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InsulinPharmakonzern Sanofi plant Milliarden-Investition in Frankfurt

Das französische Unternehmen will ein Werk für Insulin aufbauen – und schürt Hoffnung auf eine Trendwende bei ausländischen Investitionen in Deutschland.Daniel Delhaes, Maike Telgheder, Theresa Rauffmann und Julian Olk 01.07.2024 - 04:01 Uhr
Anlagen von Sanofi in Frankfurt-Höchst: Der Pharmakonzern will hier eine neue Insulin-Produktion aufbauen. Foto: Sanofi

Berlin, Düsseldorf. Der französische Pharmakonzern Sanofi plant den Bau einer neuen Produktion im Frankfurter Stadtteil Höchst und könnte dafür zwischen 1,3 und 1,5 Milliarden Euro investieren. Das erfuhr das Handelsblatt aus dem Umfeld der Bundesregierung. In Höchst betreibt das Unternehmen bereits eine Produktionsstätte für Insulin. Diese soll im Zuge der Umstellung auf eine modernere Technologie einem neuen Werk weichen.

Die finale Entscheidung des Managements ist zwar noch nicht gefallen. Aber die Insider gehen übereinstimmend davon aus, dass es auf den bestehenden deutschen Standort hinausläuft. Die Vorbereitungen für die Bauarbeiten am Standort in Höchst liefen bereits. Sanofi erklärte dazu auf Anfrage, sich zu konkreten Projekten nicht zu äußern.

Zuerst hatte Sanofi dabei den Standort Höchst infrage gestellt. Das Unternehmen hatte laut Beteiligten von Regierungsseite erörtert, die Insulin-Produktion an einen seiner französischen Standorte zu verlagern.

Eine Entscheidung für Deutschland durch Sanofi wäre in jedem Fall ein positives Signal für den Standort, der unter einer  Investitionsschwäche leidet. In den vergangenen Jahren haben deutsche Investoren immer mehr Geld im Ausland investiert, ausländische Kapitelgeber aber immer weniger in Deutschland. 2023 lag der Nettoabfluss bei 94 Milliarden Euro, zeigen Zahlen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Deutschland weist kaum Investitionsdynamik auf

Doch in manchen Branchen bietet sich ein deutlich besseres Bild, insbesondere in der Pharmaindustrie. Dort gab es in den vergangenen Monaten einige größere Investitionen. „Die Branche zeigt, was die Wirtschaft in unserem Land leisten kann“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich beim Besuch mehrerer Pharma-Standorte.

Einzelne Investitionsentscheidungen wie die von Sanofi können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland schon länger unter einer Investitionsschwäche leidet. Der Nettoabfluss bei den Direktinvestitionen war bereits 2021 und 2022 auf Rekordhöhe angestiegen und 2023 nur leicht gesunken, zeigen die IW-Zahlen. International war nur in Japan der Abfluss höher.

Auch in vielen Standort-Rankings ist Deutschland abgestiegen. Zuletzt hat die private Schweizer Hochschule IMD Deutschland bei den Standortfaktoren auf Rang 24 von 67 gesetzt – zwei Plätze schlechter als im Vorjahr. Vor allem bei der Steuerbelastung und der Infrastruktur ist der Standort D demnach abgefallen.

Die Bundesregierung hat das Problem erkannt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) arbeiten deshalb an einem Dynamisierungspaket für die Wirtschaft, das mehr Investitionen anreizen und das mittelfristige Wachstum in Deutschland erhöhen soll.

Über das Paket herrscht Regierungskreisen zufolge in  großen Teilen Einigkeit. Es könnte in dieser Woche zusammen mit dem Haushalt vorgestellt werden. Dem Vernehmen nach dürfte unter anderem eine Ausweitung der „degressiven Abschreibung“ in dem Paket enthalten sein. Unternehmen können dadurch Investitionen schneller und höher von der Steuer absetzen.

Aber einige Investitionsbereiche laufen gut

Ein detaillierter Blick auf die Zahlen zeigt allerdings auch, dass der Investitionsstandort Deutschland von einer wirklichen Misere weit entfernt ist. Der Wert aller geplanten ausländischen Investitionsprojekte in Deutschland betrug 2023 rund 35 Milliarden Euro – ein Plus von 37,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit neuer Rekord.

Dies zeigen die Zahlen der bundeseigenen Standort-Agentur GTAI. Sie beinhalten ausschließlich Neuansiedlungen sowie Unternehmenserweiterungen. „Für uns ist das ein klares Zeichen, dass Deutschland trotz mancher Herausforderungen für ausländische Unternehmen hochattraktiv bleibt“, hatte GTAI-Geschäftsführer Robert Hermann bei der Vorstellung der Zahlen gesagt.

Beim IW hingegen sind nicht nur klassische Investitionen in neue Fabriken oder Ausrüstung, sondern auch Cash-Verschiebungen oder Kredite enthalten. Daher der Unterschied. Welche Zahlen mehr über die Standortqualität aussagen, ist umstritten.

Nicht umstritten ist, dass sich große Unterschiede zwischen den Branchen auftun. Die Pharmaindustrie zeigt sich nicht nur hinsichtlich Sanofi als Hoffnungsbringer. Auch das US-Unternehmen Eli Lilly baut in der Nähe von Mainz für 2,3 Milliarden Euro ein neues Werk für seine Abnehmmittel. Der japanische Krebsmedikament-Hersteller Daiichi-Sankyo investiert eine Milliarde Euro in eine Produktionsstätte im oberbayerischen Pfaffenhofen.

Den Stellenwert der Pharmaindustrie betonte Wirtschaftsminister Habeck im April. Über zwei Tage besuchte er verschiedene Unternehmen aus der Branche. Eigentlich ist es unüblich, dass ein Wirtschaftsminister einzelne Branchen für eine Reise auswählt. „Die Branche zeichnet aus, was die deutsche Wirtschaft traditionell groß und stark gemacht hat: Investitionen in Forschung, Innovationsstärke und hochspezialisierte Fachkräfte“, sagte Habeck seinerzeit auf dem Weg zu den Unternehmen Merck und Zedira in Darmstadt.

Neben Pharma haben zuletzt Investitionen von globalen US-Tech-Konzernen in Deutschland Hoffnungen genährt. Im Februar kündigte Microsoft an, in den nächsten zwei Jahren deutschlandweit 3,2 Milliarden Euro in den Ausbau der Cloud- und KI-Infrastruktur zu investieren.

Und erst vorvergangene Woche gab der Handelsriese Amazon bekannt, zehn Milliarden Euro in Deutschland zu investieren. Der Großteil davon soll in das Geschäft mit Cloud-Internetdienstleistungen fließen.

„Das ist das, was jetzt an neuen zusätzlichen Investments milliardenschwer in unserem Land stattfindet“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei einer Veranstaltung am Mittwoch in Berlin. Um das zu verstetigen, brauche es aber eine noch bessere Sicht auf den Standort: Die Stimmung müsse sich verbessern, ansonsten würden Unternehmen Investitionen zurückhalten.

Bei Pharma und IT sind kaum Subventionen notwendig

Die Bundesregierung um Habeck und Scholz ist deshalb so erpicht auf die Investitionen aus Pharma und IT, weil diese weitgehend ohne Subventionen zustande kommen. So war es der Bundesregierung zuvor zwar gelungen, mit Intel (Investitionssumme 33 Milliarden Euro) und TSMC (zehn Milliarden Euro) große Chipfabriken nach Deutschland zu lotsen.

Allerdings gelang das nur mithilfe umfangreicher Subventionszusagen. Die Regierung wurde dafür kritisiert, große Projekte nur noch nach Deutschland holen zu können, wenn sie die staatliche Geldschleuse weit öffnet.

Dieser Vorwurf trägt in der Pharmabranche bislang nicht. Das dürfte sich mit Sanofi vermutlich auch nicht ändern. Das französische Unternehmen hat seine finale Investitionsentscheidung für die neue Insulin-Fabrik in Höchst zwar noch nicht getroffen, weil es noch die Möglichkeit auf staatliche Unterstützung prüft, heißt es von einem Regierungsinsider. Im Vergleich zu den Chipfabriken ginge es aber um deutlich weniger Geld.

Und es spricht einiges dafür, dass nicht einmal das fließen wird. Neben der angespannten Haushaltslage des Bundes liegt das vor allem am EU-Beihilferecht. Pharmaunternehmen fallen anders als Chip-, Stahl- oder Windanlagenhersteller unter keine rechtliche Sonderregelung. Bisher gibt es nur einen vergleichbaren Präzedenzfall: Österreich fördert das Unternehmen Sandoz mit 29 Millionen Euro für die Modernisierung seiner Penicillin-Produktion in Tirol.

Sanofi müsste eine eigene Begründung finden, die die EU-Kommission akzeptiert, um Staatshilfen in Anspruch nehmen zu dürfen. Das hat laut einem Experten von der Regierungsseite wenig Aussicht auf Erfolg.

Sanofi zieht Höchst wohl französischen Standorten vor

Trotzdem sind die Beteiligten zuversichtlich, dass Sanofi auch ohne staatliche Unterstützung mit seinem neuen Werk dem Standort Höchst erhalten bleibt. Dort hat das Unternehmen seinen Hauptsitz in Deutschland. In der Öffentlichkeit ist Sanofi bekannt für Medikamente wie Muscosolvan oder Thomapyrin.

Seit 1923 werden in Höchst Insuline im industriellen Stil gefertigt, damals noch von den Vorgängerunternehmen, in denen die Wurzeln des heutigen Sanofi-Konzerns liegen. In Frankfurt am Main ist der größte integrierte Produktions- und Fertigungsstandort von Sanofi angesiedelt. Die Anlage, in der auch die Insulinmarke „Lantus“ hergestellt wird, kam 2004 durch die Übernahme der Firma Aventis zu Sanofi.

Sanofi machte im vergangenen Jahr mit Lantus 1,42 Milliarden Euro Umsatz. CEO Paul Hudson sagte 2022 in einem Interview mit dem Handelsblatt, dass er noch viele Jahre auf die Insulinproduktion setzen wolle, auch wenn die Preise für Insuline tief gefallen seien.

Paul Hudson: Der US-amerikanische Sanofi-CEO sieht in der Insulin-Produktion weiter ein wichtiges Geschäft. Foto: Imago Images

In der Bundesregierung waren die Befürchtungen allerdings groß, dass Sanofi das nicht weiter in Höchst tun will. Der Konzern eruierte demnach intensiv, die Insulin-Produktion an einen bestehenden Standort in der französischen Heimat zu verlagern. Die Regierung in Paris soll sich aktiv darum bemüht haben, dass Sanofi diesen Schritt geht.

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Das hätte weitere Probleme für Höchst auslösen können, so die Befürchtung in der Bundesregierung. Nach dem Insulin hätte der Konzern mittelfristig weitere Produktionsteile aus Frankfurt abziehen können, weil diese sich dann nicht mehr gelohnt hätten. Kanzleramt, Wirtschafts- und Gesundheitsministerium sowie die hessische Landesregierung werben auch deshalb seit Monaten bei Sanofi um den Erhalt des Standorts. Sanofi erklärte auf Anfrage nur allgemein, ständig Investitionsmöglichkeiten zu prüfen, um die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten weltweit zu verbessern und die Versorgung von Patienten weltweit mit wichtigen Medikamenten und Impfstoffen sicherzustellen.

Die Bundesregierung könnte mit ihrem Werben Erfolg haben, weil Sanofi in Höchst weiter auf die vor Ort angestellten Fachkräfte bauen kann. Zudem ist die Zusammenarbeit mit den Behörden eingespielt, wenn es etwa um Genehmigungen geht. Das seien die Hauptgründe dafür, dass die Insulin-Produktion in Höchst wohl erhalten bleiben dürfte, und dort voraussichtlich mit einer Milliarden-Investition in die Zukunft geführt wird.

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