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Infektionsgefahr Kultusminister wollen Schulen „so lange wie möglich offen halten“

Die zweite Welle kommt, aber die Schulen sollen als Letztes geschlossen werden. Der verlorene Lernstoff der Kinder könne sonst kaum aufgeholt werden, warnt auch die OECD.
23.10.2020 - 17:17 Uhr Kommentieren
Die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes wollen einige Bundesländer auch auf Grundschulen ausdehnen. Quelle: dpa
Schüler mit Maske

Die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes wollen einige Bundesländer auch auf Grundschulen ausdehnen.

(Foto: dpa)

Berlin Die Kultusminister sind sich einig, dass die Schulen trotz der stark gestiegenen Infektionszahlen „so lange wie möglich offen bleiben sollen“. Sie wollen dafür kämpfen, dass auch bei einem Lockdown „die Schulen die letzten Einrichtungen sind, die geschlossen werden“.

Denn anders als im Frühjahr wisse man heute, dass Schüler die Infektionen weit weniger verbreiten als Erwachsene, berichteten Teilnehmer der Kultusministerkonferenz (KMK) dem Handelsblatt nach einer Video-Konferenz an diesem Freitag. Ein offizieller Beschluss soll am Montag folgen, weil einzelne Länder nicht teilnehmen konnten.

KMK-Präsidentin Stefanie Hubig hatte schon im Vorfeld gesagt, man habe das Recht auf Bildung und den Gesundheitsschutz der gesamten Schulfamilie eng im Blick. „Angesichts der sehr heterogenen Situation in Deutschland kann aber niemand ernsthaft wollen, dass alle Schulen und Kitas wieder komplett schließen müssen.“

Bei der Sitzung an diesem Freitag sei man sich auch einig gewesen, künftig regelmäßig die Zahl der infizierten Schüler und Lehrer zu erheben und zu veröffentlichen, berichteten Teilnehmer. Bisher taten das nur einzelne Länder.

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    So sagte etwa die KMK-Präsidentin und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Hubig zuletzt, in ihrem Land seien am letzten Tag vor den Herbstferien von insgesamt 565.000 Schülern und Lehrern gerade mal 110 infiziert gewesen – also eine Person von 5000. In NRW waren vor den Ferien 853 von 2,5 Millionen Schülern infiziert, also 0,04 Prozent. 23.000 waren in Quarantäne. 

    Maskenpflicht teilweise auch an Grundschulen

    Unterschiedlich gehen die Bundesländer mit der Maskenpflicht im Unterricht um: Während etwa Baden-Württemberg diese zuletzt auch auf die Grundschule ausgeweitet hat, lehnt NRW diesen Schritt ab. Eine Maskenpflicht wirke sehr unterschiedlich, verlautete aus der KMK-Sitzung: So sei es etwa für Kinder mit Migrationshintergrund, die nicht perfekt Deutsch sprechen, weit wichtiger, das Gesicht zu sehen, um die Sprache zu verstehen.  

    Rückenwind für die Kultusminister kommt von der OECD sowie Bildungsökonomen und Infektiologen. Bildungsdirektor Andreas Schleicher warb vehement dafür, den Unterricht in den Schulen so lange wie verantwortbar weiterzuführen. „Die Schulen von heute sind unsere Zukunft morgen“, sagte er in einer Diskussionsrunde mit verschiedenen Experten.

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    Dabei dürfe es auch nicht vorwiegend darum gehen, den Eltern die Arbeit zu ermöglichen, „sondern es muss wirklich um die Kinder gehen“, sagte Schleicher, der auch als Koordinator der Pisa-Studien bekannt ist. Digitale Konzepte könnten die vielen sozialen Funktionen von Schule nicht ersetzen: „Lernen ist immer ein sozialer Prozess.“

    Schleicher begründete das Plädoyer für möglichst viel Unterricht mit den drohenden ökonomischen und sozialen Verlusten. Nach Berechnungen von OECD und Ifo-Institut summiert sich der Einkommensverlust durch den Bildungsausfall im Laufe dieses Jahres auf rund drei Prozent des Lebenseinkommens.

    „Allein in Deutschland wäre das die unvorstellbare Summe von 3000 Milliarden Euro“, sagte Schleicher. Andere Studien haben gezeigt, dass etwa die Generation der Deutschen, die in den 60er-Jahren Kurzschuljahre hatten, noch heute größere Bildungslücken aufweisen als Jahrgänge kurz vor oder nach ihnen.

    Weit überdurchschnittlich betroffen von Unterrichtsausfall seien dabei jedoch vor allem kleinere Kinder, „weil die Grundlagen, die bei ihnen in dieser Zeit gelegt werden, viel schwerer aufgeholt werden können als bei älteren“, sagte die Frankfurter Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln auf der OECD-Veranstaltung. Sie hat für die USA für die Periode von sechs Monaten Schulschließungen auf einen Verlust von einem Prozent des Lebenseinkommens errechnet. 

    Und während Bildungsbürger-Kinder zu Hause oft gut oder womöglich sogar besser lernen, sei der Schaden für schwächere Schüler weit größer. Zum Beispiel weil ihre Eltern ihnen nicht helfen können oder weil sie „schlicht monatelang kein Deutsch gehört haben“, sagte die Bildungsökonomin. 

    In Deutschland hat mehr als ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. In den Schulen sind es tendenziell noch weit mehr, in Großstädten teilweise sogar 30 bis 40 Prozent. Und während beispielsweise selbst in den USA Kinder mit mangelhaften Englischkenntnissen „teilweise zwei bis dreimal pro Woche Einzelunterricht erhalten, um die Sprache schnell zu lernen“, sei das in Deutschland leider nicht üblich, monierte Fuchs-Schündeln.

    Zudem gelte: „Je länger Schulschließungen dauern, desto schlimmer“, denn der Schaden summiere sich mit der Zeit nicht nur, „sondern steigt überproportional an, weil eins aufs andere aufbaut“. 

    Stoff ist nur schwer wieder aufzuholen

    Eine Umfrage des Ifo-Instituts vom Juni dieses Jahres hatte gezeigt, dass Schüler trotz weit verbreitetem Online-Unterricht im Schnitt nicht einmal halb so viel lernen, wenn die Schule geschlossen ist. Die tägliche Lernzeit war demnach von 7,4 Stunden auf nur noch 3,6 Stunden gefallen. 

    „Das Aufholen von Stoff ist jedoch extrem schwierig“, warnt Schleicher. Die Pisa-Ergebnisse zeigten, dass es etwa in Deutschland 18 Jahre gedauert habe, um den Anteil der 15-jährigen Schüler, die beim Lesen Fakten und Meinung unterscheiden können, auch nur von sieben auf elf Prozent zu erhöhen.   

    Der Münchner Kinder-Infektiologe Johannes Hübner plädiert auch deshalb dafür, zu prüfen, „ob wir bei Infektionen in Schulen – ähnlich wie Frankreich neuerdings – weniger schnell ganze Klassen in Quarantäne schicken“. Da man hier aber Neuland betrete, sei es enorm wichtig, das Geschehen mit Stichproben-Tests zu überwachen.

    Generell gilt die Coronavirus-Verbreitungsgefahr durch Kinder mittlerweile als weit geringer als die durch Erwachsene. Das zeigten die rund 500 bisher weltweit erschienenen Studien dazu deutlich, sagte Hübner. In Deutschland hätten bisher lediglich 250 Kinder in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Der Infektiologe verwies auf das Vorbild Schottland: „Dort haben sie richtig entscheiden, nicht die Schulen, sondern die Pubs zu schließen.“

    Auch der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte betont, dass Kinder „anders als bei Influenza keine Treiber der Pandemie sind“. Eine Studie des Bonner Institute of Labor Economics (IZA) hatte gezeigt, dass die Wiederöffnung der Schulen nach den Sommerferien das Infektionsgeschehen nicht angeheizt hatte.

    Im Gegenteil: Die Rückkehr der Schüler in die Schule hat den Anstieg der Neuinfektionen sogar abgebremst, so das überraschende Ergebnis. Die Forscher konnten dies deshalb nachweisen, weil die Sommerferien je nach Bundesland zu einem anderen Zeitpunkt enden.

    Mehr: Was sich Schulen in Sachen Digitalisierung von der Wirtschaft abschauen können

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