Noch ist ihr globaler Marktanteil an der Wärmepumpen-Fertigung nur halb so groß. Doch viele Projekte sind bereits geplant, sodass bis 2030 die EU ohnehin die globale Marktführerschaft hat – auch ohne neue industriepolitische Maßnahmen. 36 Prozent aller Wärmepumpen sollen dann hier gefertigt werden.
Das reicht laut einer weiteren IEA-Analyse aus, um die Nachfrage nach Wärmepumpen in der EU zu decken und einen Überschuss zu produzieren. 2030 würden sogar Wärmepumpen im Wert von drei Milliarden Dollar mehr in Europa hergestellt werden als benötigt.
Photovoltaik/Solar: „Im Ausland günstiger“
Meyer Burger ist schon weiter als Viessmann. Das Unternehmen ist im sachsen-anhaltinischen Thalheim derzeit einziger industrieller Fertiger von Solarzellen in Europa. Doch Meyer Burger drohte zuletzt in einem Brief an Bundesfinanzminister Lindner, den Standort aufzugeben. Die USA locken mit massiven Subventionen im Zuge ihres „Inflation Reduction Act“ (IRA). Europa müsse da aufschließen. „Andernfalls werden der Wirtschaftsstandort Europa und Deutschland massiv leiden“, sagte Vorstandschef Gunter Erfurt dem Handelsblatt.
Wirtschaftsforscher aber halten das für eine Fehleinschätzung. „Massenware wie Photovoltaik kann im Ausland günstiger produziert werden“, sagt Nils Redeker, Vize-Direktor am Berliner Jacques Delors Centre. Diese Produktion im großen Stil in die EU zu holen würde eine Menge Geld kosten, ohne viel Wertschöpfung oder Arbeitsplätze nach Europa zu bringen.
Nun könnte man argumentieren, dass die Abhängigkeitsgefahr bei Photovoltaik gegeben ist. Tatsächlich liegen derzeit 79 Prozent der globalen Fertigungskapazitäten in China. Das gesteht auch Redeker ein, weist aber auf den entscheidenden Punkt hin: Handelsdiversifizierung. Europa hat den Abbau der Abhängigkeiten selbst in der Hand, nicht nur durch eigene Fabriken, sondern auch durch eine stärkere handelspolitische Annäherung an andere Staaten.
„Die würden ihre Produktion bei höherer Nachfrage sicherlich deutlich ausbauen können“, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm.
Batterien: „Nicht vollständig verzichten“
Bei Northvolt haben die Warnrufe in der Politik schon Gehör gefunden. Der schwedische Batteriehersteller hatte eine Fabrik in Schleswig-Holstein geplant, aber die Pläne wegen der Aussicht auf US-Subventionen erst ruhen lassen. Bund und Land haben daraufhin finanzielle Unterstützung angekündigt – und aktuell scheint es, als käme Northvolt doch in den Norden Deutschlands.
Auf den ersten Blick gibt es Grund zur Annahme, dass das Staatsgeld dort nicht gut investiert ist. Nach den Zahlen der IEA könnte Europa 2030 ein Überangebot an Batterien im Wert von 30 Milliarden Euro aufweisen. Das Northvolt-Werk scheint durch Importe ersetzbar.
Der globale Batteriemarkt allerdings lässt kaum Diversifizierung bei der Suche nach neuen Handelspartnern zu. China nimmt fast drei Viertel des globalen Marktes ein.
Und die USA könnten zum Staubsauger für die Ansiedlung von Batteriewerken werden. Die IRA-Subventionen werden die Batterieproduktion in den Staaten einer Analyse des Jacques Delors Centre zufolge um ein Drittel vergünstigen. Bis 2030 soll sich der US-Anteil am weltweiten Batteriemarkt verdoppeln.
Gleichzeitig könnten 68 Prozent aller angedachten Batterieinvestitionen in der EU laut Berechnungen der Nichtregierungsorganisation T&E gefährdet sein. EU und USA sind Verbündete. Aber es ist nicht auszuschließen, dass der nächste US-Präsident wieder Donald Trump heißt, mögliche Handelskonflikte inklusive.
Vorrangig auf Batterieimporte zu setzen könnte für Europa dadurch gefährlich werden. Nur sechs Prozent der ausländischen Fertigungskapazitäten sollen laut IEA 2030 nicht in China oder den USA liegen. „Europa muss nicht alle grünen Technologien selbst produzieren. Bei Batterien sollten wir aber gerade wegen der großen Rolle, die sie für den Automobilsektor spielen, nicht vollständig darauf verzichten“, sagt Ökonom Redeker.
Elektrolyseure: „Importe ohnehin alternativlos“
Wirtschaftsminister Habeck ist vergangene Woche selbst zu Thyssen-Krupp nach Duisburg gefahren, um 12.000 Stahlarbeitern zu versichern: „Ihr könnt mit unserer finanziellen Unterstützung rechnen.“ Zwei Milliarden Euro wollen Bund und Land bereitstellen, um dem Konzern den Übergang zu grünem Stahl zu erleichtern. Perspektivisch will Thyssen-Krupp am Standort dafür auch selbst Wasserstoff mit einem eigenen Elektrolyseur herstellen. Eine für alle Seiten kluge Investition?
Grüner Wasserstoff soll der zentrale Baustein für die Transformation der europäischen Industrie werden. Es spreche nichts dagegen, bis zu einem gewissen Grad eigene Elektrolyseure mit staatlicher Unterstützung zu fördern, sagt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. „Aber der Fokus sollte auf einer klugen, diversifizierten Wasserstoff-Importstrategie liegen.“
Der Grund: Zwar soll ein Viertel der weltweiten Elektrolyse-Kapazitäten bis 2030 in der EU sein, prognostiziert die IEA. „Doch selbst mit den noch deutlicheren Kapazitätssteigerungen werden wir den Bedarf nicht allein decken können“, erklärt Grimm. Einfuhren sind damit ohnehin alternativlos.
Ungefährliche Importoptionen sind durchaus vorhanden. Bis 2030 soll der globale Elektrolyseur-Markt laut IEA zu mehr als der Hälfte weder in den USA noch in China angesiedelt sein. Große Regionen der Erde werden massive Wasserstoffproduktionen aufbauen, dazu gehören Afrika, Australien, Südamerika. Und wirtschaftlicher wäre das auch. Die genannten Regionen haben mit ihren großen Flächen und vielen Sonnentagen deutlich bessere Voraussetzungen für die Wasserstoffproduktion als Europa.
Die ökonomische Analyse zeigt: Industriepolitik ist kein Tabu mehr – aber sie ist auch kein Allheilmittel. Der Aufbau eigener Fabriken ist teuer, die Gefahr der Verschwendung real. Berlin und Brüssel wären gut beraten, wenn sie einen ebenso großen Ehrgeiz dafür entwickeln würden, neue Handelspartnerschaften zu knüpfen.
Mitarbeit: Kevin Knitterscheidt