Interview: Karl Lauterbach: „Dritte Welle war wohl die letzte große Welle“
Der SPD-Politiker und Epidimiologe hat sich in der Corona-Pandemie als Mahner einen Namen gemacht hat.
Foto: ReutersBerlin. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert die Öffnungspläne einzelner Bundesländer scharf. „Ich finde es fatal, dass erneut der Wettbewerb stattfindet, welches Bundesland am schnellsten lockert“, sagte er dem Handelsblatt. „Diesen Flickenteppich bei den Öffnungen müssten wir eigentlich verhindern.“ Er erwartet schon in der kommenden Woche eine Ministerpräsidentenkonferenz, auf der bundeseinheitliche Regeln festgelegt werden könnten.
Mehrere Bundesländer haben angesichts sinkender Infektionszahlen Öffnungen für Touristen angekündigt. So sollen in Bayern Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze in Kreisen mit einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz von unter 100 ab dem 21. Mai öffnen dürfen. Das rheinland-pfälzische Kabinett will sich am Freitag mit Öffnungsschritten befassen. Mecklenburg-Vorpommern erlaubt vollständig geimpften Tagesausflüglern und Zweitwohnungsbesitzern aus anderen Bundesländern wieder die Einreise.
Die Einrichtungen sollten frühestens im Juni öffnen, sagte Lauterbach. „Dann gibt es genug bereits Geimpfte, dass der Betrieb sicher starten kann.“
Kritik übte Lauterbach auch daran, dass Bundesländer touristische Lockerungen bereits ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 100 planen. „Für Öffnungen braucht es eine deutlich niedrigere Inzidenz, etwa bei 50 oder noch niedriger“, sagte Lauterbach.
Dann seien auch weiter gehende Lockerungen nötig. „Die Homeofficepflicht müsste dann beispielsweise für vollständig Geimpfte wegfallen.“ Der Impfpass wäre dann die „Eintrittskarte zurück ins Büro“. Im Sommer würden durch das erhebliche Impftempo schwere Ausbrüche sehr viel unwahrscheinlicher. „Die dritte Welle war wahrscheinlich die letzte große Welle. Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir im Herbst wieder stark steigende Fallzahlen sehen.“
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Herr Lauterbach, die Inzidenzen gehen seit Tagen zurück, auch die Situation auf den Intensivstationen entspannt sich. Erleben wir hier das Ende der dritten Welle?
Ja, in der Tat ist die dritte Welle gestoppt. Und wenn wir die nächsten Wochen diszipliniert durchhalten, wenn es keine überstürzten Lockerungen und Öffnungen gibt, dann gehe ich davon aus, dass die Fallzahlen spätestens ab Ende Mai exponentiell sinken werden. Im Sommer werden durch das erhebliche Impftempo dann schwere Ausbrüche sehr viel unwahrscheinlicher. Die dritte Welle war dann wahrscheinlich die letzte große Welle. Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir im Herbst wieder stark steigende Fallzahlen sehen.
Sie selbst sind bislang als Warner aufgetreten. Im April haben Sie die Lockdown-Maßnahmen noch als unzureichend erklärt und vor steigenden Inzidenzen und Tausenden Toten gewarnt. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie Angst und Panik schüren?
Wir haben immer gesagt: Wenn wir jetzt nicht handeln, dann würde es zu den hohen Fall- und Todeszahlen kommen. Es wurde aber gehandelt. Unter anderem hat die Notbremse schon im Vorfeld dafür gesorgt, dass Lockerungen verhindert wurden. Dieses Signal ist in der Bevölkerung angekommen und hat für Vorsicht gesorgt. Außerdem haben die Impfungen und die Notbremse selbst durch die Testungen in Schulen und Betrieben das Infektionsgeschehen gemindert. All dies hat dazu geführt, dass wir die Lage nun zunehmend im Griff haben.
Gleichzeitig planen zahlreiche Bundesländer schon im Mai wieder Öffnungen, etwa für Hotels und Ferienwohnungen. Ist es dafür zu früh?
Ich verstehe, dass das Bedürfnis nach Lockerungen da ist. Ich warne aber vor überstürzten Entscheidungen. Ich finde es fatal, dass erneut der Wettbewerb stattfindet, welches Bundesland am schnellsten lockert. Diesen Flickenteppich bei den Öffnungen müssten wir eigentlich verhindern. Was ich beispielsweise für gefährlich halte, ist, die Hotels und Gaststätten im Innenbereich zu öffnen. Das ist nur bei viel niedrigeren Inzidenzen denkbar als Konzept, wo jeder Gast beim Einlass getestet wird. Bei den jetzigen Inzidenzen ist das zu früh, man sollte diese Einrichtungen frühestens erst im Juni öffnen. Dann gibt es genug bereits Geimpfte, dass der Betrieb sicher starten kann.
Warum gibt es noch keine bundesweiten Öffnungsregeln?
Eine bundeseinheitliche Regelung halte ich für sinnvoll und notwendig. Ich erwarte, dass dafür die Ministerpräsidentenkonferenz noch einmal zusammenkommt, beispielsweise in der nächsten Woche. Ich halte auch eine Sieben-Tage-Inzidenz von 100 als Kriterium zur Öffnung von Hotels und Gaststätten, wie es nun einige Bundesländer planen, für zu hoch.
Welche Inzidenz halten Sie für sinnvoll?
Für Öffnungen braucht es eine deutlich niedrigere Inzidenz, etwa bei 50 oder noch niedriger. Dann braucht es auch weiter gehende Lockerungen. Die Homeofficepflicht müsste dann beispielsweise für vollständig Geimpfte wegfallen. Der Impfpass wäre dann die Eintrittskarte zurück ins Büro.
Dieser befindet sich gerade in der Kritik, er gilt als nicht fälschungssicher. Teilen Sie die Sorge?
Wir benötigen dringend den digitalen Impfnachweis, der auch als fälschungssicher gilt. Dass es den erst im Sommer geben soll, ist schade. Es ist eine Gefahr für das Infektionsgeschehen, wenn Menschen mit gefälschten Impfpässen unterwegs sind. Aber das kann kein Grund sein, Geimpften Lockerungen zu verwehren. Wir müssen nun mit den Bescheinigungen arbeiten, die wir haben. Außerdem müssen Fälschungen hart bestraft werden.
Herr Lauterbach, vielen Dank für das Interview.